Feinstaub und Stickoxide Forscher halten kleinteilige Fahrverbote nicht für sinnvoll

Dunstglocke über Berlin.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)
  • Die 20-köpfige Expertengruppe kommt zwar zu dem Ergebnis, dass die Grenzwerte für Stickstoffdioxid derzeit nicht verschärft werden müssen.
  • Feinstaub hingegen werde nicht streng genug reguliert.
  • Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hatte nach Zweifeln einiger Lungenärzte und Motorenentwickler Überprüfung gefordert.
Von Markus Balser und Hanno Charisius

In Hamburg und Stuttgart gelten sie bereits, in vielen anderen drohen sie: Weil die Grenzwerte für Stickoxide vielerorts überschritten werden, sollen Fahrverbote für ältere Dieselfahrzeuge die Luft verbessern. Eine Gruppe von Lungenärzten und Motorenentwicklern hatte die Grenzwerte im Januar in Zweifel gezogen - unterstützt von Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU).

Die Wissenschaftsakademie Leopoldina stellte nun in einer Stellungnahme zum Abgasstreit klar: Die existierenden Grenzwerte seien nicht zu streng. Im Gegenteil: Beim Feinstaub legen die Forscher der Regierung wegen neuer Erkenntnisse zur Gefahr der Abgase sogar schärfere Grenzwerte nahe. Auch bei Treibhausgasen fordert das Gremium mehr Engagement der Regierung.

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Das Urteil stammt von 20 führenden deutschen Professorinnen und Professoren verschiedener Fachrichtungen. Gut 50 Seiten umfasst die Stellungnahme, in der sich die Expertinnen und Experten nicht nur zu den Gesundheitsgefahren verschiedener Luftschadstoffe äußern, sondern auch auf Grenzwerte und Messverfahren eingehen, sowie verschiedene Maßnahmen zur Schadstoffreduktion diskutieren. Die Forscher geben alles andere als Entwarnung: Sie fordern eine bundesweite Strategie zur Luftreinhaltung - und eine nachhaltige Verkehrswende.

Für die Zweifler an den Grenzwerten hat die Leopoldina eine klare Botschaft. Stickstoffoxide und Feinstaub gehörten neben Ozon zu den problematischen Luftschadstoffen. Stickstoffdioxid entsteht im Straßenverkehr vor allem durch Dieselfahrzeuge, die nicht den neuesten Abgasnormen entsprechen. Der vom Menschen verursachte Feinstaub stamme überwiegend aus Kraftwerken, Industrie, Landwirtschaft, Straßenverkehr, Öfen und Heizungen.

Beide Luftschadstoffe können gesundheitsschädlich sein. Stickoxide könnten Symptome von Lungenerkrankungen wie Asthma verschlimmern, unter andauernder Belastung auch hervorrufen. Das gravierendere Problem sei allerdings der Feinstaub. Als Faustregel gilt: Je kleiner, desto gefährlicher. Feinstaub könne die Sterblichkeit erhöhen, Erkrankungen der Atemwege, des Herz-Kreislauf-Systems und weitere Erkrankungen wie etwa Lungenkrebs und Diabetes verursachen, heißt es in der Stellungnahme. Die extrem feinen Partikel des Ultrafeinstaubs "können über die Lunge in den Blutkreislauf gelangen und auf diesem Weg weitere Gesundheitsstörungen auslösen". In der öffentlichen Debatte sollte Feinstaub sogar die größere Rolle als Stickoxide spielen, fordern die Forscher.

Einzelne Straßen zu sperren, reicht den Experten nicht aus. Das sei wenig sinnvoll, da durch solche Maßnahmen der Verkehr lediglich in andere Gebiete umgeleitet werde, heißt es in der Stellungnahme weiter. Sie empfehlen Software- und Hardwareupgrades, um die NO₂-Emissionen zu senken. Letztere seinen insbesondere für Busse und Kommunalfahrzeuge sinnvoll. Es sei zu erwarten, dass die Stickstoffdioxid-Emissionen durch modernere Fahrzeuge mit funktionierender Abgasreinigung "binnen fünf Jahren so stark zurückgehen wird, dass die geltenden Grenzwerte weitgehend eingehalten werden können".

Die Fachleute heben in ihrer Stellungnahme auch hervor, dass sich die Luft trotz aller Pobleme in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich gebesert hat. Eigentlich ist die Geschichte der Luftreinhaltung eine technische Erfolgsgeschichte", sagte Martin Lohse, der Vizepräsident der Leopoldina. Einige spielten heute keine Rolle mehr. Den verbliebenen Problemen müsse sich die Politik aber entschlossen stellen.

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