bedeckt München 17°
vgwortpixel

Ethik in der Medizin:Mensch bleiben im Krankenhaus

Wie aber kann in Zeiten von Kostendruck und zunehmender Arbeitsüberlastung ein menschliches Krankenhaus gelingen? Bezeichnenderweise beginnt der Sozialethiker Clemens Sedmak seine Beschreibung damit, wie die Klinik nicht sein sollte: "nicht toxisch", nennt er als wichtiges Kriterium und meint damit eine Einrichtung, in der Stress vermieden wird. Wer einen hilflosen Patienten mit dem Gesicht zur Wand abstellt, ohne dass dieser eine Ahnung hat, was als Nächstes mit ihm passiert, setzt ihn unnötigen Belastungen aus. Ein menschliches Krankenhaus dagegen ist verlässlich und berechenbar. Die Patienten bekommen klare Informationen darüber, was sie erwartet.

Ein menschliches Krankenhaus demütigt auch nicht. Erniedrigung, so Sedmak, entsteht durch Verletzungen der Intimsphäre, aber auch durch das Gefühl, nicht als Mensch gesehen zu werden, sondern als Fall. "Die Ärzte glitten von einem flackernden Monitor zum anderen", beschreibt der britische Patient Watt die Visite auf der Intensivstation: "Ich hatte niemals ein Gespräch mit einem von ihnen, schnappte lediglich ein paar Fakten auf, während sie untereinander murmelten."

Menschlichkeit in der Klinik verlangt zudem Mitgefühl, erläutert der Ethiker weiter. Eine verständliche Sprache gehört dazu und die Einsicht, dass "Details einen großen Unterschied machen". "Es gibt Studien darüber, wie groß der Frust bei Angestellten ist, wenn die Kaffeemaschine nicht funktioniert und nicht repariert wird." Analog dazu deprimiert es Patienten, wenn der Bildschirm flackert oder das Telefon kaputt ist. Wer mehr Menschlichkeit erreichen will, darf auch die Mitarbeiter nicht vergessen. Wer klar kommuniziert und führt, wer Anerkennung zollt, hat zufriedenere Angestellte.

Das Ganze ist für Sedmak kein Wunschdenken und nicht unbezahlbar. Menschlichkeit und ethische Grundsätze könnten sogar kostendämpfend wirken: "Wer in Mitarbeiter investiert, die hohe moralische Ansprüche haben, spart viel Geld." Denn am Ende wird ihre Leistung besser sein. Und ein Klima der Menschlichkeit kann zum Wettbewerbsvorteil werden. Dabei muss der Patient nicht immer das Maximum bekommen. Mitunter genügen schon "Inseln der Integrität". So kann sich das Personal für das wöchentliche Bad eines alten Menschen nicht nur 20 Minuten, sondern eine Stunde Zeit nehmen - und ihn so für nötige Entbehrungen zu entschädigen. Das setzt allerdings voraus, dass die Patienten ehrlich über die Grenzen des Machbaren aufgeklärt werden.

Wem permanente Gesundheit und eine allzeit beste Behandlung versprochen werden, der entwickelt unrealistische Erwartungen. Sedmak verweist auf Ben Watt, der beschreibt, wie er bisweilen jegliche Verantwortung abgeben wollte. Patienten muss ehrlich gesagt werden, dass sie möglicherweise auch Einschränkungen ihrer Gesundheit hinnehmen müssen, sagt Sedmak. Dass sie manchmal ihre Lebensziele neu justieren müssen, um mit ihrer Krankheit umgehen zu können. Diese Ehrlichkeit trägt letztlich dazu bei, dass das wichtigste Gut des Gesundheitswesens erhalten bleibt: Vertrauen zwischen den Kranken und denen, die ihnen helfen wollen.

Die Experten des Gesundheitsforums

Professor Dr. Reiner Gradinger, Ärztlicher Direktor des Klinikums rechts der Isar der Technischen Universität München

Professor Jean de Kervasdoué, Professor für Gesundheitsökonomie an der Grande École Conservatoire National des Arts et Métiers, Paris

Ministerialdirektorin Ruth Nowak, Amtschefin des bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege

Professor Dr. Dr. Dr. Clemens Sedmak, Professor für Sozialethik am King's College London und Leiter des Zentrums für Ethik und Armutsforschung an der Universität Salzburg