Süddeutsche Zeitung

Umweltfreundliche Ernährung:43 Gramm Fleisch am Tag sind genug

  • Eine Forschergruppe empfiehlt einen Ernährungsplan, der die Gesundheit des Menschen und der Erde gleichermaßen schützen soll.
  • Fleisch- und Zuckerkonsum müssten halbiert, der Verzehr von Obst, Gemüse und Nüssen etwa verdoppelt werden.
  • Der Menschheit bleibt etwa eine Generation Zeit, ihre Ernährungsweise und die Landwirtschaft entsprechend anzupassen.

Sieben Gramm Rindfleisch pro Tag. So einfach soll das Rezept sein, nicht nur für ein gesünderes Leben, sondern auch für einen gesunden Planeten. Eine Gruppe von Experten hat jetzt eine Art Ernährungsplan für die Welt zusammengestellt. Erklärtes Ziel: eine wachsende Bevölkerung gesund zu ernähren, ohne dabei den Planeten zu zerstören.

Selbstverständlich muss nicht jeder Mensch jeden Tag exakt ein Mikrosteak verzehren, um sich und der Erde etwas Gutes zu tun. Die obskur klingende Menge ist einer von vielen errechneten Werten, auf die sich das 37-köpfige Gremium der "EAT-Lancet Kommission" einigen konnte, eine Kooperation der privatfinanzierten Ernährungs- und Umweltschutzorganisation "The EAT" aus Oslo und der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet.

Drei Jahre lang haben die Fachleute für Ernährung, Landwirtschaft, Ökologie, Wirtschaft und Politikberatung zusammengesessen, um diese Zutatenliste zu erstellen - mit Blick sowohl auf die Gesundheit des einzelnen Menschen als auch die des gesamten Planeten.

Bis zum Jahr 2050 soll die Weltbevölkerung auf zehn Milliarden Menschen anwachsen. Um jeden einzelnen davon gesund zu ernähren, wären die berechneten Nahrungsmittelmengen nötig. Diese zu produzieren sollte, so die Kommission, ökologisch und nachhaltig möglich sein, vorausgesetzt, das Landwirtschaftssystem werde entsprechend umgebaut.

In dem Bericht der Kommission heißt es, bereits heute seien drei Milliarden Menschen fehlernährt, mehr als 800 Millionen Menschen hätten nicht genug zu essen, mehr als zwei Milliarden Menschen lebten mit Übergewicht. Die Zahl der Diabetiker habe sich in den vergangenen drei Jahrzehnten verdoppelt. Gleichzeitig sei die Nahrungsmittelproduktion für eine großflächige Zerstörung der Umwelt verantwortlich. Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie verursachen etwa ein Drittel der menschengemachten Treibhausgasemissionen, verbrauchen riesige Landflächen und Wassermassen. Die beiden Probleme, menschliche Gesundheit und Integrität des Ökosystems Erde, möchte die Kommission gerne mit einem Handstreich lösen.

Bis zu 11,6 Millionen ernährungsbedingte Todesfälle sollen sich mit dem globalen Ernährungsplan vermeiden lassen. Neben dem Rinder-Happen stehen darauf auch noch:

  • sieben Gramm Schweinefleisch pro Tag
  • 250 Gramm Milch oder Milchprodukte
  • etwa 230 Gramm Getreide
  • 50 Gramm Kartoffeln oder andere stärkehaltige Knollen
  • circa 0,2 Eier
  • 25 Gramm Erdnüsse
  • 25 Gramm Soja
  • 50 Gramm Bohnen oder Linsen
  • ein Hauch Schweinefett - aber keine Butter

Beim Gemüse gibt es sogar Farbempfehlungen:

  • 100 Gramm sollten dunkelgrün sein wie Spinat oder Mangold
  • 100 Gramm rot oder orangefarben, wie rote Beete, Rotkohl oder Karotten - auch wegen der gesundheitsfördernden sekundären Pflanzenstoffe, die diese Sorten enthalten
  • beim letzten Gemüsedrittel gibt es freie Auswahl
  • dazu 200 Gramm Obst

Alles zusammen stellt dem Körper etwa 2500 Kilokalorien pro Tag zur Verfügung, reichlich für mittelgroße, halbwegs aktive Erwachsene. In manchen Ländern wäre das eine extrem üppige Zufuhr, für Schwerstarbeiter sicher Magerkost und nicht nur daran lässt sich erkennen, dass die Empfehlungen höchstens eine Orientierung liefern können.

Ob diese Einheitskost auch für alle Menschen gleichermaßen gesund wäre, lässt die Kommission jedoch offen. Sie geht nicht auf genetische Unterschiede der Bevölkerungsgruppen ein. Immerhin gibt die Kommission für die meisten Zutaten eine umwelt- und gesundheitsverträgliche Spanne an, beim Rindfleisch etwa liegt die Menge zwischen 0 und 15 Gramm pro Tag, Bohnen: 0 bis 100 Gramm, Obst: 100 bis 300 Gramm - um nur ein paar Beispiele zu nennen. Dies erlaube genug Flexibilität, um alle Ernährungsstile, Anbausysteme und kulturellen Traditionen zu berücksichtigen, sagt Kommissionsmitglied und Ernährungsexperte Walter Willett von der Harvard University. Wer sich vegetarisch ernähren will, lässt das Fleisch weg und erhöht die anderen Proteinkomponenten, genauso verfahren Menschen mit veganer Ernährungsweise oder mit Lebensmittelallergien, die aus gesundheitlichen Gründen auf einzelne empfohlene Lebensmittel verzichten müssen.

Strategien für den Wandel

Wenn jedoch diese Durchschnittswerte eingehalten würden, sollte sich nach den Berechnungen der Kommission die Weltbevölkerung im Jahr 2050 ohne Mangel so ernähren lassen, dass der Planet nicht noch mehr geschunden wird als zurzeit. Wie schwierig das wird, zeigen ein paar Zahlen: In Nordamerika wird zurzeit etwa die sechseinhalbfache Menge der empfohlenen Fleischration gegessen, in Teilen Asiens nur die Hälfte. Alle Länder verzehren zu viel stärkehaltige Gemüsesorten wie Kartoffeln, in den Ländern südlich der Sahara gleich siebeneinhalb mal so viel wie empfohlen. Insgesamt muss der Konsum von rotem Fleisch und Zucker halbiert und der Verzehr von Nüssen, Früchten und Gemüse verdoppelt werden.

Um das zu erreichen, schlagen die Experten fünf Strategien vor:

  • Die Bevölkerung dazu bringen, sich für die gesunde Ernährungsweise zu begeistern. Dazu müssen die empfohlenen Lebensmittel in allen Ländern verfügbar und bezahlbar gemacht werden.
  • Die Landwirtschaft sollte von Masse auf Klasse umschalten: Statt möglichst großer Mengen sollte sie eher gesunde Nahrung produzieren.
  • Bauern sollten Wasser und Dünger effektiver einsetzen und neue ökologische Anbauverfahren entwickeln, die mehr Biodiversität ermöglichen.
  • Die Nutzung der Landflächen, Meere und Gewässer müsse neu geordnet werden. Die Ausweitung von landwirtschaftlichen Nutzflächen dürfe nicht mehr zulasten natürlicher Ökosysteme gehen.
  • Der Abfall der Lebensmittelindustrie sollte sich mindestens halbieren.

All das bis 2050 zu erreichen, sei kein einfaches Unterfangen, gesteht die Kommission in ihrem Bericht ein. Aber durchaus machbar.

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