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Grillen:In der Glut der Anfeindungen

'Wie wir Deutschen ticken'

Grillgut: In der Glut der Anfeindungen

(Foto: dpa)

Eine neue Warnung versaut Fleischessern die Grillsaison. Und diesmal sind die Risiken weder Brandwunden noch verkohlte Würstchen.

Im Frühjahr lauern mannigfache Gefahren. Kaum drängt der Mensch mit Macht in die sich aufwärmende Natur, drohen Heuschnupfen und Zeckenstich. Steigen die Temperaturen, und es durftet nach Anzünder und Marinade, ist weiteres Ungemach nicht fern: Ärzte der Universität Missouri warnen im Amerikanischen Fachmagazin für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde vor unerwünschten Nebenwirkungen des Grillens: Die zum Säubern des Rosts benutzten Drahtbürsten könnten üble Verletzungen hervorrufen.

Tiffany Baugh und ihre Kollegen haben in den USA 1700 Unfälle in den vergangenen zehn Jahren dokumentiert. Die Dunkelziffer liegt wohl weitaus höher. Allein in Amerika müssen jährlich bis zu 500 Menschen in der Notaufnahme behandelt werden, weil sie sich beim Grillen verletzen, vermuten die Forscher. Nicht Brandwunden seien der Grund dafür, sondern Stiche in Mund und Rachen. Den fatalen Verlauf von der gemütlichen Grillrunde bis in die Notaufnahme muss man sich wie folgt vorstellen: Mit Drahtbürsten wird der Grill gereinigt, dabei lösen sich kleine metallische Borsten und bleiben am fettverkrusteten Rost hängen. Beim nächsten Mal bohren sich die spitzen Nadeln dann in Würstchen, Steak und Burger und werden unbemerkt verzehrt.

"Das Thema wird völlig unterschätzt", sagt der HNO-Arzt David Chang, der ebenfalls an der Studie beteiligt war. "Weil die Verletzung mit Drahtborsten im Burger so ungewöhnlich ist, denken weder Laien noch Ärzte an diese Gefahr. Auch in der Notaufnahme ist es wichtig, dass Patienten entsprechend sorgfältig untersucht werden." Am häufigsten beobachten Ärzte Verletzungen in Mundhöhle und Rachen, aber auch Mandeln, Speiseröhre und Hals waren in einigen Fällen betroffen. Bis in Magen und Darm gelangten die Drahtborsten nur selten.

Die jahrtausendealte Kulturtechnik der Fleischzubereitung am offenen Feuer wird den Menschen zunehmend madig gemacht. Der stolze Jäger und Griller verkommt zur Witzfigur, die sich und andere in Gefahr bringt. Vegetarier vermiesen den Karnivoren ihre Lust am blutigen Steak. Vergangenes Jahr wurde Fleisch - unabhängig von der Art der Zubereitung - mit dem Segen der WHO zur neuen Gesundheitsgefahr auserkoren. Seit Jahren warnen Gesundheitsdogmatiker vor "schwarzen Stellen" an Rostbratwurst und Rindersteak. Weil im verbrannten Fleisch heterozyklische Amine und andere krebserregende Substanzen lauern, müssen verkohlte Areale herausgeschnitten werden, so die verbreitete Annahme. Allerdings gaben kanadische Forscher kürzlich Entwarnung: Die Brandspuren seien gar nicht gefährlich, sondern dienten vielmehr als eine Art Aktivkohle dazu, krebsauslösende Substanzen zu binden und so unschädlich zu machen.

Man kann das Thema Grillen drehen und wenden, wie man will, es eignet sich bestens dazu, sich die Finger zu verbrennen. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnte seine Mitbürger im Jahr 2009 vor den Gefahren des Grillens und erlebte anschließend, wie es ist, wochenlang in der Glut öffentlicher Anfeindungen zu stehen.

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