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Ernährungswissenschaft:Essen und Emotionen

In einer Frauenarztpraxis in Fürth hat Alina Oehmke die Patientin beraten. Auf einer mit blauem Stoff überzogenen Liege hat die Arzthelferin Tafeln mit Fotos und Zeichnungen aufgestellt, auch Broschüren gab sie Caroline Meinert und anderen Müttern mit: "Wir erklären den Frauen, wie wichtig die Eltern als Vorbild für die Kinder sind." Daher isst Meinert seither viel frisches Gemüse, ihr 14 Monate alter Sohn ahmt sie eifrig nach, verspeist sogar Gewürzgurken. "Kinder messen ihre Eltern daran, was sie tun - und nicht daran, was sie sagen", sagt Thomas Ellrott, Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie an der Universität Göttingen.

Oft verknüpfen Menschen auch bestimmte Nahrungsmittel mit starken Emotionen. "Woran erinnert euch die Minze?", fragt zum Beispiel Angela Dietz die Kinder im Sinnesparcours, als sie die Blätter zwischen den Fingern zerreiben. Das kann der Garten der Großmutter sein oder der Pfefferminztee zu Hause. Schon Marcel Proust beschrieb in seinem berühmten Romanzyklus "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", wie Glücksgefühle den Ich-Erzähler überwältigen, als er einen Löffel mit dem aufgeweichten Stück einer Madeleine an seine Lippen führt. Seine Tante hatte ihn früher mit dem zarten Kuchen verwöhnt.

Aber manchmal schmeckt auch ein Stück Sahnetorte fürchterlich, weil einem als Kind davon einmal übel geworden ist. "Das Gehirn speichert schlechte Erfahrungen langfristig ab", sagt Ellrott. Und es merkt sich auch, wenn ein Junge stets Kekse bekommt, sobald er im Supermarkt weint. Oder ein Stück Schokolade, damit er den Plausch der Erwachsenen nicht stört. "Dann gewöhnen sich die Kinder daran, aus Frust, Trauer oder Langeweile zu essen", sagt Ellrott.

Doch manche Kinder haben nicht einmal die Chance, einen differenzierten Geschmackssinn zu entwickeln. Übergewichtigen fällt es zum Beispiel schwerer als Schlanken, salzig und süß, bitter und den Geschmack nach Fleisch - Umami - wahrzunehmen. Sie brauchen mehr Salz und mehr Zucker, um ein Lebensmittel als salzig oder süß zu empfinden. "Oft haben die Kinder von klein auf viele Süßgetränke bekommen", sagt Susanna Wiegand, Leiterin des Adipositas-Zentrums der Charité in Berlin. Ein Apfel schmecke völlig anders - je nachdem, ob die Kleinen vorher ein Glas Wasser getrunken haben oder eine Limonade. "Wenn Kinder sehr viele Süßgetränke konsumieren, mögen sie oft kein Obst oder Gemüse", berichtet Wiegand.

In einer Reha-Klinik testete die Medizinerin, ob eine gesunde Ernährung das Geschmacksempfinden übergewichtiger Kinder und Jugendlicher verbessert. "Sie nahmen die Geschmacksrichtungen nach vier bis sechs Wochen besser wahr", berichtet Wiegand über die noch unveröffentlichten Studienergebnisse. Auch Übungen wie etwa ein Sinnesparcours können das Erleben der Kinder verstärken, noch im Alter von acht bis zehn Jahren, ergab eine Studie an französischen Schulkindern.

Darüber muss sich Nora keine Sorgen machen. Sie hat auch ein Stück Paprika mit verbundenen Augen erkannt. Die verspeist sie besonders gern, allerdings nur die roten Exemplare - Lebensmittel dieser Farbe nehmen Menschen als besonders süß wahr. "Das Auge isst mit", sagt Angela Dietz vom KErn. Nora hat gerade aus Gläsern mit rotem, mit grünem und mit gelbem Fruchtsaft probiert. "Den Roten mag ich am liebsten", ruft sie sofort. Dabei befindet sich in allen drei Gläsern derselbe Apfelsaft, nur unterschiedlich gefärbt. * Name geändert

© SZ vom 24.12.2016

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