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Ernährungswissenschaft:Acht- bis zehnmal müssen Eltern ihren Kindern ein unbeliebtes Lebensmittel vorsetzen

Auch Nora musste den Genuss von Gemüse erst lernen, Auberginen mag sie noch heute nicht. Wie viele Kleinkinder begegnete sie neuem Essen anfangs ängstlich - Wissenschaftler nennen das Phänomen Neophobie. Die Phase beginnt vermutlich gegen Ende des ersten Lebensjahrs, kann bis ins Grundschulalter währen und ab dem Alter von zwei Jahren besonders ausgeprägt sein. "Diese Angst müssen Kinder aktiv verlernen", sagt Mathilde Kersting, Leiterin des Forschungsinstituts für Kinderernährung in Dortmund. Indem sie Lebensmittel immer wieder probieren.

Acht- bis zehnmal müssen Eltern ihren Kindern ein zunächst abgelehntes Nahrungsmittel vorsetzen, bis sie es genauso gern essen wie eines, das sie auf Anhieb gern verspeisten, so eine europäische Studie. "Die genaue Anzahl der Versuche ist dabei unwichtig - Eltern sollten nur wissen, dass sie die Lebensmittel geduldig anbieten sollten, immer und immer wieder", sagt Kersting. Ohne die Kinder unter Druck zu setzen.

Wie viele verschiedene Gemüsesorten Babys im fünften und sechsten Lebensmonat kennenlernen, kann deren Geschmacksvorlieben über Jahre prägen, ergab eine Studie an deutschen und französischen Kindern. Manche Säuglinge bekamen anfangs jeden Tag einen anderen Gemüsebrei vorgesetzt - Karotte, Artischocken, grüne Bohnen, Kürbis im Wechsel. Sie aßen noch im Alter von sechs Jahren mehr von einem neuen Gemüse als jene Babys, bei denen die Gemüsesorte zu Anfang nur alle drei Tage oder sogar nur alle zehn Tage wechselte. Frühe Abwechslung zahlt sich also langfristig aus.

Vielleicht gilt das schon vor der Geburt des Kindes. Wenn Mütter viel Karottensaft während der Schwangerschaft oder der Stillzeit trinken, essen die Babys lieber karottenhaltigen Getreidebrei als andere Säuglinge, ergab eine amerikanische Studie vor einigen Jahren. Allerdings waren die getrunkenen Mengen groß - 300 Milliliter Saft pro Tag an vier von sieben Tagen, mehr als zwei Monate lang. "Wir wissen auch gar nicht, was von dem Karottensaft tatsächlich in der Muttermilch gelandet ist. Die wurde gar nicht untersucht", sagt Andrea Büttner, Professorin für Aromaforschung an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Um zu erfahren, was in der Muttermilch ankommt, hat die Arbeitsgruppe um Büttner die Muttermilch verschiedener Frauen nach dem Verzehr von Fischöl-Kapseln, verschiedener Stilltees sowie von Knoblauch untersucht. "Von den Stilltees und dem Fischöl konnten wir keinerlei Spuren finden", sagt die Lebensmittelchemikerin. Vom Knoblauch fanden sie immerhin ein danach riechendes Abbauprodukt. "Viele natürliche Aromen sind labil und werden im Körper abgebaut", sagt Büttner. Außerdem gebe es von Frau zu Frau große Unterschiede, ob zum Beispiel Abbauprodukte des Knoblauchs in der Muttermilch zu finden sind oder auch Eukalyptus.

"Vermutlich spielt es eine größere Rolle, dass das Baby beim Kochen an der Schulter der Mutter hängt. Oder dass beim Stillen die Haut und die Kleidung der Mutter nach bestimmten Nahrungsmitteln oder Gewürzen riechen. Dennoch empfehlen Ernährungswissenschaftler, auf eine abwechslungsreiche Kost in der Schwangerschaft zu achten. "Wir wissen, dass es bei manchen Frauen positive Folgen haben kann. Negative sind dagegen nicht zu befürchten", sagt die Dortmunder Forscherin Kersting.

Wie wichtig die Ernährung von Beginn an ist, hat auch Caroline Meinert* früh erfahren. Schon lange hatte sie sich vorgenommen, an Gewicht abzunehmen. "Erst nach der Schwangerschaft habe ich es geschafft", sagt Meinert. 14 Kilogramm hat sie abgenommen, nur noch jeden zweiten Abend gibt es ein wenig Schokolade. Meinert hat an dem Forschungsprojekt "Gesund leben in der Schwangerschaft" des KErn und der Technischen Universität München teilgenommen - einer Studie mit fast 2300 Teilnehmerinnen. In vier Beratungsgesprächen hat sie während und nach der Schwangerschaft unter anderem erfahren, wie sie ihren Sohn an feste Nahrung gewöhnen soll. "Hier ging es nicht allein um mich, sondern auch um mein Kind", sagt Meinert.

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