Süddeutsche Zeitung

Ernährung:Fingerfood für Babys

Kinderärzte und Hebammen beobachten einen neuen Trend: Statt ewig Brei essen Babys schon früh mit, was alle essen. Das könnte Vorteile haben. Solange die Methode nicht zum Dogma erhoben wird.

Schon bei der Frage "Stillen oder Flasche?" werden Grabenkämpfe ausgefochten. Danach wird über die richtige Beikost debattiert: Die einen werden schon nervös, wenn ein zehn Monate alter Knirps an einer Breze lutscht, andere verabreichen ihren Kindern ungeniert überzuckerte Breis und Chips. Neuerdings beobachten Kinderärzte und Hebammen jedoch einen weiteren Trend: Das Baby isst schon viel früher am Tisch das mit, was alle essen.

Es bekommt mundgerechte Happen von dem, was es sich selbst aussucht. Das verspeist es erst mit den Fingern, später mit Besteck - sei es ein Stück Kartoffel, Brokkoli, Fleisch, Banane, Brot oder Käse. "Baby-led-weaning" (BLW) heißt das Ganze und wird seit Jahren von der ehemaligen Unicef-Mitarbeiterin Gill Rapley propagiert.

Die neue Methode wird im Internet von Eltern als äußerst unkompliziert angepriesen. Doch vor allem soll BLW auch gesünder sein, behauptet Rapley. Es sorgt angeblich für eine vielfältigere Ernährung und beugt Übergewicht vor. Tatsächlich bestätigen das mittlerweile erste Studien. Eine Untersuchung von Amy Brown, Kinderärztin an der Swansea University, mit knapp 300 Babys aus dem Jahr 2013 hat etwa ergeben, dass die Beikost-Variante zu schlankeren Kindern im Alter von 18 bis 24 Monaten führt. Zudem funktionierte der Sättigungsmechanismus besser.

Andere Studien fanden hingegen keine Unterschiede beim Body-Mass-Index. Ähnlich sieht es hinsichtlich der Vielfalt der Ernährung aus: Einige Studien haben belegt, dass BLW-Babys später seltener mäkelige Esser sind, während andere keine Unterschiede bei den Nahrungsvorlieben feststellten.

Mehr Vielfalt auf dem Teller kann nie schaden. Das schützt vielleicht sogar vor Übergewicht

Die Sachlage sei unklar, resümiert ein Team um Annett Hilbig vom Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE) in einem Übersichtsartikel vom Juli 2014. Eine Empfehlung lasse sich deshalb noch nicht aussprechen. Und gegen BLW spreche etwa, dass Kinder meist erst mit dem sechstem Lebensmonat aufrecht im Kinderstühlchen sitzen und feste Stücke greifen und essen könnten.

Ein solch später Beikoststart sei aber ungünstig für die Allergieprophylaxe. Zudem könnten die Kinder unter Umständen nicht alle wichtigen Nährstoffe bekommen, vor allem dann, wenn sie erst spät im zweiten Lebensjahr Fingerfood bewältigen. Kritisch ist in dieser Phase vor allem die Versorgung mit Eisen, Zink und Jod. Im fünften bis siebten Lebensmonat seien glutenhaltige Lebensmittel wie Getreide wichtig. So werde das Immunsystem geschult, das die Kinder später gegen Allergien und die schwere Darmkrankheit Zöliakie schützt.

Die FKE-Wissenschaftlerinnen finden trotzdem Gutes an BLW. Der Ansatz könne zumindest theoretisch zu mehr Vielfalt auf dem Teller führen. Derzeit gibt es einige Hinweise, dass eine frühe Bekanntschaft mit verschiedenen Aromen und Konsistenzen vor Übergewicht schützt. Daher sollten Eltern wie gehabt Brei füttern, dabei ruhig mutig eine große Bandbreite an Gemüse- und Obstsorten verwenden, zugleich aber auch Happen vom Familienbuffet anbieten. "So lange ,baby-led weaning' nicht zum Dogma erhoben wird, ist dagegen nichts einzuwenden", sagt auch Hildegard Przyrembel, Pädiaterin und ehemalige Mitarbeiterin am Bundesinstitut für Risikobewertung.

Möglicherweise ist es aber gar nicht die Methode selbst, die eine positive Wirkung hat. Eine aktuelle Studie von Amy Brown besagt, dass Mütter, die die BLW-Methode anwenden, generell weniger ängstlich und auch unverkrampfter beim Füttern sind. Sie üben also weniger Kontrolle aus, drängen Kinder beispielsweise nicht dazu aufzuessen. Man weiß jedoch: Je weniger restriktiv das Füttern abläuft, desto besser lernen Kinder ihre Sättigungssignale zu spüren.

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SZ vom 15.06.2015/beu
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