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Ernährungsförderung:Ungünstige Ernährung kostet mehr gesunde Lebensjahre als Alkohol und Tabak

Bei allen anderen Schritten hinkt Deutschland vielen Ländern weit hinterher. Werbung beschränken Unternehmen nur auf freiwilliger Basis, was so schlecht funktioniert, wie man es sich vorstellt. Wenn die Unternehmen überhaupt mitmachen, dann kramen sie gerne sehr niedrige und oft veraltete Grenzwerte aus der Literatur hervor. Sanktionsmöglichkeiten existieren nicht. "Freiwillige Vereinbarungen haben sich als praktisch wirkungslos erwiesen", sagt Bitzer. Auch Transfette reduzieren die Firmen nur freiwillig. Die Lebensmittelampel ist längst vom Tisch, die Zuckersteuer gar nicht erst auf der Agenda, obwohl die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten bereits ein Modell für Deutschland vorgelegt hat.

Dabei werden all diese Maßnahmen längst von der WHO empfohlen - aus gutem Grund: Elf Prozent aller durch Krankheit oder Tod verlorenen Lebenszeit geht in Deutschland allein auf ungünstige Ernährung zurück. Das ungebremste Schlemmen fordert mehr gesunde Jahre als Tabak und Alkohol. Allein Diabetes und seine Folgen kosten die Solidargemeinschaft jährlich 35 Milliarden Euro.

Doch die Bundesregierung antwortet seit Jahrzehnten mit den immer gleichen Ideen: Informationskampagnen, Faltblätter, mal eine Website mit Küchentipps. Das ist per se nicht falsch, nur hat einfache Aufklärung die geringste Wirkung, wie Julika Loss erklärt: "Doch alles, was über kommunikative Maßnahmen hinausgeht, wird in Deutschland als unbotmäßige Beeinflussung der Bürger wahrgenommen".

Natürlich ist die Ernährung ein schwieriges Feld mit schwer zu klärenden Detailfragen. Wo genau legt man die Grenzwerte für welches Fett fest? Wie verhindert man, dass manche Menschen am Ende zu wenig Salz aufnehmen? Ist natürlicher Zucker in Fruchtsäften mit zugesetztem Industriezucker gleichzusetzen? Auch ethische Probleme stellen sich. "Eine Steuererhöhung schränkt die Wahl für einkommensschwache Menschen stärker ein als für Menschen mit hohem Einkommen. Das ist nicht gerecht", gibt Julika Loss zu bedenken.

Aber können diese Fragen das Zögern der deutschen Politik erklären? Gesundheitswissenschaftler, die im vergangenen Jahr im Deutschen Ärzteblatt die Präventionsvorhaben der Politik ausgewertet haben, nennen andere Gründe: "Fehlendes Wissen, mangelndes Problembewusstsein, ideologisch begründete Missverständnisse, politische Trägheit und wirtschaftlich motivierte Lobbyinteressen". Loss hält auch die insgesamt schwache Position der deutschen Public-Health-Forschung für eine mögliche Ursache.

In Großbritannien beispielsweise haben mehr als 60 Public-Health-Organisationen Druck für die Zuckersteuer gemacht. In Deutschland sitzen derzeit genau vier medizinische Fachgesellschaften an einem runden Tisch im Bundesernährungsministerium, der darüber debattiert, wie Fett, Salz und Zucker in Fertigprodukten begrenzt werden können. Ihnen gegenüber ein Mehrfaches an Industrieverbänden. "Es ist schwer gegen diese Übermacht anzukommen", sagt Bitzer, die an den Gesprächen teilnimmt.

17 Mal trafen sich Mitarbeiter des Ministeriums mit Vertretern der Nahrungsmittel-Industrie

Diese Konstellation besteht, seit an der "Nationalen Reduktionsstrategie" - so der offizielle Name - gearbeitet wird. In den ersten beiden Jahren trafen sich Mitarbeiter des Ministeriums alleine 17 Mal mit Vertretern der Zucker- und Süßwarenindustrie. Hinzu kamen zahlreiche Gespräche mit Giganten der Branche und etlichen Wirtschaftsverbänden, wie aus einer Antwort der Regierung auf eine Anfrage der Grünen hervorgeht.

So ist am Ende zu befürchten, dass der Entwurf aus dem Ministerium Realität wird. Sein Kernstück sind freiwillige Aktionen der Wirtschaft. Und für den Verbraucher: Broschüren und Informationsmaterialien.

© SZ vom 10.10.2018
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