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Ernährung:Viele meiden Gluten - Studie zeigt keine Vorteile

Brote

Brot essen oder lieber doch nicht? Diese Frage sorgt bei vielen für Verunsicherung.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Glutenverzicht nützt dem Herz nichts: Das geht aus einer Langzeitsstudie hervor, die US-Forscher im British Medical Journal vorgestellt haben.
  • Wer freiwillig auf Vollkorn-Produkte verzichte, laufe Gefahr, gleichzeitig deren schützenden Effekt zu verlieren, so die Wissenschaftler.
  • Experten warnen grundsätzlich vor Selbstdiagnosen und Ernährungsumstellungen nach Gefühl.

Ein freiwilliger Verzicht auf Gluten, das in Weizen und weiteren Getreidearten enthaltene Klebereiweiß, bringt keine Vorteile für die Herzgesundheit. Das geht aus Gesundheits- und Ernährungsdaten von etwa 110 000 Amerikanern über 24 Jahre hinweg hervor. Im Gegenteil, möglicherweise ist das Weglassen von Gluten sogar ungünstig: Denn mit dem Gluten reduzieren viele Menschen auch ihren Vollkornkonsum, der das Herz zu schützen scheint.

US-Forscher stellten die Metaanalyse jetzt im British Medical Journal vor. Sie hatten gesunde, nicht an Gluten-Unverträglichkeit (Zöliakie) leidende Teilnehmer nach deren Gluten-Konsum in fünf Gruppen eingeteilt und deren Herzgesundheit betrachtet. "Sogar in der Gruppe mit dem niedrigsten Gluten-Konsum gab es dieselben Raten an koronarer Herzerkrankung wie in der Gruppe mit dem höchsten Konsum", so Mitautor Andrew Chan von der Harvard School of Medicine. Ein positiver Effekt des Verzichts konnte somit nicht festgestellt werden.

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"Gluten ist selbstverständlich schädlich für Menschen mit Zöliakie", betont Autor Benjamin Lebwohl (Columbia University). Aber durch populäre Diätbücher glaubten viele Menschen, dass eine Gluten-arme Diät für jeden gesund sei. Wer aber auf Vollkorn-Produkte verzichte, laufe auch Gefahr, gleichzeitig deren schützenden Effekt vor Herzerkrankungen zu verlieren.

Glutenfreie Ernährung ist lukratives Geschäft geworden

Der Hintergrund der Studie: Etwa 200 Millionen Essen pro Jahr werden in den USA Gluten-frei geordert. Der Verzicht liegt seit Jahren im Trend. Die Gründe dafür sind vielfältig. Bei Menschen mit angeborener Gluten-Unverträglichkeit (Zöliakie), etwa einem Prozent der US-Bevölkerung, löst das Eiweiß eine Dünndarmentzündung mit teils heftigen Darmbeschwerden aus, auch Blutarmut, Blähungen oder Osteoporose können die Folgen sein. Andere Menschen reagieren damit auf Weizenallergie oder Gluten-Sensitivität.

Aber auch populäre Bücher wie "Wheat Belly" ("Weizenwampe") des Arztes William Davis sagen dem vermeintlich ungesunden und dickmachenden Protein den Kampf an. Eine Flut teurer, Gluten-freier Lebensmittel findet viele Abnehmer: Jeder zehnte US-Haushalt lebt einer Marktforschungsumfrage zufolge glutenfrei und jeder vierte Amerikaner glaubt, dass Ernährung ohne Gluten für jedermann gesund sei.

Die Langzeitstudie ergibt ein anderes Bild: "Basierend auf unseren Daten ist eine Gluten-arme Diät nur mit dem Ziel Herzgesundheit nicht zu empfehlen", resümiert der Gastroenterologe und Mitautor Andrew Chan von der Harvard School of Medicine.

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Martin Raithel, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen (DGVS) sowie der Deutschen Gesellschaft für Allergologie (DGAKI), sieht das ähnlich. "Vor allem B-Vitamine können das Herz schützen", sagt er. Ballaststoffe aus Vollkörnern sind zudem wichtige Bestandteile für die Darmflora, regulieren die Darmtätigkeit und lassen den Blutzuckerspiegel langsamer ansteigen. Wer Getreide ohne Grund meide, enthalte dem Körper zugleich wichtige Polyamine vor, so der Experte.

Nach seinen Worten haben in Deutschland etwa zwei bis drei Prozent der Menschen Zöliakie. Ein weiteres Prozent leide an Weizenallergie oder Gluten-Sensitivität. "Die Zahlen der Weizen- oder Glutensensitivität werden in der Öffentlichkeit und in den Medien generell überschätzt. Problematisch ist, dass nach den einzelnen Ursachen nicht immer diagnostisch ausreichend gefahndet wird." Um Klarheit zu bekommen, empfehlen Experten, bei anhaltenden Darmbeschwerden nicht mit Selbst-Tests aus dem Internet oder beim Heilpraktiker Hilfe zu suchen, sondern sich beim Arzt diagnostizieren zu lassen.

Außerdem warnt Raithel: Kinder in der Familie in die Gluten-freie Diät einfach mit einzubeziehen, sei für den Nachwuchs nicht nur einschränkend, sondern sogar gefährlich. "Denn mit jeder Einschränkung von Lebensmitteln verkleinert sich die Vielfalt der Darmflora. Und das ist wiederum ein Risikofaktor für die Entstehung von vielen Erkrankungen."

© SZ.de/dpa/ihe/lkr
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