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Ernährung:Ein Staat macht Diät

Hungry Planet, Mexiko, Buch: 'So isst der Mensch'

24 Liter Cola haben Marco Antonio und Alma Casales und Kinder in einer Woche getrunken. Die Familie aus Cuernavaca ist damit typisch für ihre Heimat: Mexikaner hatten noch im Jahr 2011 den höchsten Pro-Kopf-Konsum von Coca Cola weltweit, mit 163 Litern pro Einwohner und Jahr.

(Foto: Peter Menzel)

Schluss mit Limo, Tacos, in Fett frittierter Schweinehaut: Mexiko kämpft wie kaum ein anderes Land gegen Übergewicht - und wird zum weltweiten Vorbild.

Von Astrid Viciano

Die Nacht war gerade angebrochen, und noch ahnte die Polizistin Laura Canseco nicht, dass ihre Kräfte sie bald verlassen sollten. Bei ihrer Patrouille durch die spärlich beleuchteten Straßen des Viertels Tepito in Mexiko-Stadt hörte sie plötzlich Schritte, Poltern, ein Kreischen. Zwei Gestalten stürmten aus der Tür eines Familienhauses, rannten mit Laptops unter den Armen davon. Gemeinsam mit einem Kollegen lief sie den Einbrechern hinterher. Bald jedoch strauchelte sie, stolperte, rang verzweifelt nach Luft, als endlich ein Streifenwagen den Tätern den Fluchtweg abschnitt. "Fast wären mir die beiden Männer entkommen", erinnert sich die Polizistin.

In jener Nacht dämmerte Laura Canseco, dass sie zu dick geworden war und zu behäbig, 95 Kilogramm brachte sie damals auf die Waage, bei nur 160 Zentimetern Größe. Mehr als 20 Jahre im Streifendienst hatten ihre Spuren hinterlassen, in den gefährlichsten Straßen der mexikanischen Metropole hatte sie Drogendealer, Einbrecher und Taschendiebe verfolgt. Zeit für eine richtige Mahlzeit blieb da wenig. Also aß sie einen Taco hier, eine Enchilada dort, und ihren Durst stillte sie stets mit Cola. "Ich trank ein bis zwei Liter Cola am Tag", erinnert sich die Polizistin, heute 49 Jahre alt, mit wachem Blick, straff zurückgekämmten schwarzen Haaren, in sorgfältig gebügelter weißer Bluse mit rosa Tupfen.

Noch vor 25 Jahren herrschten in Mexiko Hunger und Infektionserkrankungen

So konnte es damals nicht weitergehen, nicht mit Laura Canseco und auch nicht mit vielen ihrer Kollegen. Drei Viertel der 90 000 Polizisten in Mexiko-Stadt gelten Schätzungen zufolge als übergewichtig, sie spiegeln damit einen Trend wider, der die gesamte mexikanische Bevölkerung wie eine Epidemie erfasst hat. Während die Weltöffentlichkeit vor allem den verzweifelten Krieg gegen die Drogenkartelle verfolgt, führt das Land fast unbemerkt einen anderen Kampf: gegen das Übergewicht und seine Folgen.

Noch vor 25 Jahren standen in Mexiko wie in anderen armen Ländern Hunger und Infektionserkrankungen im Vordergrund der nationalen Hilfsprogramme. Durchfall, Aids, Malaria galten als große Bedrohungen der Bevölkerung. Ebenso gefürchtet war die Unterernährung, die das Immunsystem vieler Menschen schwächte. Als hätte ein Windstoß kräftig durch die alte Statistik gepustet, haben die Entwicklungen der vergangenen Jahre die bisherigen Konzepte über den Haufen geworfen und Ärzte wie Patienten vor völlig neue Herausforderungen gestellt. Brachten im Jahr 1989 weniger als zehn Prozent der mexikanischen Bevölkerung zu viele Pfunde auf die Waage, sind den neuesten Zahlen zufolge rund 70 Prozent der Erwachsenen übergewichtig. Der inzwischen verstorbene Mexikaner Manuel Uribe schaffte es mit 560 Kilogramm als schwerster Mensch der Welt ins Guinness-Buch der Rekorde.

In kaum einem anderen Land der Welt hat die Anzahl übergewichtiger Menschen so schnell zugenommen wie in Mexiko, und fast nirgendwo sonst geht eine Regierung derart entschlossen gegen das Problem vor, mit landesweiten Programmen, neuen Gesetzen, modernster Medizin. Mexiko gilt daher weltweit als gigantischer Feldversuch - auch, weil Forscher den Erfolg der Maßnahmen dort wissenschaftlich evaluieren. "Das ist sehr ungewöhnlich", sagt der Ernährungswissenschaftler und Epidemiologe Barry Popkin von der University of North Carolina, der die mexikanische Regierung berät und bei der Evaluierung unterstützt. Inzwischen haben auch andere Länder Popkin gebeten, ihnen beim Umsetzen genau dieses lateinamerikanischen Modells zu helfen.

Manuel Uribe schaffte es mit 560 Kilogramm ins Guinness-Buch der Rekorde

Weltweit sind heute mehr Menschen fettleibig als unterernährt, mehr als 640 Millionen Menschen. In fast allen Ländern Lateinamerikas, des Nahen Ostens und Nordafrikas ist mindestens ein Drittel der Erwachsenen zu dick. Selbst in Kenia, wo im vergangenen Sommer Teilen der Bevölkerung eine Hungersnot drohte, sind 25 Prozent der Bevölkerung übergewichtig.

Übergewicht allein kann die Lebenserwartung um sechs bis sieben Jahre senken. Hinzu kommt, dass manche Bevölkerungsgruppen in Lateinamerika besonders ungünstige Genmutationen mit sich herumtragen. Diese halfen früher, Fett im Körper besonders effizient anzulegen, um Hungerphasen zu überleben. Heute erhöhen sie durch die Fettansammlung um Herz und Leber das Risiko für Diabetes. Die Körperzellen der Übergewichtigen sprechen bald nur noch schlecht auf das Hormon Insulin an. Und bei einem Typ-2-Diabetes verdoppelt sich ihr Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Halten sich die Patienten nicht strikt an ihre Therapie, drohen Erblindung, Nervenleiden und Amputationen, Nierenerkrankungen bis hin zur Dialyse. Davor hatte die Polizistin Laura Canseco große Angst. "Ich weiß aus meinem Bekanntenkreis, wie schlimm die Folgen von Übergewicht sein können", sagt sie. In Mexiko ist Typ-2-Diabetes die zweithäufigste Todesursache.

Im September 2011 beriefen die Vereinten Nationen eine Sonderkonferenz ein, unter anderem um sich dem Thema Übergewicht und den Folgeerkrankungen in Ländern niedrigen und mittleren Einkommens zu widmen. "Das war ein enormer Fortschritt", sagt Homero Martinez, bis vor Kurzem Wissenschaftler am renommierten RAND-Institut in Los Angeles.

"In Entwicklungsländern bekommen viele Patienten mit Diabetes keine Behandlung - weil sie sich keine leisten können"

Innerhalb nur einer Generation ist die Fettleibigkeit zu einem gigantischen Problem herangewachsen. Die Regierungen sind auf die neue Situation nicht vorbereitet, und viele von ihnen haben weder die politische noch die finanzielle Schlagkraft, um das Übergewicht und seine gesundheitlichen Folgen wie Diabetes mellitus oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen erfolgreich zu bekämpfen. Allein die Folgen von Diabetes mellitus kosten die Länder Lateinamerikas und der Karibik jährlich schätzungsweise 65 Milliarden Dollar, zwischen zwei und vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts und zwischen acht und 15 Prozent des nationalen Gesundheitsbudgets.

Und die finanzielle Belastung wird weiter zunehmen, auch für den einzelnen Menschen. "In Entwicklungsländern bekommen viele Patienten mit Diabetes gar keine Behandlung - weil sie sich keine leisten können", sagt der amerikanische Epidemiologe Barry Popkin. In Indien etwa müssen die Patienten bis zu ein Viertel ihres Haushaltseinkommens für ihre Behandlung ausgeben. In Bangladesch entsprechen die Kosten einem durchschnittlichen Jahresgehalt. Und in vielen Ländern steht schlicht kein Insulin zur Verfügung.

Als wäre Übergewicht ansteckend, schwappte das Gesundheitsproblem vom mächtigen Nachbarn im Norden nach Mexiko über. Schon vor Jahren haben US-amerikanische Investoren den lateinamerikanischen Staat überrollt, beschleunigt durch das 1994 geschlossene nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta. Auch mithilfe dieses Abkommens haben amerikanische Supermärkte mit ihrem Convenience Food die traditionellen Märkte mit frischer Ware verdrängt. "Nafta hat die Verfügbarkeit und den Konsum von kalorienreichen Lebensmitteln erhöht", sagt der Epidemiologe Barry Popkin. Im Jahr 1985 eröffnete die erste McDonald's-Filiale in Mexiko. Inzwischen lassen sich manche Kunden sogar dort trauen. Marisela Matienzo und Carlos Muñoz etwa gaben sich nahe der Stadt Monterrey am 26. November 2010 das Ja-Wort, es war die erste Hochzeit in einer lateinamerikanischen Filiale der Fast-Food-Kette überhaupt. Das Hochzeitsbuffet bestand aus Spezialitäten wie Big Macs, Chicken Nuggets und Pommes.

Das Hochzeitsbuffet bestand aus Big Macs, Chicken Nuggets und Pommes

Auch der zwölfjährige Luis Ángel aus Mexiko-Stadt ging früher jedes Wochenende mit seinen Großeltern zu McDonald's. Cajita Feliz heißt das Kindermenü in Mexiko, es birgt satte 637 Kalorien. "Die habe ich immer bekommen, wirklich immer!", sagt der Zwölfjährige. Ein rundes Kind gilt in Mexiko noch immer als gesund; liebevoll nennen die Großeltern den Jungen "gordito", Dickerchen. Donuts, Schokolade, Pfannkuchen setzten sie Luis Ángel regelmäßig vor, drängten den dunkelhaarigen Jungen mit dem breiten, freundlichen Gesicht, kräftig zuzulangen. Mexikaner essen im Durchschnitt 19,9 Kilogramm Kuchen und Törtchen pro Jahr, kein anderes Volk vertilgt eine vergleichbare Menge.

Selbst im großzügig angelegten Chapultepec-Park im Herzen von Mexiko-Stadt fällt es schwer, den Angeboten der Straßenhändler zu entgehen; deren Stände drängen sich auf den asphaltierten Wegen. Sie locken mit Zuckerwatte, mit Eis, und für einen Euro können die Familien Chicharrón kaufen, in Fett frittierte Schweinehaut, nach Belieben noch mit einer Portion Schmand dazu. Sogar die Tortillafladen der Straßenhändler triefen von Fett.

Heute können die Verkäufer sich das leisten, denn durch technische Fortschritte in der Produktion sind die Preise für pflanzliche Öle dramatisch gesunken. Eine Studie ergab, dass zum Beispiel in China der Konsum von Pflanzenölen von 14,8 Gramm pro Person im Jahr 1989 innerhalb von 15 Jahren auf 35,1 Gramm angestiegen ist. Allein die Pflanzenöle haben den Chinesen pro Tag und Kopf 183 Kalorien mehr eingebrockt. Und nur 100 Extrakalorien am Tag genügen langfristig, um überflüssigen Speck an Hüfte und Bauch zu produzieren. Wer im Alter von 20 Jahren 70 Kilogramm wiegt, bringt durch die tägliche Extraportion 20 Jahre später 80 bis 90 Kilo auf die Waage. "Es ist sehr einfach, an Gewicht zuzunehmen", sagt Juan Rivera, Leiter des Mexikanischen Forschungszentrums für Ernährung in Cuernavaca und einer der führenden Experten des Landes.

Mexikaner sollen lernen, wie sie gesunde Mahlzeiten zu Hause kochen können

Da genügen schon ein paar Gläser Cola am Tag, zum Beispiel bei Luis Ángel. Dem Jungen fällt es besonders schwer, auf das geliebte Getränk zu verzichten. Und auf Limonade. Und Wasser mit Sirup, eine Spezialität seiner Heimat. Noch vor wenigen Jahren tranken die Mexikaner mehr Cola als Milch. Sie tranken mehr Cola pro Einwohner als jede andere Bevölkerung weltweit. Während Mexikaner im Jahr 1992 noch 287 Gläser pro Kopf und Jahr an süßen Getränken (vor allem Cola) konsumierten, waren es zehn Jahre später 487. Der Kalorienkonsum aus Süßgetränken nahm um 50 Prozent zu. Und der Verzehr von Obst und Gemüse ging von 1984 bis 1998 um fast ein Drittel zurück.

Diesen Trend will die mexikanische Regierung bremsen und hat die Bekämpfung des Übergewichts zur Chefsache erklärt. Seit Januar 2010 entwickelt ein Konsortium Strategien dafür, mit Vertretern der Regierung und der Lebensmittelindustrie, Universitäten und Verbraucherschützern. Die Mexikaner sollen aktiver werden - in der Schule wie bei der Arbeit, und dafür sollen auch mehr Parkanlagen und Spielplätze geschaffen werden. Mexikaner sollen lernen, wie sie gesunde und preiswerte Mahlzeiten zu Hause kochen können. Mexikaner sollen weniger tierisches Fett und weniger süße Getränke zu sich nehmen.

Daher führte die mexikanische Regierung im Januar 2014 eine Steuer ein - acht Prozent Aufpreis für jedes gezuckerte Süßgetränk, zehn Prozent für jedes Nahrungsmittel, das mehr als 275 Kalorien pro hundert Gramm enthält. "Das ist nicht viel, dennoch haben wir erste Erfolge gesehen", sagt Barry Popkin. Gleich zwei Studien veröffentlichte der Epidemiologe darüber im vergangenen Jahr, gemeinsam mit mexikanischen Kollegen. So war ein Jahr nach Einführung der Steuer der Verkauf der gezuckerten Süßgetränke in 53 Städten des Landes um zwölf Prozent gesunken, das entsprach 4,2 Liter weniger pro Person. Bei den kalorienreichen Lebensmitteln nahm der Verkauf um 5,1 Prozent ab, in der armen Bevölkerung sogar um 10,2 Prozent. "Wir haben festgestellt, dass auch niedrige Steuern den Konsum beeinflussen können", sagt Popkin. Sein mexikanischer Kollege Juan Rivera fordert inzwischen, die Steuer auf Süßgetränke auf 20 Prozent zu erhöhen. Und die Steuereinnahmen in Programme zur Bekämpfung des Übergewichts fließen zu lassen.

Manche Kliniken haben bereits Spezialstationen für dicke Kinder eingerichtet, wie etwa das renommierte Hospital Infantil Federico Gómez in Mexiko-Stadt. Ärzte und Ernährungsberater, Psychologen und Sozialarbeiter betreuen die kleinen Patienten, auch den von seinen Großeltern gepäppelten Luis Ángel.

Manche Kliniken haben bereits Spezialambulanzen für dicke Kinder eingerichtet

Seine Mitschüler hänselten ihn derart, dass er die Schule schwänzte. "Was soll ich denn machen? Die sind viel größer und stärker als ich", sagt er frustriert und erzählt lieber von seinen Erfolgen. Inzwischen verzichtet er auf Limo, Sirup und Cola und hat mit dem Fußballspielen angefangen. Der Junge hat für den Termin in der Klinik eigens eine dunkelblaue Sportjacke und Turnschuhe angezogen, er wiegt jetzt 53 Kilogramm, nur noch ein paar Pfund über dem Normalgewicht. "In der Klinik erklären sie uns, wie wir uns gesund ernähren können", sagt Elizabeth Reyes, seine Mutter, eine zierliche Frau mit langen schwarzen Haaren.

Dabei dürften auch die neuen Gesetze helfen, die seit Mai 2014 für alle Schulen Mexikos gelten. Sie müssen gesünderes Essen als bisher anbieten, und die Lebensmittelindustrie darf ihre ungesunden Produkte den Schülern nur noch in kleinen Portionen anbieten. Eine Packung Chips oder Kekse darf nicht mehr als 140 Kalorien enthalten, Snacks dürfen nicht mehr als zehn Prozent Zucker enthalten, nicht mehr als 35 Prozent Fett. Stets sollen kalorienarme Alternativen zu Limonade und Cola zur Verfügung stehen. Doch fehlt es an allen Enden. "In vielen Schulen gibt es nicht einmal Trinkwasser aus dem Wasserhahn", sagt Homero Martinez. Auch Laura Canseco, die Polizistin, hat die Tücken des Programms in der Schule ihrer Tochter erlebt. Zwar halten sich auf dem Gelände alle an die neuen Gesetze. "Aber direkt vor dem Schultor verkaufen dann Straßenhändler ihr Zeug an die Schüler", sagt Canseco.

Da mutet ein neues Programm der Regierung schon fast verzweifelt an. Seit 2009 übernimmt der Staat bis zu 95 Prozent der Behandlungskosten einer Magenverkleinerung, wenn Patienten den OP-Kriterien entsprechen. Wenn sie einen Body-Mass-Index (BMI) zwischen 35 und 40 haben und zusätzlich an einer Begleiterkrankung wie Diabetes oder Bluthochdruck leiden. Oder ihr BMI über 40 liegt. Der Body-Mass-Index errechnet sich aus Körpergröße und Gewicht. Eine Frau, die 1,65 Meter groß ist und 120 Kilogramm wiegt, hat zum Beispiel einen BMI von 44.

Im Herbst 2016 fährt Fernanda Rivera in das Krankenhaus Dr. Rubén Leñero in Mexiko-Stadt, um ihr Leben zu ändern. Sie ist 30 Jahre alt, sie wünscht sich ein zweites Kind, doch der Frauenarzt hat ihr wegen ihres Übergewichts davon abgeraten. Sie wiegt 104 Kilogramm, bei einer Körpergröße von 1,62 Metern.

Rivera sieht keinen anderen Ausweg mehr, als sich operieren zu lassen, nach unzähligen Diäten. Sie hat Schmerzen in den Knien, ist schnell erschöpft, ihre Regelblutung ist seit drei Jahren ausgeblieben. "Ich war ständig krank, litt unter Ängsten und Depressionen", sagt sie. Der Eingriff ist gut verlaufen, sie hat bereits mehr als 20 Kilogramm abgenommen, sogar die Schuhe sind ihr inzwischen zu groß. Früher sei sie oft gereizt gewesen, heute sei sie viel ausgeglichener, glücklicher. "Das hat sich auch auf unsere Familie positiv ausgewirkt", sagt Rivera.

Bereits 1600 Patienten hat der Chirurg Francisco Campos mit seinen Kollegen operiert, vor drei Jahren eröffnete eine zweite Klinik in Mexiko-Stadt, dort fanden inzwischen 350 Eingriffe statt. Die OP-Tische sind so gebaut, dass sie bis zu 480 Kilogramm schwere Patienten tragen können. "Das Problem des Übergewichts in Mexiko können wir mit der Operation aber nicht lösen", sagt Campos, der das Programm landesweit koordiniert.

Denn oft sind es die Lebensumstände, die Menschen krank machen. Die Polizistin Laura Canseco zum Beispiel fährt morgens mehr als drei Stunden zur Arbeit und abends wieder mehr als drei Stunden zurück. Jeden Tag. Erst sitzt sie 90 Minuten in einem Bus, dann in zwei U-Bahnen, dann in einem Shuttle-Bus der Polizei. "Wenn ich abends um neun Uhr endlich nach Hause komme, muss ich mich um meine Tochter kümmern", sagt Canseco. Für Sport bleibt da kaum Zeit, sie versucht vor allem, ihr Gewicht zu halten. Als Trainerin in einem eigens entwickelten Fitnessprogramm der Polizei hat Canseco einst 20 Kilogramm abgenommen. Mehr als jeder andere Kollege in Mexiko-Stadt.

Mitarbeit: Arturo Barba und Claudia Macedo

© SZ vom 14.01.2017/fehu
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