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Ernährung:Freispruch für das Ei

Frühstücksei

Sündenbock am Frühstückstisch: Viele Ernährungslehren scholten das Ei als ungesund, eine neue Studie räumt damit auf.

(Foto: Martin Gerten/dpa)

Oft werden Eier als ungesund verteufelt, Harvard-Forscher haben das nun widerlegt. Das bringt die Freude am Frühstück zurück - und zeigt, wie unsinnig es ist, einzelne Lebensmittel zum Sündenbock zu erklären.

Noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in einigen Regionen Deutschlands den Brauch, Kindern zur Stärkung ein "Zuckerei" zu geben. Dazu wurden zwei, drei rohe Eier mit zwei, drei Teelöffeln Zucker in der Tasse zu einem sämigen Brei verrührt. War durchaus lecker. Aus Sicht heutiger Ernährungsextremisten konnte es wohl kaum eine schlimmere Mischung geben. Nein, nicht wegen der möglichen Keimbelastung durch Salmonellen. Vielmehr hat Zucker längst Salz und Fett als Oberschurke in der Küche abgelöst. Und Eier gehören zu den Allzeitklassikern, wenn es darum geht, "schlechte" Ernährung zu geißeln oder seinen Mitessern das Frühstück zu verderben.

Rocky Balboa hat zwar dank der ausgefeilten Sportlerdiät aus rohen Eiern und Hieben gegen abgehangene Schweinehälften (rotes Fleisch!) reihenweise Gegner auf den Ringboden geschickt. Aber das waren die 1970er-, 1980er-Jahre, also die Steinzeit des Ernährungsbewusstseins. Außerdem ging der Mann einer körperlich aufreibenden Tätigkeit nach.

"Eier, wir brauchen Eier!" Olli Kahn war ein Prophet der Ernährungswissenschaften

Was in den Folgejahren an unsinnigen Ernährungslehren auf den Markt kam, hat die Menschen unglücklich gemacht und ihnen manchmal den Appetit verdorben. Der Streit um die richtige Ernährung ist längst zur Ideologie verkommen. Insofern kommt der Freispruch für das Ei gerade richtig. Im British Medical Journal zeigen Harvard-Forscher, dass es der Gesundheit keineswegs schadet, regelmäßig Eier zu essen. Sie kennen in Massachusetts wahrscheinlich nicht das entsprechende Lied, sonst hätten sich ihre Erkenntnisse unter dem Motto "jeden Tag ein Ei, und am Sonntag zwei", prima subsumieren lassen.

Über den Zeitraum von 30 Jahren wurden Ernährungsgewohnheiten von mehr als 200 000 Teilnehmern analysiert. Auch bei regelmäßigem Konsum von Eiern kam es nicht zu mehr Herzinfarkten, Schlaganfällen oder anderen kardiovaskulären Leiden. Daran zeigt sich wieder einmal, dass es nicht redlich ist, ein Lebensmittel oder eine bestimmte Substanz zum Sündenbock auf dem Speiseplan zu machen. Sich darauf zu versteifen, dass Eier, rotes Fleisch, Salz oder Zucker (und früher Fett) schädlich sind, ist ebenso falsch, wie Hülsenfrüchte, Brokkoli, Ingwer oder exotische "Superfoods" zum Allheilmittel zu erklären.

Essen ist ein ganzheitliches Erlebnis. Viel wichtiger als der Nährwert ist der Mehrwert durch Lust und Sinnenfreude. Außerdem hat Gesundheit viel damit zu tun, wie man sein Leben sonst so bewältigt. Wer missmutig in die Welt schaut und bewegungsscheu seine Mitmenschen verachtet, tut seiner Gesundheit auch nichts Gutes, wenn er sich pflichtschuldig ein paar Löffel kalt gepresstes Olivenöl einflößt. Darauf einen Eierlikör.

© SZ vom 07.03.2020
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