Emotionen Lob dem Ekel

Lösen glücklicherweise Ekel aus: verdorbene Lebensmittel.

(Foto: dpa)
  • Ekel dient in erster Linie dazu, Infektionen zu vermeiden, wie eine neue Studie bestätigt.
  • Menschen lernen daher schon sehr früh, andere nicht anzuwidern, weil dies den Ausschluss aus der Gemeinschaft bedeuten könnte.
Von Astrid Viciano

Stellen Sie sich vor, Sie treten mit bloßen Füßen auf eine Nacktschnecke. Malen Sie sich nun aus, dass ein Kind Ihr Geschirr mit einer Toilettenbürste schrubbt. Wird Ihnen langsam flau im Magen? Was, wenn Sie plötzlich herausfinden, dass Ihr Nachbar seine Notdurft nicht auf der Toilette, sondern im Garten verrichtet? Das finden Sie eklig? Das ist nicht nur normal, sondern sogar überlebenswichtig, berichtet die Epidemiologin und Anthropologin Val Curtis von der London School of Hygiene and Tropical Medicine aktuell im Fachjournal Philosophical Transactions B.

Mehr als 70 widerwärtige Szenarien hat Val Curtis ihren 2600 Studienteilnehmern vorgesetzt, unter denen zwei Drittel Frauen und fast die Hälfte Studenten waren. Rasch zeigte sich, dass die Probandinnen empfindlicher waren als die Probanden, jüngere Teilnehmer meist leichter angewidert als ältere. Vor allem aber machte die Anthropologin verschiedene Formen des Ekels aus, die alle ein gemeinsames Ziel verfolgen: Das Verhalten zu ändern. Weil Menschen sich ekeln, essen sie keine verdorbenen Speisen und stecken ihre Finger nicht in eitrige Wunden. "Ekel hat einen enormen Einfluss auf unser Verhalten", sagt die Wissenschaftlerin. Emotionen haben sich also im Laufe der Evolution als Antrieb für bestimmte Verhaltensweisen entwickelt.

Warum aber ekeln sich Menschen überhaupt? Um das herauszufinden, führt die Epidemiologin seit Jahrzehnten weltweit Studien über das Ekelgefühl und das Hygieneverhalten des Menschen durch, in Indien zum Beispiel, Nepal und Kirgisien. "Ekel schützt uns vor Infektionen", sagt Curtis. Das konnte sie auch mit ihrer aktuellen Studie erneut bestätigen.

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Vor Jahren hatte Curtis erstmals Ekel als einen Mechanismus ausgemacht, der Menschen vor Infektionen mit Viren oder Bakterien schützen soll. Seit Langem war bekannt, dass Haut und Schleimhäute fremdes Getier daran hindern, in den Körper einzudringen. Auch das Immunsystem wird seit Jahrzehnten intensiv erforscht. Der Ekel jedoch entpuppte sich als vorgeschaltete Schutzfunktion.

Frauen in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft zum Beispiel sind besonders leicht von etwas angewidert - unabhängig davon, ob sie unter Schwangerschaftsübelkeit leiden oder nicht. Im ersten Drittel der Schwangerschaft ist nämlich das Immunsystem natürlicherweise geschwächt, damit die Körperabwehr den Embryo in der Gebärmutter nicht abstößt. "Daher müssen sich Schwangere in dieser Zeit besonders gut vor Infektionen schützen", sagt Curtis. Da hilft das ausgeprägte Ekelgefühl. Ist jemand besonders leicht von etwas angewidert, nimmt er auch andere Risiken des Alltags als gefährlicher wahr als weniger empfindliche Menschen, so ergab es jüngst eine Studie der Universität Cambridge. Befragungen der Londoner Anthropologin in Afrika, Indien und Europa ergaben, dass über Kulturen hinweg die stärksten Ekel-Auslöser identisch sind - Kot etwa, Kadaver und Eiter. Jene Sekrete des Körpers also, die für Menschen am gefährlichsten sind. Ein Gramm Kot enthält Milliarden von Mikroben.

Menschen lernen daher schon sehr früh, andere nicht anzuwidern, um nicht - als potenziell infektiöse Person - aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Auch schämen sich Probanden sofort, wenn ihnen jemand einen angewiderten Blick zuwirft, so ergaben es Untersuchungen an der Universität Kent in Großbritannien. Daher waschen Menschen ihren Körper regelmäßig, putzen die Wohnung, besonders gründlich, wenn sie Besuch erwarten und hüten sich davor, Gästen ein schmuddeliges Handtuch anzubieten. Und spülen das Geschirr nicht mit der Toilettenbürste.

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