bedeckt München 15°
vgwortpixel

Ebola in Afrika:Tödliches Misstrauen

Liberian security forces stand in front of protesters after clashes at West Point neighbourhood in Monrovia

Mit staatlicher Gewalt wird in den betroffenen Ländern - wie hier in Liberia - die Einhaltung von Quarantäne und Einschränkungen des öffentlichen Lebens kontrolliert.

(Foto: REUTERS)

"Wir können - und wir werden diese Epidemie unter Kontrolle bringen", sagt die WHO. Nur wie? Binnen einer Woche sei die Zahl der Ebola-Toten um 400 auf 1900 gestiegen. Die betroffenen Länder stehen vor einer fast ausweglosen Situation.

Ellen Johnson-Sirleaf, die Präsidentin Liberias, war schon für die Vereinten Nationen und für die Weltbank tätig. Eigentlich weiß sie, wie Entwicklungsarbeit funktioniert, wie man mit Krisen umzugehen hat - und doch versagt auch eine wie sie angesichts der Ebola-Katastrophe in ihrem Land.

Liberia gehört zu den drei am schlimmsten betroffenen Ländern Afrikas. Die Bilder aus dem kleinen westafrikanischen Küstenstaat sind grauenvoll. Menschen, bei denen ein Infektionsverdacht besteht, brechen panisch aus den Isolierstationen aus, meist auf der Suche nach Essen. Gewaltsam müssen sie gefasst und zurückgebracht werden.

Weil sich viele Krankenpfleger nicht ausreichend geschützt fühlen, streiken sie - in der liberianischen Hauptstadt Monrovia ebenso wie in Ebola-Behandlungszentren im Nachbarstaat Sierra Leone. In Guinea, dem dritten schwer betroffenen Staat, griffen Demonstranten kürzlich medizinisches Personal an, das einen Marktplatz desinfizieren wollte. Die Demonstranten glaubten, dass Menschen dabei mit dem tödlichen Virus angesteckt würden.

Mehr als 1900 Menschen sind bereits an der Epidemie gestorben, eine Woche zuvor waren es 1500. 3500 Personen sollen erkrankt sein. Das sind die offiziellen Zahlen, die Margaret Chan, die Chefin der Weltgesundheitsorganisation WHO am Mittwoch in Washington vorstellt.

Trägheit und Egoismus der internationalen Gemeinschaft haben die Lage verschärft

Das Misstrauen vieler Einwohner in Liberia, Guinea und Sierra Leone gegenüber den Behörden ist groß. Echten Frieden kennen Menschen in Liberia und Sierra Leone noch nicht lange, die Bürgerkriege dort liegen erst etwas mehr als ein Jahrzehnt zurück. Die Beziehung zum Staat ist geprägt von Angst - in erster Linie vor der Gewalt der Sicherheitskräfte, die viele noch zu gut kennen. Aber auch in die Lebensmittelversorgung und ins Gesundheitssystem haben viele kein Vertrauen.

Drei Wochen sollen Menschen in Quarantäne verbringen, wenn bei ihnen der Verdacht einer Infektion besteht - eine lange Zeit für jemanden, der staatliche Behörden eher als Feind denn als Freund empfindet. Fernsehbilder, die zeigen, wie Quarantäne-Ausbrecher mit Gewalt eingefangen werden, schüren zudem Angst und Panik.

So stellt Ebola für fragile Staaten wie Liberia und Sierra Leone eine viel größere Gefahr dar, als sie beispielsweise für Deutschland darstellen würde. Auch, weil in Westeuropa der Kontakt mit Kranken und Toten weniger persönlich, weniger körperlich ist. In einem Land mit ausgebautem Gesundheitssystem pflegt kaum jemand kranke Angehörige zu Hause; praktisch niemand beerdigt seine Toten eigenhändig. Das ist in den meisten afrikanischen Staaten anders.

Doch es sind nicht nur diese kulturellen Besonderheiten, die die Eindämmung der Epidemie so schwierig machen. Auch die Trägheit und der Egoismus der internationalen Gemeinschaft tragen dazu bei. Schon mehrmals warnten Experten davor, Flüge in die Gebiete zu streichen oder Reisebeschränkungen zu verhängen. Eine solche "Luftquarantäne" erschwere die Arbeit der Hilfsorganisationen ungemein.

Am Dienstag äußerte sich Joanne Liu, die Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen (MSF), in einer Sondersitzung bei den Vereinten Nationen. Es sei die Welt, die den Kampf gegen Ebola verliere, sagte sie; die internationale Gemeinschaft verkenne, dass sie es mit einer globalen Bedrohung zu tun habe. Es reiche nicht, nur die eigenen Grenzen vor dem Ebola-Virus zu schützen. "Wir können die Epidemie nur schlagen, wenn wir sie an der Wurzel bekämpfen."

Die Hilfsorganisation ist nicht bekannt dafür, vorschnell das Militär zu Hilfe zu rufen. Doch nun fordert die MSF-Direktorin die Staatengemeinschaft auf, "zivile und militärische Teams" in das westafrikanische Krisengebiet zu schicken. Sie sollen beim Aufbau neuer Behandlungszentren mit anpacken und den Hilfsorganisationen den Transport von medizinischem Personal und Material erleichtern.