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Ebola:Die unendliche Seuche

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Immer noch erkranken in Westafrika jede Woche Menschen an Ebola.

(Foto: Francisco Leong/AFP)

Immer noch erkranken in Westafrika jede Woche Menschen an Ebola. Doch der Rest der Welt interessiert sich kaum noch dafür. Seit einigen Monaten breitet sich auch noch die Vogelgrippe aus.

Von Kai Kupferschmidt

Vor einem Jahr begann eine der furchterregendsten Episoden des Ebolaausbruchs in Westafrika. Patrick Sawyer, ein Berater des Finanzministers von Liberia, wo das tödliche Virus schon seit Monaten wütete, landete schwer krank in Lagos, der Hauptstadt Nigerias. Noch am Flughafen brach er zusammen. Fünf Tage später war er tot. Zu diesem Zeitpunkt stand bereits fest: Sawyer hatte Ebola in das bevölkerungsreichste Land Afrikas eingeschleppt.

Es war ein Albtraumszenario, das auch den erfahrensten Experten schlaflose Nächte bescherte. Hunderte Helfer versuchten verzweifelt, eine Ausbreitung des Virus zu verhindern und ihnen gelang, was viele Menschen für unmöglich gehalten hatten: Der Ausbruch konnte nach nur 19 Fällen gestoppt werden. Dennoch hatte sich etwas verändert. Es war, als habe die Weltgemeinschaft in einen Abgrund geschaut. Regierungen, die vorher gleichgültig auf das Leid in Westafrika geblickt hatten, wurden plötzlich von Panik erfasst. Die Weltgesundheitsorganisation erklärte den Ebola-Ausbruch zu einem internationalen Gesundheitsnotfall. Die USA schickten Truppen. Eine UN-Mission wurde eingerichtet.

Jetzt, ein Jahr später, sind die Truppen abgezogen, die UN-Mission ist aufgelöst. Und das, obwohl noch immer jede Woche zahlreiche Menschen in Westafrika an Ebola erkranken. Im Juni zählten die Behörden in Sierra Leone und Guinea zusammen jede Woche zwischen 20 und 30 Fälle. Liberia hatte mehrere Monate keinen einzigen Fall, dann tauchte das Virus im Juni plötzlich wieder auf. Sechs Menschen haben sich dort inzwischen angesteckt. Die Welt wende sich langsam ab, dabei sei der Kampf gegen Ebola noch lange nicht gewonnen, warnt Stephan Becker, Virologe an der Universität Marburg. "Das könnte sich noch eine ganze Weile hinziehen."

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Zahl der Ebola-Fälle noch einmal explodiere wie im vergangenen Sommer sei gering, sagt Becker. Schließlich gibt es in den Ländern inzwischen Ebolabehandlungszentren und die Bevölkerung kennt die Gefahr. Kranke werden sofort isoliert, Kontaktpersonen gesucht. Alle Toten werden auf Ebola getestet. Doch für die Länder ist das ein ungeheurer Aufwand. Solange es Ebolafälle gibt, können Krankenhäuser kaum normal arbeiten. "Das ist eine enorme Belastung für ein äußerst schwaches Gesundheitssystem", sagt Becker. Und solange es Ebolafälle gibt, kann die Krankheit in andere, weniger gut vorbereite Länder geschleppt werden.

Vor einigen Monaten tauchte auch noch das Vogelgrippevirus H5N1 in Westafrika auf

Als die Zahl der Neuinfektionen Anfang des Jahres erst unter 100 pro Woche dann bis auf zehn sank, sei sie optimistisch gewesen, erinnert sich Joanne Liu, Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen. "Aber wir sind einfach nicht in der Lage, den Ausbruch zu beenden. Es ist, als hätten Sie geplant, einen Marathon zu laufen und dann sagt ihnen jemand nach 42 Kilometern, dass die Strecke weitergeht." Nach wie vor erkranken viele Menschen, die nicht als Kontakte anderer Kranker aufgelistet sind. "Solange das so ist, ist dieser Ausbruch nicht unter Kontrolle", sagt Liu. Ärzte ohne Grenzen schickt deshalb wieder mehr Helfer nach Westafrika. Doch es gebe wenig Unterstützung. Die Welt sei des Themas offenbar müde, sagt Liu. Becker sieht das ähnlich. Das Problem sei, dass viele Regierungen zwar Geld zur Verfügung gestellt hätten, um Ebola zu bekämpfen. "Aber jetzt wollen sie das Thema auch vom Tisch haben". Dabei müsste nicht nur alles getan werden, um den Ausbruch endlich zu beenden. Eigentlich würden langfristige Investitionen gebraucht, um die Länder Westafrikas in die Lage zu versetzen, Krankheiten frühzeitig zu erkennen, Erreger zu bestimmen und selbst zu bekämpfen.

Tatsächlich droht bereits die nächste Seuche. Einige Monate nachdem Patrick Sawyer Ebola nach Nigeria eingeschleppt hatte, tauchte dort ein anderes gefährliches Virus auf: Das Vogelgrippevirus H5N1. Der Erreger breitet sich seitdem rasant aus. Inzwischen wurde er auch in Hühnern in Burkina Faso, Niger, der Elfenbeinküste und Ghana nachgewiesen. 1,6 Millionen Tiere sind gestorben oder wurden sicherheitshalber geschlachtet.

Am Montag schlug die Welternährungsorganisation FAO Alarm. Zum einen ist Geflügelfleisch in Westafrika eine wichtige und günstige Eiweißquelle, erst recht seit das Verzehren wilder Tiere wie Fledermäuse durch den Ebolaausbruch in Verruf geraten ist. Außerdem kann das Vogelgrippevirus auch Menschen infizieren und ist dann meist tödlich. Zumindest in einigen Ländern hätten sich sicher noch keine Menschen angesteckt, sagt Juan Lubroth von der FAO. "Aber die Informationen, die wir haben, sind äußerst lückenhaft und das macht mir Angst." Zwanzig Millionen Dollar würden sofort gebraucht, um die schwachen Tiergesundheitssysteme der westafrikanischen Länder zu stärken, örtliche Labore zu verbessern und so eine weitere Ausbreitung zu verhindern, sagt Lubroth. Sonst könnte der Region die nächste Katastrophe bevorstehen.

© SZ vom 22.07.2015

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