Drogensucht Fentanyl als Heroin-Ersatz

Dort, wie in Estland, stammt der Stoff aus illegaler Produktion. Deutsche Süchtige beziehen ihr Fentanyl hingegen aus ursprünglich legalen Quellen. Beruhigend ist das nicht. Die Beliebtheit in der Drogenszene resultiert weniger aus der Rauschwirkung des Medikaments. Dem "Turn" fehle die Euphorie, beschrieben die Münchner Konsumenten ihre Erfahrungen. Die Verbreitung ist eher der Marktsituation geschuldet: Fentanyl ist leicht verfügbar und vergleichsweise billig. Typische Konsumenten sind Junkies, die mit dem Arzneimittel Engpässe in der Heroinversorgung kompensieren.

Ist die Straßendroge aus der Mohnpflanze knapp oder gerade teuer, beginnen Abhängige und Händler ihre Tour durch die Praxen; 18 Arztbesuche in Folge sind dokumentiert. Die Süchtigen haben auf ihrer Suche nach dem nächsten Schuss entdeckt, was auch Epidemiologen aus den Abrechnungen der Kassen herauslesen: Fentanyl gerät oft zu leichtfertig auf den Rezeptblock.

Drogen So gefährlich ist der Konsum von Heroin
Drogenkonsum und die Folgen

So gefährlich ist der Konsum von Heroin

Heroin ist eine grausame Droge. Wenige Minuten Rausch werden mit raschem körperlichem Verfall, sozialer Verelendung und dem großen Risiko einer Überdosis erkauft.   Von Katrin Neubauer

Würde die Verschreibung des Mittels erschwert, könnten Kranke darunter leiden

Der Stoff aus dem Pflaster ist in Deutschland das am häufigsten verschriebene starke Opioid. Die Verordnungen haben ein Niveau erreicht wie in keinem anderen Land in Europa. Drei Milligramm pro Kopf und Jahr sind es nach Zahlen der EMCDDA - mehr als doppelt so viel wie in Frankreich und mehr als sechsmal so viel wie in Großbritannien. "Die Pflaster gelten als einfach zu applizierende und moderne Arzneiform", sagt Edeltraut Garbe, Pharmakologin und Epidemiologin am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie. "Der Trend ist sicher auch durch den Preisverfall begünstigt. Fentanyl-Pflaster gibt es seit etwa zehn Jahren generisch, inzwischen sind sie ähnlich günstig wie entsprechende Morphinpräparate."

Garbe hat, wie auch andere Wissenschaftler, dokumentiert, dass nicht nur die Menge, sondern auch der Einsatz der Pflaster von internationalen Empfehlungen abweicht. Fentanyl ist eigentlich die Ultima Ratio der Schmerzbekämpfung. Doch Auswertungen von deutschen Krankenkassendaten zeigen, dass Ärzte häufig gleich die potente Waffe abfeuern: Für jeden vierten Fentanyl-Patienten war das Pflaster das erste rezeptpflichtige Schmerzmittel überhaupt, für fast 85 Prozent das erste Opioid. Jeder zweite Patient erhielt es nur einmal, höchstwahrscheinlich um akute Schmerzen zu lindern. Dafür sind die Pflaster jedoch nicht geeignet; denn sie erreichen ihre Wirkung erst nach zwölf bis 24 Stunden.

Das ist mehr als Nachlässigkeit. Fentanyl ist eben nicht das Trostpflaster für die Oma, die es im Rücken zwickt, und es ist längst nicht so gut steuerbar, wie Patienten offenbar vermuten. Kranke, die noch nie Opioide erhalten haben, können selbst durch geringe Mengen Fentanyl starke Nebenwirkungen erleiden: Wahrnehmung und Bewusstsein können getrübt sein; der Atem sich bis zum Stillstand abschwächen. In diesem Fall hilft auch das schnelle Abziehen des Pflasters nicht mehr viel. Denn der Wirkstoff sickert in die Haut ein und wird von dort über die Dauer von 24 Stunden freigesetzt. Immer wieder haben versehentliche Überdosierungen zu Todesfällen geführt. Kinder, die Pflaster in die Hände bekamen, sind verunglückt. Nun kommt der Missbrauch hinzu.

Warnungen gibt es - mehr aber auch nicht. Experten scheuen drastischere Maßnahmen, denn es gibt eben auch die andere Seite: Chronisch Kranke und Sterbende könnten weniger leicht Fentanyl erhalten, wenn die Regeln zur Therapiekontrolle oder Rücknahme der Pflaster verschärft würden. "Die Versorgung der Patienten sollte nicht unter den Missbrauchsfällen leiden", sagt Suchtexpertin Erbas.