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Drogensucht:Mangelware Methadon

Drogenmissbrauch

Jeder zweite Opiatabhängige erhält eine Substitutionstherapie.

(Foto: dpa)
  • In Deutschland erhalten nur etwa 50 Prozent der Heroinabhängigen Methadon oder eine andere Ersatzdroge.
  • Gerade auf dem Land fürchten einige Ärzte um ihren Ruf, wenn sie für Schwerstabhängige Substitutionstherapien anbieten.
  • Außerdem sind die rechtlichen Bestimmungen sehr kompliziert.

Von Berit Uhlmann

Von jahrzehntelanger Sucht gezeichnet, schwerkrank und schon fast im Rentenalter hat ein bayerischer Heroinabhängiger eine wegweisende Entscheidung durchgesetzt: Die Richter des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte werten es als eine Verletzung der Menschenrechte, wenn schwer abhängigen Häftlingen Methadon verwehrt wird. Das Urteil ist ein Signal der Hoffnung für die etwa 10 000 bis 15 000 Heroinabhängigen in deutschen Gefängnissen, von denen ein Großteil nicht adäquat behandelt wird. Dennoch ist fraglich, ob sie schnell Hilfe finden. Denn auch außerhalb der Gefängnismauern ist Methadon nicht immer leicht zu bekommen.

Während in Frankreich und Portugal mehr als 70 Prozent der Heroinabhängigen Methadon oder eine ähnliche Ersatzdroge erhalten, ist es Deutschland nur jeder Zweite. Engpässe gibt es vor allem im ländlichen Raum. Oliver Pogarell, Leiter der Substitutionsambulanz der Münchner Universitätsmedizin, erlebt regelmäßig, dass Patienten weite Fahrten in die Klinik auf sich nehmen müssen, weil sie in ihrem Heimatort keinen Arzt finden, der ihnen Methadon verschreibt. Wer nicht so weit fahren kann, hat mitunter keine Chance auf eine Substitutionsbehandlung.

Diesen Abhängigen droht genau das, was die Weltgesundheitsorganisation WHO und die Bundesärztekammer durch die Therapie mit Methadon eigentlich verhindern wollen: Ein Leben in Kriminalität und Verwahrlosung, Stoffe im Blut, deren genaue Zusammensetzung und Dosierung niemand kontrolliert, verdreckte Spritzen, über die HI- und Hepatitisviren übertragen werden können.

"Dabei ist Substitutionstherapie in Deutschland grundsätzlich akzeptiert", sagt Pogarell. Kaum ein Arzt glaubt mehr daran, dass es aussichtsreich sei, von einem langjährigen Heroinabhängigen komplette Abstinenz zu verlangen. Studien geben ihnen Recht: Weniger als vier Prozent schaffen es, dauerhaft clean zu bleiben.

Viele der heutigen Substitutionsärzte stammen aus der 68er-Generation

Doch längst nicht jeder Mediziner möchte Schwerstabhängige in seiner Praxis sitzen haben. Gerade auf dem Land fürchten offenbar einige Ärzte um ihren Ruf. Ängste und Vorurteile gegenüber Suchtkranken seien noch immer weit verbreitet, sagt auch Beate Erbas von der Bayerischen Akademie für Sucht- und Gesundheitsfragen.

Hinzu kommt, dass sich Ärzte, die Methadon verschreiben, leicht zwischen verschiedenen Vorschriften und Rechtsauslegungen verheddern können. Heikel wird die Lage für sie vor allem, wenn ihre Patienten neben Methadon noch andere Drogen oder Medikamente ohne Verordnung konsumieren. "Viele Substituierte nehmen zusätzlich noch Beruhigungsmittel vom Typ der Benzodiazepine ein", erläutert Bärbel Knorr von der Deutschen Aidshilfe. Die juristisch schwierige Frage lautet dann: Ist durch den zusätzlichen Konsum die Substitutionstherapie als gescheitert anzusehen und sollte beendet werden? Juristen tendierten in der Vergangenheit häufiger zu dieser Auslegung; Mediziner, die den Konsum weiterer Drogen akzeptierten, sind mehrfach wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz verurteilt worden.

Für die Zukunft erwarten die meisten Experten weitere Engpässe. Viele der heutigen Substitutionsärzte stammen aus der 68er-Generation und gehen nach und nach in Rente, sagt Bärbel Knorr. Schon jetzt sinkt die Zahl dieser Mediziner.

© SZ.de/olkl

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