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Coronakrise:Kein Stoff, und jetzt?

Mann mit Heroin-Spritze

Sobald die Handelswege wieder offen sind, dürfte der Markt mit Drogen überschwemmt werden.

(Foto: Frank Leonhardt/dpa)

Die Corona-Pandemie hat das Geschäft mit Rauschgift gestört. Eine gute Nachricht im Kampf gegen illegalen Konsum? Ganz im Gegenteil, zeigt der Weltdrogenbericht der Vereinten Nationen.

Ende Januar noch wurde am Münchner Flughafen einer dieser Passagiere entdeckt. 97 Tütchen voller Kokain trug er in seinen Eingeweiden, insgesamt ein Kilogramm, eingeführt aus Südamerika und zum Weiterflug nach Spanien bestimmt. Dann kam das Coronavirus, die Flugzeuge blieben am Boden - und mit ihnen die Drogenkuriere. So dunkel, so verborgen das Geschäft mit den illegalen Drogen auch ist, es hängt zu einem beträchtlichen Teil vom legalen Markt ab. Von der rechtzeitigen Lieferung von Chemikalien, mit denen synthetische Suchtmittel hergestellt werden, vom täglichen Strom der Waren, zwischen denen Rauschgifte versteckt werden können. Vom funktionierenden Verkehr zwischen Ländern. Und so hat das winzige Virus auch die mächtigen Drogenkartelle ein Stück weit in die Knie gezwungen.

In Mexiko beispielsweise geriet offenbar die Produktion von Crystal Meth ins Stocken, weil Ausgangsstoffe nicht mehr ausreichend importiert werden konnten. Einige kolumbianische Drogenhersteller hatten Probleme, genügend Benzin zu erhalten, mit dessen Hilfe Kokain aus den Blättern des Coca-Strauchs gelöst wird. Vor allem aber wurde der Schmuggel der Drogen empfindlich getroffen, als die Grenzen geschlossen und etwa die Hälfte der Weltbevölkerung mehr oder weniger stark in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt war.

Süchtige steigen auf gefährliche Alternativen um

Die Folgen spüren die Konsumenten fast überall auf der Welt. "Viele Länder in allen Weltregionen haben über Engpässe bei etlichen Drogen berichtet", heißt es im Weltdrogenbericht, den das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung UNODC am Donnerstag veröffentlicht hat. Ist die eingeschränkte Verfügbarkeit der gefährlichen Stoffe eine gute Nachricht? Hat die Pandemie am Ende eine positive Wirkung auf die Gesundheit einiger Menschen?

Davon ist wohl nicht auszugehen. Der Drogenmangel mag einige Gelegenheitskonsumenten zu Abstinenzlern machen, doch für Abhängige ist die Verknappung ihres Suchtstoffs problematisch. Vor allem Heroinsüchtige werden sehr wahrscheinlich auf gefährlichere Alternativen ausweichen. So befürchteten derzeit einige europäische Länder, dass diese Menschen auf das Schmerzmittel Fentanyl umsteigen. Das Opioid ist mindestens 50-mal stärker als Morphin, damit kommt es leicht zu Überdosen. In Deutschland wird es teilweise aus Schmerzpflastern, bisweilen auch gebrauchten, herausgekocht. Die Praxis ist gefährlich, denn die Drogenmenge, die die Konsumenten auf diese Weise erhalten, ist kaum zu kalkulieren.

Drogenabhängige haben ein besonders hohes Risiko, dass eine Corona-Infektion schwer verläuft

Um die Wirkung knapper Drogen zu maximieren, warnen die Experten weiter, könnten Konsumenten sie verstärkt spritzen. Da die Pandemie gleichzeitig in einigen Ländern die Möglichkeiten der Drogenhilfe eingeschränkt hat, steigt die Gefahr, dass nicht genügend saubere Spritzen zur Verfügung stehen. Geteilte Spritzen, enge Kontakte und mangelnde Hygiene in Teilen der Drogenszene begünstigen wiederum die Ausbreitung von Infektionskrankheiten - zu denen nun auch Covid-19 gehört.

Für langjährige Drogenabhängige ist eine Sars-CoV-2-Infektion besonders gefährlich. Oft leiden sie bereits an Lungenerkrankungen - ausgelöst durch Rauchen von Tabak und anderen Drogen. Kokain kann das Herz schädigen und Heroin möglicherweise das Immunsystem beeinträchtigen. Weltweit leiden viele Süchtige an Infektionskrankheiten wie Aids oder Tuberkulose. In Europa gibt es mittlerweile recht viele Abhängige mit höherem Alter. All dies sind Risikofaktoren für einen schweren Verlauf von Covid-19. Gleichzeitig erhöht die Erkrankung vermutlich auch das Risiko, an einer Heroin-Überdosis zu sterben. Eine zu große Menge der Droge lähmt die Atemmuskulatur, die mit Covid-19 einhergehenden Atemprobleme könnten diesen Notfall begünstigen.

Auch für die Zukunft lässt der Bericht nichts Gutes erwarten. Die UN-Behörde hat Hinweise darauf, dass die Drogenhersteller wegen ihrer Logistikprobleme auf übervollen Lagern sitzen. Sobald die Handelswege wieder offen sind, dürfte der Markt mit Drogen überschwemmt werden. Die Preise dürften fallen und Drogen verhältnismäßig rein sein. Auch dies ist nicht unbedingt beruhigend, denn unerwartet hoch konzentriertes Rauschgift steigert das Risiko für Überdosen.

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Auf längere Sicht befürchtet die UN-Behörde zudem, dass der durch die Pandemie ausgelöste wirtschaftliche Abschwung die Situation Drogenabhängiger verschärft. Sie verweist auf Erfahrungen aus der Finanzkrise von 2008. Damals hatte drohende Armut mehr Menschen ins Drogengeschäft geführt, der Konsum nahm zu, während Hilfsprogramme eher zurückgefahren wurden. Dabei - so schreiben die Autoren - wurde längst gezeigt, dass die Kosten für die Behandlung Drogenabhängiger sehr viel geringer sind als die Kosten, die der Gesellschaft durch unbehandelte Suchtprobleme entstehen. Es sei wichtiger denn je, die knappen Ressourcen in die effektivsten Ansätze zu investieren. Dazu gehört die Behandlung Suchtkranker, aber beispielsweise nicht die gelegentliche, allgemeine Aufklärungskampagne.

Zugleich mahnen die Autoren, Kooperationen zwischen den Staaten nicht aufzugeben. "Das Drogenproblem war nie so international wie heute", heißt es in dem Bericht. Drogenkartelle arbeiten über Landesgrenzen hinweg. Ein isolierter Erfolg in einem Land führt nicht dazu, dass der globale Markt kleiner wird, sondern die Branche an andere Stellen ausweicht. Probleme werden so nicht gelöst, sondern nur umverteilt.

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