Down-Syndrom:Wird die Entscheidung für ein Kind mit Down-Syndrom schwerer?

Wolfram Henn kennt die positiven wie negativen Verläufe des Syndroms. Trotz seiner ethischen Bedenken bezeichnet er den Test "rein technologisch" als "eine echte Innovation", die auch auf anderen Gebieten eingesetzt werden könne, "etwa in der Diagnostik von Leukämien". Insofern sei die Förderung der Testvalidierung durch Bundesmittel durchaus gerechtfertigt. Das Bundesforschungsministerium hatte die Entwicklung und Erprobung des Tests in Deutschland mit 230.000 Euro unterstützt.

Tilman Esser ist Arzt in der Münchner Praxis für Pränatale Diagnostik, die den Test anbieten wird. Um die Nachfrage abzufangen, informiert die Praxis auf ihrer Homepage über das neue Verfahren. Esser ist kein Mensch der vorschnellen Urteile. Fragt man ihn, was er von dem Test hält, erbittet er sich Bedenkzeit. Er könne die Kritik nachvollziehen, sagt er später. "Doch sollen wir einer Patientin sagen, diesen Test verbieten wir, aber du darfst einen anderen Test machen, bei dem das Risiko besteht, dass du dein Kind verlierst?"

Sein Praxiskollege Marcus Schelling hat darauf eine klare Antwort: nein. Die Amniozentese, ja, sogar das Ersttrimester-Screening seien bereits eine Art von Auslese, sagt er. "Die Entscheidung für ein behindertes Kind sollte eine bewusste Entscheidung sein, die gefestigt sein muss durch eine umfassende gesellschaftliche und politische Unterstützung."

Obwohl Schelling den Test grundsätzlich befürwortet, ist er sich in einem Punkt einig mit den Kritikern: "Bei einer Fruchtwasseruntersuchung kann man sich sicher sein, dass eine genetische Beratung vorausgeht. Aber eine Blutabnahme kann man überall vornehmen." Zwar betont LifeCodexx, dass vor jeder Blutuntersuchung geprüft wird, ob die Schwangere genetisch beraten wurde. Dennoch fürchtet Schelling, dass der Test eines Tages zur Routineuntersuchung bei jeder Schwangerschaft gehören könnte. Dann könnte es auch Normalität werden, Kinder mit Down-Syndrom abzutreiben. Eine Entscheidung für ein solches Kind könnte dagegen schwieriger werden.

Michael Lutz, der Geschäftsführer der Firma LifeCodexx, ist sich der Schwierigkeit durchaus bewusst. Dennoch bezeichnet er die ethischen Vorwürfe als "abstrus". "Wir machen nichts anderes als das, was in der Pränataldiagnostik in den letzten Jahren etabliert worden ist."

Sein Unternehmen arbeitet auch bereits an einer Ausweitung des Tests auf Trisomie 13 und Trisomie 18 sowie an einem Test auf Präeklampsie ("Schwangerschaftsvergiftung"). Der PraenaTest solle Frauen in erster Linie entlasten. Zurzeit meldeten sich pro Tag etwa fünf "verzweifelte Frauen" bei LifeCodexx, sagt Lutz. "Alles, was diese Frauen möchten, ist Gewissheit über die Gesundheit ihres Kindes."

Einen Überblick über Nutzen und Risiken der derzeit angebotenen vorgeburtlichen Untersuchungen lesen Sie hier.

© SZ vom 12.06.2012/beu
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB