Süddeutsche Zeitung

Doppeltes Leid:Depression erhöht das Schlaganfallrisiko

Die körperlichen Auswirkungen von Depressionen können massiv sein. So steigt das Risiko für einen tödlichen Schlaganfall drastisch.

Dank der intensiven Aufklärungskampagnen der letzten Jahre wissen die meisten Menschen mittlerweile, dass die Depression eine extrem belastende Krankheit ist, die nicht selten mit einem Suizid endet.

Immer noch unterschätzen allerdings sogar Ärzte die manchmal massiven körperlichen Nebenwirkungen dieser psychischen Störung. Dies bestätigt jetzt erneut eine große Studie eines Forscherteams um Frank Hu von der Harvard School of Public Health im Fachmagazin Jama (Bd. 306, S. 1241, 2011). Sie belegt, dass Depressionen das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden und an ihm zu sterben, drastisch erhöhen.

In ihrer Metaanalyse verarbeiteten die Wissenschaftler Daten aus 28 sogenannten Kohorten-Studien, bei denen die Krankheitsverläufe von mehr als 300.000 Patienten bis zu 29 Jahre lang verfolgt wurden. Dabei ergab sich, dass eine Depression das Gesamtrisiko für einen Schlaganfall um 45 Prozent erhöht; die Gefahr, dass dieser tödlich ausgeht, steigt sogar um 55 Prozent.

Die Wahrscheinlichkeit für einen sogenannten ischämischen Infarkt, ausgelöst durch eine plötzliche Durchblutungsstörung des Gehirns, ist um 25 Prozent erhöht. Hingegen scheint die Depression keinen Einfluss auf das Vorkommen eines hämorrhagischen Infarkts zu haben, bei dem eine Hirnblutung vorliegt.

Diese Zahlen sind umso bedrückender, wenn man bedenkt, dass selbst überlebte Schlaganfälle meist zu massiven gesundheitlichen Schäden führen, und dass Depressionen sehr weit verbreitet sind. Die Autoren der Jama-Studie zitieren amerikanische Daten, wonach jedes Jahr 5,8 Prozent aller Männer und 9,5 Prozent aller Frauen eine depressive Periode erleben. In Deutschland schätzen Experten, dass aktuell vier Millionen Menschen an einer Depression leiden und zehn Prozent im Laufe ihres Lebens daran erkranken.

So überzeugend die neuen epidemiologischen Daten sind, so unklar sind die Gründe, die letztlich zum Infarkt führen. Verschiedene Mechanismen sind vorstellbar: So weiß man, dass Depressionen die Gehirnchemie durcheinanderbringen und die Entzündungswerte im Blut erhöhen.

Hinzu kommt, dass depressive Menschen eher ihre Gesundheit vernachlässigen, weil sie rauchen, sich wenig bewegen und schlecht ernähren. Zudem leiden sie häufiger unter Bluthochdruck und Diabetes, beides Risikofaktoren für Hirninfarkte. Nicht zuletzt sei zu klären, so die Forscher, wieso ihre Studie ergeben hat, dass Betroffene, die mehr antidepressive Medikamente einnehmen, eine höhere Infarktrate aufweisen.

Klar ist aber schon jetzt, dass eine Gesundheitsforschung und -politik, die allein an den körperlichen Ursachen der großen Volkskrankheiten ansetzt, zu kurz greift. So deuten bereits zahlreiche Studien aus den vergangenen Jahren darauf hin, dass Depressionen unter anderem auch Knochenschwund und Herz-Kreislaufkrankheiten befördern können.

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Quelle:
SZ vom 21.09.2011/mcs
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