Süddeutsche Zeitung

Gesundheitswesen:Das vernetzte Krankenhaus

Lesezeit: 6 min

Von Michaela Schwinn

Jetzt nur nicht schmieren. Alles sauber notieren. O-l-m-e-s-a-r-t-a-n, nicht O-m-e-p-r-a-z-o-l. Meier, nicht Maier. 200 mg, nicht 500 mg. Jeder Lesefehler könnte gefährlich sein. "Zum Glück", sagt Bastian Cheng "muss ich mich mit so etwas nicht mehr herumschlagen." Was für den Oberarzt gar nicht mehr denkbar ist - Papierakten, unsaubere Handschriften, herumflatternde Zettel - ist in den meisten deutschen Kliniken noch Alltag. Im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), wo Cheng als Facharzt für Neurologie arbeitet, gibt es keine dicken Papierordner mehr, hier ist alles in einer digitalen Patientenakte gespeichert: Medikamente, Röntgenbilder, CT-Aufnahmen, Blutwerte, EKG-Werte, Hinweise auf Allergien und Vorerkrankungen.

Es ist zehn Uhr morgens, draußen stürmt es, der Regen schlägt an die Klinikfenster. Drinnen auf Station 5, der Schlaganfall-Station, schiebt Bastian Cheng einen Wagen mit Touchscreen vor sich her und stoppt vor einer Zimmertür. Ein paar Klicks und schon tauchen Zahlen, Wörter und Bilder auf. Daten, die einen tragischen Abend erzählen: Es war kurz vor 23 Uhr am Vortag, als Helmut Renner*, der jetzt im Patientenzimmer liegt, seine Stimme verlor. Seine Freunde waren zum Kartenspielen gekommen, die übliche Runde, plötzlich brachte der Mann kaum mehr ein Wort heraus - Schlaganfall.

Das System denkt mit: Ist die Dosis plausibel?

Mit Blaulicht kam er in die Notaufnahme. Die Ärzte nahmen Blut ab, machten Aufnahmen von seinem Kopf. Sie fragten seine Frau: Gibt es Allergien? Ist so etwas vorher schon passiert? Eine Information nach der anderen landete in seiner digitalen Akte. Alle Ärzte und Pflegekräfte haben fortan jederzeit darauf Zugriff. Egal, ob sie sich gerade in der Notaufnahme oder in der Radiologie befinden. Oder auf der Schlaganfall-Station, wie Bastian Cheng. Er zeigt Helmut Renner einen Kamm, einen Kugelschreiber, ein Glas. "Was ist das?", fragt der Arzt. Manche Wörter sind zurückgekommen in den vergangenen Stunden, andere nicht. "Ich komme später noch mal", sagt Cheng.

Auf den ersten Blick wirkt das UKE wie jedes andere Krankenhaus: die gleichen kahlen Gänge, das Quietschen von Gummisohlen, piepsende Geräte, der Geruch von Desinfektionsmittel in der Luft. Und doch zeigt sich hier im Kleinen, wie Kliniken in der Zukunft aussehen könnten. Welche Verbesserungen die Digitalisierung mit sich bringen kann, aber auch welche Herausforderungen und Gefahren.

Während Renner in seinem Bett sitzt, eine dampfende Tasse Tee in der Hand, rattern fünf Stockwerke tiefer seine Tabletten durch eine Maschine. Der Medikationsplan wurde elektronisch an die Krankenhausapotheke übermittelt. Das System denkt mit: Ist die Dosis plausibel? Könnte es Wechselwirkungen geben? Darf die Tablette tatsächlich fünfmal täglich eingenommen werden? Ist etwas nicht schlüssig, erscheint ein Warnhinweis auf dem Bildschirm.

Bei Renners Medikamenten scheint alles zu stimmen. Eine Maschine, nicht größer als ein Getränkeautomat, sortiert die weißen, rosa und gelben Pillen. Jede landet einzeln in einer kleinen Plastikfolie, darauf stehen Name des Patienten, Zimmernummer und Einnahmezeitpunkt. 12 000 Tabletten werden so jeden Tag verpackt.

"Wir haben unser System radikal verändert", sagt Michael Baehr, der Leiter der Apotheke. Er nimmt einen der Tablettenschläuche, der aussieht, als hätte man mehrere Gummibärchenpackungen aneinandergeklebt. Er schiebt ihn in eine weitere Maschine, die jede Tablette noch einmal kontrolliert. Ist sie zerbrochen? Stimmt die Farbe? Die Form? "Früher mussten die Pflegekräfte erst einmal die Verordnungen der Mediziner entziffern, dann die Tabletten einzeln aus den Blistern herausdrücken und in Schachteln sortieren", sagt Baehr. "Dabei ging natürlich auch mal was schief." Heute, sagt er, tendiere die Fehlerquote gegen null.

Schon früh entschied sich das größte Krankenhaus Hamburgs, mit Maschinen und Computerprogrammen zu experimentieren. Als erstes Universitätsklinikum Europas führte es 2011 die digitale Patientenakte für das gesamte Krankenhaus ein. Heute stehen im Klinikum 3-D-Drucker, die Modelle von Herzen, Knochen oder Lungen herstellen können, um komplizierte Eingriffe besser vorzubereiten. Es gibt vier große Operationsroboter, die vor allem bei der Entfernung von Prostatatumoren eingesetzt werden. Bei diesen Eingriffen kann schon das leichteste Zittern der menschlichen Hand schwere Folgen haben. Aber nicht nur das UKE setzt auf technischen Fortschritt, auch andere deutsche Kliniken scheinen langsam aus dem analogen Tiefschlaf zu erwachen.

Im vergangenen Jahr verkündete das Klinikum Essen: Wir wollen das erste "Smart Hospital" Deutschlands werden. 40 neue Projekte wurden gestartet: Algorithmen, die Tumoren erkennen, Operationsroboter und Forschungsnetzwerke mit anderen Kliniken. Und auch viele andere Einrichtungen - vom kleinen Kreiskrankenhaus zur großen Universitätsklinik - verbannen Papierakten, kaufen Tablets und teure neue Geräte: "Asklepios wird digital", "Mönchengladbach: E-Health in Elisabeth-Krankenhaus" und "Krankenhäuser in NRW wollen sich digitaler aufstellen", titeln die Lokalzeitungen.

Wer von diesen Investitionen hört, könnte meinen, Deutschland sei vorne dran bei der Digitalisierung im Gesundheitsbereich. Dabei ist es vielmehr eine Aufholjagd, denn viele Jahre stagnierte die technische Entwicklung in den Kliniken. Die wenigsten von ihnen haben eine komplett digitale Patientenakte wie das UKE, auch eine elektronische Apotheke findet man selten.

Andere Länder sind in dieser Hinsicht schon viel weiter. Ganz vorne dabei sind Estland, Israel, Kanada. Und auch Dänemark. Dort gibt es schon mehr als zehn Jahre eine digitale Plattform, auf der die Gesundheitsdaten aller Bürger gespeichert sind. Sie melden sich mit einer Identifikationsnummer im System an und können dort Arzttermine vereinbaren, sich E-Rezepte herunterladen, ihren Impfpass checken oder Röntgenbilder an den Orthopäden schicken.

Und das Land will noch weitergehen: Bis 2020 will es sein Krankenhaussystem komplett umbauen. Es sollen wenige große "Super-Hospitäler" entstehen. Um diese riesigen Einrichtungen effizient zu führen, wollen die Dänen noch stärker auf E-Health setzen: Zum Beispiel mit Tablets, auf die bestimmte Apps geladen wurden. So können etwa Familien nach Frühgeburten schneller die Klinik verlassen. Betreut werden sie dann zu Hause per Videoschalte. Auch Tracking soll in den Megakliniken ausgebaut werden. Betten, Geräte und sogar Ärzte sollen künftig mit einem Sender versehen werden. Wo ist gerade ein Ultraschallgerät frei? Ist ein Kardiologe in der Nähe?

"Wir müssen wirklich aufpassen, dass wir den Anschluss nicht verlieren", sagt Axel Ekkernkamp. Er ist Klinikdirektor des Unfallkrankenhauses Berlin und beschäftigt sich seit Jahren mit der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Warum Deutschland so hinterherhinke, habe viele Gründe, sagt er: der strenge Datenschutz, eine mangelnde Innovationskultur in den Häusern, das Unwissen, was Digitalisierung für Möglichkeiten bietet - und nicht zuletzt fehlende finanzielle Mittel.

"Wir sind ein Raumschiff in der Steinzeit"

Auch wenn sich in Deutschland gerade ein paar Leuchttürme herausbilden, so fehlt doch eine ganz entscheidender Aspekt: die Vernetzung aller Akteure. Ein Problem, mit dem auch das UKE zu kämpfen hat. Wenn ein Patient stationär aufgenommen ist, werden alle wichtigen Gesundheitsdaten auf der digitalen Akte gespeichert. Aber was nach seiner Entlassung passiert, bei der Nachsorge beim Hausarzt etwa, erfahren die Klinikärzte nicht mehr. Und wenn der Patient ein paar Monate später wieder ins Uniklinikum kommt, bleibt den Mitarbeitern nichts anderes übrig, als alle neuen Unterlagen wieder mühsam per Hand einzuscannen. "Wir sind ein Raumschiff in der Steinzeit", sagt der Direktor des UKE, Burkhard Göke.

Auf den Stationen in Hamburg-Eppendorf gibt es gleich Mittagessen. Davor muss Helmut Renner noch seine Medikamente nehmen, sie wurden gerade auf Station 5 gebracht - von einem Roboter. Die flachen langen Fahrzeuge laden selbständig Container mit Spritzen, Tupfer, Bettwäsche, Handtüchern oder Tabletten auf und bringen sie an den richtigen Platz. Sie schaffen 900 Transporte am Tag.

Wofür Roboter künftig noch eingesetzt werden und wie Krankenhäuser im Jahr 2037 aussehen könnten, hat das Fraunhofer-Innovationszentrum für Logistik und IT in einer Zukunftsstudie untersucht: In ihrer Vision drucken Bioprinter Herzklappen und Handknochen, ein Serviceroboter bringt den Patienten Wasserflaschen und informiert über die anstehende Blinddarmoperation. Die Kliniken in Deutschland sind vernetzt, Ärzte können auf alle Datensätze zugreifen und einen Fall mit ähnlichen Fällen vergleichen. Ob und wann diese Szenarien Wirklichkeit werden könnten, weiß niemand so genau.

Roboter, Maschinen und Software erleichtern die Arbeit in Krankenhäusern, sie entlasten Ärzte und Pflegekräfte. Aber die Digitalisierung birgt auch Gefahren. So wurden laut einer Studie der Roland-Berger-Stiftung 64 Prozent aller deutschen Kliniken bereits Opfer von Hackerangriffen. Einer der gravierendsten fand 2016 statt: Im Lukaskrankenhaus in Neuss infizierte ein Hacker die Computer mit einem Virus, der alle Daten verschlüsselte. Dann erpresste er die Klinik. Alle Rechner wurden abgeschaltet, Operationen mussten verschoben werden. Auf solche Angriffe sind viele Einrichtungen noch nicht vorbereitet (siehe Interview).

Und auch im Arbeitsalltag stellt die Digitalisierung die Ärzte vor ganz neue Herausforderungen. Erster Stock im UKE, Neuroradiologie. Jan-Hendrik Buhk öffnet eine Datei; was aussieht wie eine Flusslandschaft von oben mit vielen kleinen sich windenden Kanälen, sind die Gefäße eines menschlichen Gehirns. Buhk zoomt hinein, dreht das Modell und macht Screenshots. Währenddessen klingelt immer wieder das Handy, eine E-Mail ploppt auf, dann noch eine. "Auch das ist Digitalisierung", sagt der Radiologe und zuckt mit den Schultern. "Man muss immer erreichbar sein und teilweise mehrere Dinge gleichzeitig machen."

Im UKE kehrt langsam Ruhe ein. Im Keller fährt der letzte Roboter zur Aufladestation, die Maschinen in der Apotheke gehen aus. Und auch Helmut Renner hat sich schlafen gelegt. In ein paar Tagen, wenn er sich einigermaßen erholt hat, wird er entlassen werden - in die analoge medizinische Welt. Weil sein Hausarzt noch mit Papierakten arbeitet, werden sie ihm den Entlassungsschein wohl ausdrucken müssen.

*Name von der Redaktion geändert

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Quelle:
SZ vom 27.04.2019
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