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Depressionen:Besser als Medikamente?

So weit gehen die meisten Experten in der Fachliteratur nicht. Studien, die klären sollen, ob die EKT in manchen Fällen der medikamentösen Therapie vorzuziehen ist, sind derzeit nur in Planung. Bei der Frage nach der Wirksamkeit der EKT herrscht indes weitestgehend Einigkeit. Klaus Elbmeier vom Institut für Psychiatrie der Universität Oxford hat in einem Übersichtsaufsatz die wichtigsten Studienergebnisse zur EKT der vergangenen drei Jahre zusammengetragen.

Er kommt zu dem Schluss, die EKT sei "eine sichere und effektive Behandlung gegen Depressionen". Zudem erholten sich die Patienten schnell und bei mehr als 60 Prozent ließen die Symptome der Depression innerhalb von drei Wochen nach.

Auch bei Anja Röder (Name geändert) zeigten die Elektroschocks schnelle Erfolge. Die Geschichte der 50-jährigen Bankkauffrau klingt wie der direkte Horrorpfad in die Depression: Als Kind wurde sie von ihrer Tagesmutter in eine dunkle Kammer gesperrt und musste zudem sexuelle Übergriffe auf ihre Schwester mit ansehen. Letztere wurde damals therapiert.

Anja Röders Trauma geriet zu dieser Zeit in Vergessenheit. Die Depression kam erst viel später hervor. Im Jahr 2009, nach einem Urlaub, als große berufliche Veränderungen anstanden. "Nach der vierten Behandlung spürte ich eine deutliche Besserung", erinnert sie sich. Nach der zehnten Sitzung erschien sie geheilt, doch die Depression kehrte nach zwei Wochen schubweise zurück.

Das ist nicht ungewöhnlich. Spätestens nach sechs Monaten müssen sich vier von fünf Patienten einer neuen Therapie unterziehen. Ein Indiz dafür, dass der unspezifische Stromschlag der EKT nur die Symptome, nicht aber die Ursache der Krankheit bekämpft.

Wenn man wüsste, welches Untersystem genau betroffen ist, könnte man gezielter eingreifen. Das wäre der Traum", sagt Oliver Pogarell, ebenfalls Psychiater an der Münchner Klinik. Etwa 1000 Patienten behandeln er und seine Kollegen pro Jahr. Eine Serie besteht typischerweise aus zwölf Sitzungen über einen Zeitraum von vier Wochen. "Der Bedarf ist groß und wir können ihn hier nicht decken", sagt er. Deutschlandweit lehnen viele seiner Kollegen die EKT ab, "aus Sorge, man würde in neuronale Netzwerke eingreifen und dadurch letztlich die Identität des Patienten verändern".

Andere Methoden wie Schlafentzug und Lichttherapie halfen Anja Röder nicht. 2012 begann sie eine neue Therapie. Diesmal mit mehr Erfolg. Nach der abgeschlossenen Serie erhält sie jetzt in größer werdenden Abständen eine sogenannte Erhaltungs-EKT. "Wenn ich merke, es geht wieder bergab, würde ich sofort nach einer EKT fragen", sagt sie. Die deutlichsten Anzeichen der Besserung sind auch die banalsten: "Mein Gesichtsausdruck wurde freundlicher, ich habe wieder angefangen zu lächeln."

Langsam kommt Marlene Weidmann wieder zu sich. Die berüchtigten heftigen Kopfschmerzen bleiben bei ihr als Begleiterscheinung aus. Nach zehn Minuten kann sie wieder sprechen. Auf die Frage, ob sie sich an das Gespräch vor der Behandlung erinnert, antwortet sie mit einem zögerlichen "Nein" und schaut fragend zu Felix Segmiller, ihrem Psychiater, dessen Gesicht ihr nach einem halben Jahr Klinikaufenthalt vertraut ist. Kurz darauf scheint die Erinnerung doch bruchstückhaft wiederzukehren.

Der Verlust des Kurzzeitgedächtnisses ist eine der problematischsten Begleiterscheinungen der EKT. So kann es passieren, dass sich Patienten über einen Zeitraum von mehreren Wochen neue Dinge nur wenige Minuten lang merken können. "Das kann schon mal vorkommen, legt sich mit der Zeit aber wieder", sagt Segmiller. Wie Studien bestätigen, kommt es in seltenen Fällen auch zu einer retrograden Amnesie, bei der sich die Patienten auch an Ereignisse aus der Vergangenheit nicht erinnern können. Auf Schäden an der Hirnstruktur der Patienten gibt es indes keine Hinweise.

Bleibt die Frage, weshalb die Methode nach wie vor verpönt ist und eher selten zum Einsatz kommt, obwohl nur selten schwere, anhaltende Nebenwirkungen auftreten. Segmillers Kollege Oliver Pogarell sieht hierfür mehrere Gründe. "Man verbindet die EKT noch immer mit Zwang und Bevormundung.

Das liegt vor allem daran, dass die Methode zu wenig in ihrer heute durchgeführten Form bekannt ist", beklagt er. Doch auch ökonomische Gründe spielten eine wichtige Rolle. Schließlich müssten bei jeder Behandlung mindestens ein Psychiater, ein Krankenpfleger sowie aufgrund der Vollnarkose ein Anästhesist und ein Anästhesiepfleger, also vier voll bezahlte Kräfte anwesend sein. "Viele Kliniken können sich das schlicht nicht leisten", sagt Pogarell.

Nach einer guten halben Stunde ist die Behandlung vorbei. Marlene Weidmann fühlt sich schlapp von der Narkose, hat aber keine Schmerzen. Noch drei Behandlungen, dann werde sie entlassen. Dann möchte sie eine Mutter-Kind-Kur machen, um ihren Sohn nach dieser schweren Zeit neu kennenzulernen.

© SZ vom 24.07.2012/mcs
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