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Depressionen:Antidepressiva sind besser als ihr Ruf

Depressionen gelten als Volkskrankheit, Antidepressiva sollen den Betroffenen helfen.

Bei einer Depression können Medikamente helfen. Aber auch Psychotherapien erzielen gute Ergebnisse.

(Foto: imago stock&people)
  • Eine große Analyse zeigt, dass die 21 gebräuchlichsten Antidepressiva ausnahmslos wirksamer sind als Scheinmedikamente. Allerdings ist ihr Effekt eher gering bis moderat.
  • Die Mittel sind überwiegend gut verträglich.
  • Experten loben die Qualität der Studie, betonen aber, dass Patienten sehr verschieden auf Psychopharmaka reagieren.

Sie gehören zu den Medikamenten, bei denen große Erwartungen und Furcht besonders nahe beieinanderliegen. Viele der weltweit 350 Millionen Depressionspatienten hoffen auf Hilfe durch Antidepressiva. Doch oft schon wurden die Kranken verunsichert, weil den Mitteln die Wirksamkeit abgesprochen oder bedenkliche Nebenwirkungen bescheinigt wurden. Nun legt ein internationales Forscherteam im Fachblatt Lancet die bislang größte Sammlung aller bisherigen Erkenntnisse vor. Es ist ein nüchterner Blick auf die 21 gebräuchlichsten Medikamente gegen die akute Depression Erwachsener.

Die beruhigende Nachricht lautet: All diese Antidepressiva wirken besser als ein Scheinmedikament. Allerdings ist ihr Effekt nur gering bis moderat. Im besten Fall profitierten etwa doppelt so viele Patienten vom Antidepressivum wie vom Placebo. Bei den meisten Wirkstoffen aber war der Erfolg bescheidener.

"Exzellent", nennt Glyn Lewis, Epidemiologe am University College London, die Arbeit

Dagegen scheint die Verträglichkeit akzeptabel zu sein. Nur eines der Mittel, Clomipramin, tolerierten die Patienten so schlecht, dass sie es deutlich häufiger vorzeitig absetzten als ein Scheinpräparat. Die Wissenschaftler um Andrea Cipriani von der Universität in Oxford haben 522 Studien mit insgesamt mehr als 100 000 Patienten in ihre Meta-Analyse einbezogen, darunter auch bislang unveröffentlichte Daten der Pharmaindustrie.

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"Exzellent", nennt Glyn Lewis, Epidemiologe am University College London, die Arbeit. "Antidepressiva bekommen oft eine schlechte Presse, aber diese Studie zeigt, dass sie eine Rolle in der Behandlung der Depression spielen." Die Arbeit bestätigt damit auch die Leitlinie, nach der deutsche Mediziner ihre Patienten behandeln. Antidepressiva werden darin als Alternative oder Ergänzung zur Psychotherapie empfohlen.

Weniger klar ist, welchen Stellenwert man den Details der Arbeit zumessen soll. Denn sie zeigt erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Wirkstoffen. Die beste Wirksamkeit beweist Amitriptylin, das bereits seit den 1960er-Jahren auf dem Markt ist und in Deutschland unter anderem den Namen Saroten trägt. Auf der anderen Seite ist dieser Klassiker schlechter verträglich als viele der neueren Mittel. Den jüngeren Wirkstoff Fluoxetin beispielsweise - der unter dem Markennamen Prozac schon oft diskutiert wurde - akzeptieren Patienten besser als ein Placebo. Doch seine Wirksamkeit ist geringer als die etlicher anderer Psychopharmaka.

Während Psychiater in einem begleitenden Kommentar loben, dass es nun bessere Daten gebe, um das optimale Antidepressivum für die Kranken zu finden, mahnen andere Experten, diese statistischen Erkenntnisse nicht überzubewerten. Wirksamkeit und Verträglichkeit können von Patient zu Patient unterschiedlich sein, sagt Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Mainz. Bis heute können Mediziner nicht vorhersagen, wer wie auf welches Medikament anspricht. Manchen Patienten hilft gar keines dieser Mittel. Zudem hat die Studie nur die Wirkung in den ersten acht Wochen einer Depression untersucht. Was langfristig hilft, lässt sich damit nicht beantworten.

Und ein weiterer Bereich bleibt ungeklärt: Wie sinnvoll Antidepressiva bei Kindern und Jugendlichen sind. Zu dieser Frage gibt es weit weniger Studien; die Unsicherheiten sind entsprechend groß. Somit ist vielleicht etwas zu optimistisch, was das britische Royal College of Psychiatrists der neuen Arbeit bescheinigt: Dass sie der Sargnagel für die Diskussion um die Wirksamkeit der Antidepressiva sei.

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