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Demenz:Hinsehen statt ruhigstellen

Viel zu leichtfertig werden Demenzkranken starke Beruhigungsmittel verabreicht. Dabei häufen sich die Erkenntnisse über schwere Nebenwirkungen, die alles noch viel schlimmer machen können.

Mal ist es die Oma, die ihre Familie wüst beschimpft. Mal ist es der Opa, der nachts pausenlos durch die Wohnung streift oder sogar davonläuft, wenn die Haustür nicht abgeschlossen ist. Wie praktisch wäre es, den demenzkranken Großeltern einfach ein Beruhigungsmittel zu geben. Keine Beleidigungen mehr, keine schlaflosen Nächte. Von wegen.

Aktuell berichten finnische Forscher wieder davon, wie verheerend die Gabe von Benzodiazepinen sein kann, einem gängigen Beruhigungsmittel. Die untersuchten Demenzpatienten hatten ein um 43 Prozent erhöhtes Risiko, eine Hüftfraktur zu erleiden. Und nicht nur das: Sie liefen auch größere Gefahr, im Anschluss an die Fraktur mehr als vier Monate in der Klinik verbringen zu müssen.

Sie können nicht sagen, ob ihnen etwas weh tut. Oder ob sie sich verletzt haben.

Seit Jahren warnen Experten vor dem leichtfertigen Einsatz von Benzodiazepinen und das zu Recht: Für Menschen mit milden kognitiven Einschränkungen erhöhen sie sogar das Risiko einer Demenz. Demenzpatienten können noch mehr ihrer ohnehin eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten einbüßen, wenn sie die Medikamente einnehmen. Und bei manchen der Erkrankten treten sogenannte paradoxe Reaktionen auf: Nach Einnahme der Benzodiazepine nimmt ihre Unruhe noch weiter zu.

Das Problem ist immens: Laut einer Auswertung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK nehmen mehr als zehn Prozent der Demenzkranken in Deutschland diese Pillen ein. Das sind 150 000 Betroffene. Dabei empfehlen Spezialisten seit Jahren, Benzodiazepine nur im Notfall und allenfalls kurzfristig einzusetzen. Als letzten Strohhalm, wenn Ärzte nicht mehr weiterwissen. Auch, weil Patienten davon abhängig werden können.

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Schätzungsweise 90 Prozent aller Demenzpatienten werden im Verlauf der Erkrankung aggressiv, unruhig oder leiden unter Wahnvorstellungen. Bei ihnen sollten Ärzte und Pflegepersonal zunächst nach Ursachen der Unruhe oder der Aggressionen suchen. Viele schwer demente Menschen können sich nämlich kaum noch artikulieren. Sie können nicht sagen, ob ihnen etwas wehtut. Ob sie sich verletzt haben. Ob sie auf die Toilette müssen. Mehr als die Hälfte aller Pflegeheimbewohner mit Demenz leidet an Schmerzen, so ergab eine Studie der Charité in Berlin. Das sollten Mediziner und Pfleger wissen.

Damit es den Patienten nicht ergeht, wie jenem demenzkranken Mann, der einst in einem Pflegeheim sieben Tage mit einem gebrochenen Bein herumlief. Er war unruhig, verweigerte jede Nahrung, schrie den ganzen Tag. Beruhigungspillen hätten dem armen Mann wohl wenig geholfen.

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