Demenz:Angst als lukrative Verdienstmöglichkeit

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Für die Früherkennungsindustrie bedeutet die Angst der Menschen eine lukrative Verdienstmöglichkeit. Den Markt dafür gibt es bereits, wie eine aktuelle Umfrage der Harvard Medical School und der Organisation "Alzheimer Europe" zeigt. Demnach würden sich etwa zwei Drittel der 2678 gesunden Befragten auf Alzheimer testen lassen, ehe sie Symptome spüren. Allerdings glaubt ein ebenso großer Anteil fälschlicherweise, dass es wirksame Medikamente gegen die Demenz gibt.

Befürworter der Früherkennung argumentieren, Menschen mit einer positiven Prognose bliebe genügend Zeit zu entscheiden, wie und von wem sie später versorgt werden wollen. Doch bieten die Tests nicht die erhoffte Sicherheit. In Studien liegen Ärzte immer wieder falsch, wenn sie allein aufgrund der Testergebnisse entscheiden sollen, ob ein Mensch bereits unter Alzheimer leidet.

Der Grund für diese Fehleinschätzung liegt darin, dass etwa ein Drittel aller alten Menschen, egal ob gesund oder dement, die demenztypischen Veränderungen im Hirn aufweist. Doch nicht jeder Mensch mit Verklumpungen wird tatsächlich krank. Aus den Ablagerungen im Gehirn lässt sich daher kaum eine Aussage darüber ableiten, ob jemand an Alzheimer erkrankt ist - und erst recht keine verlässliche Prognose, ob es dazu jemals kommen wird.

Dabei ist die begrenzte Aussagekraft nicht das einzige Problem der Tests. Angenommen, ein 40-Jähriger mit Kindern und Zukunftsplänen erfährt, dass er in 20 Jahren wahrscheinlich an Alzheimer erkranken wird - wer hilft ihm dann, mit seiner Angst zurechtzukommen? Ärzte sind auch in diesem Fall hilflos, denn kein Medikament kann verhindern, dass die Krankheit ausbricht. "Man strebt zwar die Früherkennung an, denkt aber nicht darüber nach, welchen Platz Personen mit einer positiven Diagnose in unserer Gesellschaft erhalten sollen", sagt Psychiater Kurz.

Wenn sich Alzheimer schon nicht heilen und kaum behandeln lässt - kann man dann wenigstens effektiv vorbeugen? Unermüdlich betonen Ärzte, wie wichtig Alzheimer-Prävention sei - und verschweigen meist, dass auch das Wissen über die richtige Vorbeugung äußerst mager ist.

Wie man der Krankheit entgegenwirken kann, weiß niemand - auch wenn Studien scheinbar zu sicheren Erkenntnissen führen. So schreiben zwar Forscher um Deborah Barnes von der University of California in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins Lancet Neurology, dass sich die Hälfte aller Alzheimer-Fälle sieben Risikofaktoren zuordnen ließe, darunter Rauchen, Bluthochdruck und Diabetes. Kanadischen Medizinern zufolge sollen Haut- und Verdauungsbeschwerden das Risiko ebenfalls erhöhen.

Wer genau hinschaut, erkennt jedoch, dass auch diese Erkenntnisse nicht weiterhelfen. "Für keinen der Faktoren wurde eine ursächliche Beziehung speziell zu Alzheimer gefunden", sagt Laura Fratiglioni vom Stockholmer Karolinska-Institut über die jüngsten Ergebnisse ihrer Kollegen. Auch beim Thema Prävention müssen Forscher und Ärzte also vor der mysteriösen Krankheit Alzheimer kapitulieren.

"Wie wir das Hirn widerstandsfähiger gegen Degeneration machen können, wissen wir nicht genau", sagt Kurz. "Das Einzige, was wir konkret machen können, ist, zusätzliche Schäden wie Herz-Kreislauf-Leiden zu verhindern." Ebenso unklar ist, wer überhaupt Prävention betreiben soll. "Aus heutiger Sicht", so der Münchener Psychiater, "muss man sagen: alle."

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