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Demenz als Behinderung:Nicht die Behinderten müssen sich bewegen, sondern die Gesellschaft muss es tun

Warum fällt das so schwer? Auch wer es nicht mehr hören kann, dieses aufgesetzte Soziologen-Wort von der Teilhabe: Es geht hier um ein Menschenrecht; es verpflichtet zum Beispiel Kommunen, ihre Infrastruktur barrierefrei zu gestalten. Das funktioniert schon ganz gut hierzulande. Anstrengender aber ist es zu verinnerlichen, dass Teilhabe ein neues Miteinander voraussetzt. Es geht um die Barrierefreiheit in den Köpfen, nicht um den Bau neuer Rampen, so dass Behinderte leichter ins Einwohnermeldeamt kommen. Es geht um Zugänglichkeit nicht von Gebäuden, sondern von Köpfen und Herzen.

Inklusion heißt Wertschätzung und Respekt. Das bedeutet nicht nur, einem Blinden im Supermarkt zu zeigen, wo der Joghurt steht, psychisch Kranken unermüdlich Zuspruch zu geben und einem Rollstuhlfahrer über eine der wenigen Stolperschwellen zu helfen, die noch verblieben sind. Bautechnisch tut sich ja viel.

Aber noch viel notwendiger ist eine neue Kultur des Helfens, ein Sinneswandel. Nicht die Behinderten müssen sich bewegen, sondern die Gesellschaft muss es tun. Soziale Anerkennung sollen sich Menschen nicht durch Konkurrenzfähigkeit und Leistung verdienen müssen. Auch wer nicht mehr viel auf die Reihe bekommt, weil er pflegebedürftig ist, darf nicht an den Rand gedrängt, senile Senioren dürfen nicht stillschweigend in medizinisch-pflegerische Ghettos abgeschoben werden.

Die große Auseinandersetzung darüber, wie mit hilflosen Menschen umzugehen ist, steht der Gesellschaft noch bevor.

Das Gespenst des Alters

Die Behindertenrechtskonvention stellt ausdrücklich auch Menschen mit Demenz unter ihren Schutz. Der Begriff der Behinderung hat sich geändert. Denn wer pflegebedürftig ist, gilt als behindert, das regeln inzwischen die Pflegestufen. Die Demenz ist das Gespenst des Alters; wer ihm begegnet, begegnet der eigenen Angst. Vielleicht kann dies die Antriebsfeder sein, um die Ziele der Konvention voranzubringen und das Gemeinwesen neu zu erfinden.

Nur vier bis fünf Prozent der Menschen sind von Geburt an körperlich oder geistig eingeschränkt. Die Zukunftsprognose der Alzheimergesellschaft ist einprägsam: Gegenwärtig leben in Deutschland etwa 1,5 Millionen Demenzkranke. Jahr für Jahr treten mehr als 300 000 Neuerkrankungen auf. Sofern kein Durchbruch in der medizinischen Therapie gelingt, werden im Jahr 2050 etwa drei Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland leben.

Gedächtnisverlust und Hilfsbedürftigkeit dürfen nicht als Symptome einer Störung gesehen werden; es sind Zustände an den Rändern des Lebens; sie gehören zum Menschsein dazu. Die Nichtbehinderten können sich viel abschauen: zum Beispiel, wie das geht mit der Entschleunigung; wie es sich anfühlt, wenn man nicht mehr alles auf einmal schafft. Wenn das Leben langsamer wird, kann es reicher werden. Die Achtung des vermeintlich Schwachen ist notwendiges Korrektiv für die Leistungsgesellschaft.

© SZ vom 21.03.2015/beu

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