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Corona-Pandemie:Langes Leiden am Coronavirus

Manche Covid-19-Patienten fühlen sich auch nach ihrer Entlassung aus der Klinik noch krank.

(Foto: MARCO LONGARI/AFP)

Viele Covid-19-Patienten genesen nach zwei Wochen wieder. Doch eine zunehmende Zahl klagt noch nach Monaten über belastende und teils seltsame Symptome.

Von Berit Uhlmann

Nach durchschnittlich zwei Wochen hatten die 143 Covid-19-Patienten aus der Klinik in Rom das Schlimmste überstanden. Sie konnten das Krankenhaus verlassen. Für die 19 bis 84 Jahre alten Rekonvaleszenten war die Heimkehr ein Fortschritt, doch ausgestanden war das Leid für die meisten von ihnen noch nicht. Ihr Schicksal wurde nun im Fachblatt Jama veröffentlicht - und wirft ein Schlaglicht auf eine Entwicklung, die bislang vor allem aus anekdotischen Beschreibungen bekannt war: Covid-19 kann den Körper lange belasten.

Viele ehemalige Patienten fühlen sich auch Monate nach ihrer Genesung noch erschöpft

Für ihre Arbeit hatten die Mediziner ihre Patienten etwa 60 Tage nach Beginn der Erkrankung erneut nach ihrem Befinden befragt. Symptomfrei waren zu dem Zeitpunkt lediglich 13 Prozent. 32 Prozent wurden noch immer von ein bis zwei verschiedenen Beschwerden geplagt. Die Mehrheit - 55 Prozent - litt sogar unter mindestens drei Krankheitsanzeichen. Ganz oben auf der Liste der Beeinträchtigungen stand das Gefühl von Abgeschlagenheit. Während der akuten Krankheitsphase hatten 80 Prozent der Patienten mit der Erschöpfung gekämpft, etwa zwei Monate später klagte noch die Hälfte darüber. Weitere anhaltende Symptome waren vor allem Kurzatmigkeit sowie Brust- und Gelenkschmerzen.

Die Studie ist klein, aber sie legt nahe, dass die Situation komplizierter und vielfältiger ist, als Daten aus China zu Anfang der Pandemie hatten vermuten lassen: Patienten mit milden Symptomen sind im Schnitt nach zwei Wochen wieder gesund, Kranke mit schwerem Verlauf genesen innerhalb von drei bis sechs Wochen. So dachte man lange.

Doch dann gab es immer mehr Berichte von Patienten, die anderes erlebten - darunter auch solche, denen man in der Beschreibung der eigenen Krankengeschichte eine gewisse Objektivität zutraut: Menschen vom Fach.

Dazu gehört etwa Peter Piot, Direktor der London School of Hygiene and Tropical Medicine. Er hat das Ebola-Virus mit entdeckt, hat Jahre seines Lebens dem Kampf gegen HIV gewidmet und war im März an Covid-19 erkrankt. Er litt schwer an Atemproblemen, aber auch an einem so seltsamen Symptom wie der Überempfindlichkeit der Kopfhaut, die sich schon bemerkbar machte, wenn man auch nur sein Haar berührte. Zwei Monate später, wieder zurück am Schreibtisch, erklärte er im Podcast der Schule, dass er noch immer kurzatmig und seine Sauerstoffsättigung noch immer etwas zu niedrig sei.

Ein Arzt klagt über ein "seltsames, anhaltend unangenehmes Gefühl im Bein"

Paul Garner, Professor für Infektionskrankheiten an der Liverpool School of Tropical Medicine, erlebte ebenfalls eine unerwartet lange Covid-Erkankung. "Fast sieben Wochen lang durchlebte ich eine Achterbahnfahrt mit schlechter Gesundheit, extremen Gefühlen und starker Erschöpfung", schrieb er im British Medical Journal. Garner musste nicht im Krankenhaus behandelt werden; die Symptome waren dennoch belastend: "Wie in einem Adventskalender, jeden Tag gab es eine Überraschung" - darunter Tinnitus, Schwindel, Magenprobleme und ein "seltsames Gefühl auf der Haut, wenn sie synthetische Materialien berührte".

Yochai Re'em, Arzt an einem New Yorker Krankenhaus, schrieb im Web-Portal Statnews: "Inzwischen habe ich fast vier Monate lang Symptome erlebt, und es gibt kaum Anzeichen dafür, dass ich vollständig zu meinem Prä-Covid-Selbst zurückkehre." Der angehende Psychiater arbeitet bereits wieder, dennoch sind seine Leberwerte nicht im Normbereich, er spürt wiederkehrende Magenprobleme "und ein seltsames, anhaltend unangenehmes Gefühl im Bein". Der Arzt beschreibt zugleich ein weiteres Problem, das Patienten mit lang anhaltenden Symptomen droht. Bisweilen schlägt ihnen Zweifel entgegen. Gerade Symptome wie Abgeschlagenheit und Empfindungsstörungen sind unspezifisch, schwer objektivierbar und werden leicht allein der Psyche zugeschrieben.

Doch dass virale Erkrankungen Langzeitfolgen haben können, ist bekannt. Eine Studie aus Hongkong zeigte, dass mehr als 20 Prozent der Sars-Patienten ein Jahr nach ihrer Erkrankung noch nicht wieder in Vollzeit arbeiteten. Eine andere Hongkonger Arbeit ergab, dass 40 Prozent der Sars-Genesenen noch nach drei Jahren unter vermehrter Erschöpfung litten.

Ob Sars-CoV-2 ein ähnliches Risiko birgt, ist noch vollkommen offen. Bislang gibt es nur wenige Erkenntnisse zum Ausmaß des Problems, wie die Daten einer britischen App, auf der Zehntausende Covid-Erkrankte täglich ihre Symptome beschrieben. Sie ergaben, dass jeder zehnte auch nach Ablauf von drei Wochen noch Symptome spürte und einige sogar monatelang litten.

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Mediziner zeigten auch, dass der getrübte Geruchs- und Geschmackssinn - eines der besonders frühen und typischen Covid-Symptome - auch vier Wochen nach Erkrankungsbeginn noch anhalten kann. Einer Studie im Fachjournal JAMA Otolaryngology zufolge hatte sich das Symptom bei 40 Prozent der Betroffenen zwar gebessert, aber es war nicht verschwunden. Bei jedem zehnten hielt es unverändert an, einige erlebten sogar eine späte Verschlechterung. In der Studie waren 113 Patienten untersucht worden, sie alle waren lediglich mild erkrankt. Ob sie die Fähigkeit zum Riechen und Schmecken auf lange Sicht wiedererlangten, ist noch nicht bekannt. Dennoch, kommentieren die Autoren: "Angesichts der großen Zahl an Infektionen weltweit wird es wahrscheinlich eine beträchtliche Zahl an Patienten mit Langzeit-Einschränkungen geben."

© SZ.de

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