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Pandemie:Forscher korrigieren Covid-19-Sterberaten

Auf einem Friedhof im brasilianischen Manaus wurden neue Gräber für Opfer des Coronavirus angelegt.

(Foto: MICHAEL DANTAS/AFP)

Deutschlands Corona-Sterberaten könnten höher sein als gedacht, Italiens tiefer. Dennoch bleiben Unterschiede - und Wissenschaftler rätseln weiterhin über ihre Ursachen.

Von Berit Uhlmann

Es gehört zu den besonders irritierenden Phänomenen der aktuellen Krise, dass sich noch immer nicht exakt bestimmen lässt, wie hoch das Risiko ist, an Covid-19 zu sterben. Je nachdem, in welche Statistik und welches Land man schaut, sieht man enorme Unterschiede. Kambodscha beispielsweise hat noch überhaupt keine Todesfälle gemeldet; im Sudan dagegen lag die Sterberate streckenweise bei fast 30 Prozent. Selbst in relativ ähnlichen Ländern mit funktionierenden Gesundheitssystemen klafft die Letalität, so der Fachbegriff für den Anteil der Gestorbenen an allen Covid-Fällen, weit auseinander.

Auch mit statistischen Korrekturen ist die Letalität etwa in den Niederlanden sehr hoch

So lag der Wert in Italien Mitte April bei 9,2 Prozent, in Deutschland aber nur bei 0,7 Prozent, schreibt ein deutsch-amerikanisches Forscherteam im Fachblatt Annals of Internal Medicine. Dafür kommen viele Gründe infrage, als Hauptfaktor aber gilt das Alter. Hochbetagte sterben sehr viel häufiger an Covid-19 als junge Menschen; ein Land, in dem sehr viele Senioren leben, sollte damit eine höhere Sterberate haben. Wenn in dieser Altersgruppe dann auch noch überproportional viel getestet wird, fällt die allgemeine Sterberate noch höher aus. Auf dem Höhepunkt der Krise in Italien wurden die Abstriche überwiegend bei den Älteren und Kranken in den Kliniken genommen, wie Forscher aus Rom vor einiger Zeit berichteten. Für die Jüngeren, die die Infektion mit Sars-CoV-2 leichter wegstecken, reichten die Testkapazitäten nicht mehr. Diese Gruppe ist damit in der Statistik unterrepräsentiert.

Die Wissenschaftler um Nikkil Sudharsanan vom Heidelberg Institute of Global Health haben diese Effekte nun aus den Statistiken herausgerechnet. Hätte Italien genau die gleiche Altersstruktur wie alle anderen Länder und hätten die Behörden die Infizierten in allen Altersgruppen gleichermaßen identifiziert, würde die Sterberate dort nur 3,9 Prozent betragen. In Deutschland würde sie auf 1,3 Prozent steigen. Das deutet darauf hin, dass Deutschland überproportional viele junge, weniger gefährdete Menschen getestet hat.

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Auch diese Werte haben noch Unsicherheiten. Sie beruhen auf Annahmen sowie offiziellen Angaben der Todesfälle, die unvollständig oder uneinheitlich sein können. Dennoch zeigen sie, dass die rechnerische Korrektur die Unterschiede zwischen den Ländern deutlich schrumpfen - aber nicht ganz verschwinden lässt. Staaten wie die Niederlande und Italien haben auch nach der Korrektur noch immer eine zwei- bis dreifach höhere Letalität als Deutschland und die Schweiz. Die Alterseffekte sind damit nur zu etwa zwei Dritteln für die Unterschiede verantwortlich, schreiben die Forscher. Welche Faktoren darüber hinaus eine Rolle spielen, können sie nicht sagen. Möglich sind Unterschiede in der Gesundheit der Einwohner, der Krankenversorgung oder im Gesundheitssystem. Andere Wissenschaftler hatten bereits unterschiedliche Raucherquoten oder die Luftverschmutzung als Erklärungsansätze genannt.

© SZ/weis
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