PandemieNeue Studie: Kein Beleg für Labor-Ursprung des Coronavirus

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So kann man sich ein Cornavirus vorstellen.
So kann man sich ein Cornavirus vorstellen. Bild: xprillx via imago-images.de/Imago/Pond5 Images
  • Ein Team um Virologe Christian Drosten untersuchte über 17 Millionen Virus-Genome und fand keine Belege für einen Labor-Ursprung von Sars-CoV-2.
  • Das widerspricht einer Theorie, laut der die Furin-Spaltstelle des Coronavirus aus dem Laborvirus MERS-MA30 stammen könnte.
  • Drosten betont, ein Labor-Ursprung sei generell nicht auszuschließen, aber es gebe keine überprüfbaren Belege dafür.
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Ein Team um den Virologen Christian Drosten hat anhand von Millionen Virus-Genomen und Viren-Züchtungen die Hypothese untersucht, dass Covid-19 aus dem Labor gekommen sein könnte. Was dabei herauskam.

Von Hanno Charisius

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Wurde das Coronavirus Sars-CoV-2 durch natürlichen Zufall erschaffen oder durch den Menschen im Labor? Es gibt eine Eigenschaft des Virus, an der seit Beginn der Pandemie die Debatte um den Ursprung des Erregers zuverlässig entbrennt: die sogenannte Furin-Spaltstelle, ein Werkzeug des Virus, das ihm Zutritt zu menschlichen Zellen in den Atemwegen verschafft. Ohne dieses Werkzeug wäre der Erreger weitaus weniger infektiös und hätte es womöglich nie geschafft, eine Pandemie auszulösen.

Seit die Genom-Sequenz des Coronavirus im Frühjahr 2020 bekannt wurde, steht die Vermutung im Raum, dass dieses Werkzeug von Menschenhand ins Virus geschleust worden sein könnte. Denn verwandte Erreger haben diese Eigenschaft nicht. Warum also sollte Sars-CoV-2 der einzige evolutionäre Ausreißer aus der Virus-Familie sein? Zwar könnte eine Furin-Spaltstelle auch leicht durch wenige Mutationen als Zufallsprodukt entstanden sein. Dennoch galt die entsprechende Stelle im Erbgut des Virus fortan als verdächtig – zumindest für Menschen, die einen Labor-Ursprung für wahrscheinlich halten. Doch Anhänger dieser Idee müssen sich nun wohl nach einem neuen Erklärungsansatz umschauen.

Seit Ende 2024 wird diskutiert, dass die Furin-Spaltstelle von Sars-CoV-2 aus einem bestimmten Mers-Virus stammen könnte, das im Labor an Mauszellen angepasst wurde. Die Furin-Spaltstelle dieses Mers-MA30 genannten Erregers weise große Ähnlichkeit zu jener des Coronavirus auf, berichtete der Bioinformatiker Andreas Martin Lisewski von der Constructor University in Bremen damals im Fachjournal BMC Genomic Data. Mers-MA30 bezeichnete Lisewski als „präzise Vorlage“ für Sars-CoV-2.

„Eine Mischung aus frei ausgedachter Räuberpistole, biologischen Verwechslungen und Missverständnissen“

Dieser Hypothese ging seit dem vergangenen Jahr ein Team um den Virologen Christian Drosten von der Berliner Charité in umfassenden Analysen und Experimenten nach. Im Wissenschaftsjournal PNAS berichtet die Gruppe in dieser Woche, sie hätte keine Hinweise auf einen evolutionären Zusammenhang zwischen Mers-MA30 und Sars-CoV-2 gefunden.

Die Forschenden hatten das Erbgut von mehr als 17 Millionen Sars-CoV-2-Viren auf Spuren überprüft, die auf einen solchen Hergang hindeuten könnten. Außerdem versuchten sie mit Zellversuchen im Labor, die Verwandlung der Mers-Furin-Spaltstelle in die von Sars-CoV-2 nachzustellen.

Die Genomanalyse zeigte, dass die Mers‑MA30‑ähnliche Sequenz an der Furin-Spaltstelle von Sars‑CoV‑2 während der Pandemie zwar mehrfach, aber nur extrem selten, immer vorübergehend und nie ganz nah am Stammbaum-Ursprung von Sars-CoV-2 auftaucht. Als realistische Vorläufervariante scheide die MA30-Furin-Spaltstelle damit aus, folgert das Team um Drosten. Allerdings habe man mit den gut 17 Millionen Virus-Genomen nur etwa 0,5 Prozent der weltweit zirkulierenden Coronaviren im Blick gehabt.

Die im Labor konstruierten Sars-Viren mit künstlich eingebauter MA30-Furin-Spaltstelle waren zudem klar weniger durchsetzungsfähig als Viren mit der bekannten Sars-Furin-Spaltstelle. In den Versuchen zeigte sich auch keine stabile Entwicklung von der Mers-Variante in Richtung Sars-Version der Schnittstelle. Dass dies zu Beginn der Pandemie dennoch passiert sein könnte, kann nicht ausgeschlossen werden, ist aber unwahrscheinlich.

Dass das Laborvirus Mers‑MA30 entwicklungsgeschichtlich verwandt sein könnte mit Sars-CoV-2, war bereits im Jahr 2025 von einer Beratergruppe der WHO als unplausibel eingestuft worden, der auch Drosten angehörte. Doch das sei damals eine reine Papierarbeit gewesen, sagt Drosten. Es sei „eine Frage der Gründlichkeit und des wissenschaftlichen Interesses gewesen“, dieser Theorie noch einmal nachzugehen.

Die Laborentstehungs-Hypothesen würden inzwischen Blüten schlagen, sagt Drosten, „und jedes Mal zielt das zwischen den Zeilen auch auf eine bestimmte Arbeitsgruppe“. Die MA30‑Furin-Spaltstelle ist auch ein zentrales Element verschiedener Lab‑Leak‑Erzählungen wie dem Buch des Bloggers Jim Haslam, „Covid-19: Mystery solved“. Drosten bezeichnet es als „eine Mischung aus frei ausgedachter Räuberpistole, biologischen Verwechslungen und Missverständnissen sowie Fingerpointing auf bestimmte Personen“.

Andreas Martin Lisewski interpretiert die neuen Daten indes anders als Drostens Team. Das Hauptergebnis unterstreiche gar, dass sich eine zu Mers-MA30 analoge Furinspaltstelle in Sars-CoV-2 „evolutionsbiologisch weitestgehend unabhängig“ von jener Evolutionslinie entwickelt habe, die sich Ende 2019 von der chinesischen Stadt Wuhan ausgehend auf der ganzen Welt ausgebreitet hat. Er hält es für unwahrscheinlich, dass die Pandemie allein mit einer Übertragung von einem infizierten Tier auf Menschen in Wuhan begonnen hat, sondern führt stattdessen die Hypothese eines Doppelursprungs in Europa und China ins Feld.

Christian Drosten sagt nicht, dass Sars-CoV-2 unmöglich aus Mers-MA30 hervorgegangen sein kann. „Ich kann nicht die absolut irrsten Zufälle ausschließen, niemand kann das. Ich kann nur sagen, dass wir so ziemlich zum Äußersten geschritten sind, bei dem, was man tun kann, um Belege zu finden.“ Aber es fand sich nichts, weder relevante Übergangsformen im Stammbaum des Coronavirus noch passende und durchsetzungsfähige Veränderungen im Laborversuch. „Wir haben alles versucht und hinterfragt, und dabei kommt keinerlei Unterstützung für diese Hypothese heraus.“

Ob er nun auch all die anderen Labor-Hypothesen testen wird?
„Nein, das ist nicht möglich“, sagt Drosten, „aber diese Hypothese fand ich relevant und überprüfbar.“ Ein Labor-Ursprung sei generell nicht auszuschließen. „Man muss sich dafür offenhalten, auch wenn es keine Belege dafür gibt, die überprüfbar sind.“

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