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Pandemiebekämpfung:Die missachteten Helfer vom Gesundheitsamt

Coronavirus - Berlin: Corona-Test-Einrichtung

Mitarbeiter vom Gesundheitsamt testen mit Abstrichstäbchen in einer ambulanten Corona-Test-Einrichtung in Berlin.

(Foto: dpa)

Sie sind die wichtigsten Einrichtungen im Kampf gegen Covid-19. Lange Zeit hat die Politik sie komplett ignoriert. Das soll sich jetzt schlagartig ändern.

Von Berit Uhlmann

Wenn Ute Sierings Handy außerhalb der Bürozeit klingelt, muss sie aus dem Haus laufen. Der Empfang in ihrer Wohnung ist so schlecht, dass die Medizinerin immer wieder mitten auf der Dorfstraße steht, um von dort aus die aktuell wichtigste Aufgabe ihres Landkreises zu koordinieren: Covid-19 in Schach zu halten. Die Medizinerin leitet das Gesundheitsamt von Parchim-Ludwigslust, im Westen von Mecklenburg-Vorpommern. Zeitweilig aus der Quarantäne heraus geführt wurde das Dortmunder Gesundheitsamt. Dessen Leiter hatte sich vermutlich bei der Arbeit mit dem Coronavirus infiziert; fünf Tage lang war er krank. Doch muss es weitergehen mit all den Aufgaben einer solcher Behörde, die bisweilen auch Erfindergeist nötig machen: In Bremen beispielsweise fertigt eine Theaterschneiderei Gesichtsmasken für das Gesundheitsamt.

Es sind Szenen aus einem Bereich, von dem man wenig hört in Deutschland. Die Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen hat sie in einem Podcast zusammengetragen. Die Einrichtung, zu deren Aufgaben die Ausbildung von Mitarbeitern der Gesundheitsämter gehört, bietet Einblicke in ein Gebiet, bei dem Bedeutung und öffentliche Wahrnehmung auseinanderklaffen wie selten. Die 400 Gesundheitsämter Deutschlands bilden jenen Wall, der verhindern soll, dass die Infektionswelle die Kliniken und Praxen überrollt. Ihre Mitarbeiter sind dafür verantwortlich, Infizierte schnell zu identifizieren und zu isolieren, deren Kontaktpersonen aufspüren und unter häusliche Quarantäne stellen. Doch in all den Lobeshymnen auf Corona-Helfer kommen die Beschäftigten des Öffentlichen Gesundheitsdienstes kaum vor. Auf den Talkshow-Stühlen sitzen andere. "Die mangelnde Wertschätzung tut manchmal schon fast körperlich weh", sagt ein Mitarbeiter.

Wie soll man den Personalbedarf ermitteln, wenn man nicht weiß, wie viele Mitarbeiter es gibt?

Inmitten der Corona-Krise will die Politik diese Ämter nun deutlich stärken. Jetzt, da die Lockerung der strengen Schutzmaßnahmen gegen Covid-19 ansteht, da noch mehr getestet und Infektionsketten rascher unterbrochen werden sollen, wird es deutlich mehr Personal und technische Unterstützung für die Ämter geben. "Das ist zunächst positiv", sagt Peter Tinnemann vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Berliner Charité. Es gibt noch immer Gesundheitsämter, die mit Papierakten hantieren. Doch wie umfassend das Schattendasein der Behörden noch ist, zeigt sich auch daran, dass sie in die Planungen zu ihrer eigenen Stärkung offenbar nicht einbezogen waren.

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Der Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst war jedenfalls nicht an den Planungen beteiligt, sagt dessen Vorsitzende Ute Teichert. Sie kennt auch keine Kollegen, die zu Rate gezogen wurden. In dem Fachbereich wundert man sich auch, woher die Zahl kommt, die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vor wenigen Tagen verkündete: Fünf zusätzliche Mitarbeiter pro 20 000 Einwohnern sollen die Gesundheitsämter bekommen, unter anderem für das so genannte Contact Tracing, also das schnelle Aufspüren von Kontaktpersonen. Nur: "Seit 20 Jahren wird nicht mehr erfasst, wie viele Menschen überhaupt an den deutschen Gesundheitsämter arbeiten", sagt Ute Teichert. Wie kann man so den zusätzlichen Bedarf ermitteln? Zudem ist nicht klar, welche Voraussetzungen die Menschen brauchen, die nun mit helfen sollen. Aus einigen Ämtern ist zu hören, dass sie bereits Mitarbeiter ohne Kenntnisse in Medizin oder Gesundheitswesen eingestellt haben.

Es fehlen Vorgaben, wie Menschen in Quarantäne gut betreut werden können

Doch kann tatsächlich jeder Aufgaben wie das Contact Tracing leisten? Peter Tinnemann, selbst Facharzt für Öffentliches Gesundheitswesen, verweist darauf, dass es auch um die psycho-soziale Betreuung der Betroffenen gehen sollte. "Eine Quarantäne ist mit Sorgen, Ängsten, Belastungen, auch praktischen Problemen verbunden", sagt auch Michael Knipper, der sich an der Universität Gießen mit dem gesellschaftlichen Kontext von Krankheiten befasst. Fühlen sich die Menschen damit nicht ernst genommen, kann ihre Kooperationsbereitschaft leiden. Das beste Contact Tracing aber wird hinfällig, wenn sich die Menschen nicht an die Auflagen halten. Dagegen gewinnen Behörden, die als unterstützend erfahren werden, Vertrauen. Doch dies wird an zentralen Stellen offenbar nicht als dringlich angesehen: "Wir haben genaue Definitionen von Kontaktpersonen, aber eine zentrale Richtlinie, wie wir diese Menschen gut betreuen, gibt es nicht", sagt Tinnemann.

Ein anderer Kenner des Fachbereichs betont, dass es wichtig sei, potenzielle Covid-Hot-Spots rechtzeitig gegen die Krankheit zu wappnen. Vor allem Alten- und Pflegeheime müssen jetzt daraufhin geprüft werden, wie gut sie für einen Ausbruch gerüstet sind und im Zweifelsfall Unterstützung erhalten. Auch dazu braucht es Zeit und Erfahrung, die ein paar zusätzliche Telefonkräfte wohl nicht bieten können. Ob aber mehr Fachpersonal in die Ämter kommt und auch längerfristig bleibt, ist fraglich. Denn zumindest unter Medizinern sind die Arbeitsstellen nicht sehr begehrt. Ein Amtsarzt verdient monatlich bis zu 1500 Euro weniger als die Kollegen in der Klinik. In der aktuellen Krise rächt sich diese Ungleichbehandlung.

© SZ vom 24.04.2020
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