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Coronavirus:Das Krankheitsbild von Covid-19 ist ein Chamäleon

A bus arrives near the cruise ship Diamond Princess, where dozens of passengers were tested positive for coronavirus, at Daikoku Pier Cruise Terminal in Yokohama

Ein unfreiwilliges, aber sehr aussagekräftiges Experiment: Auf dem Kreuzfahrtschiff Diamond Princess wurden nahezu alle Menschen getestet.

(Foto: Athit Perawongmetha/Reuters)
  • Bislang hieß es, Husten und Fieber seien die prominentesten Symptome einer Covid-19-Erkrankung.
  • Nun zeigt sich: Das Krankheitsbild ist weit weniger einheitlich als bislang angenommen.
  • Vor allem ältere Menschen leiden seltener unter Fieber.

Ärzte haben ein besonders Verhältnis zu Chamäleons. Damit ist nicht gemeint, dass sie die Schuppenkriechtiere gerne im heimischen Terrarium halten. Vielmehr handelt es sich um das Phänomen, dass eine Krankheit extrem vielseitig in ihrem Erscheinungsbild sein kann, also die unterschiedlichsten Symptome dabei vorkommen - und diese verschieden stark ausgeprägt sind. In der Geschichte der Heilkunde sind Dutzende Erkrankungen als "Chamäleon der Medizin" bezeichnet worden, darunter illustre Leiden wie Syphilis, Sarkoidose, das Hodgkin-Lymphom oder auch die Zöliakie. Ähnlich wie das erstaunliche Reptil nach dem Farbwechsel nicht leicht zu erkennen ist, entzieht sich manche Krankheit durch Maskerade dem diagnostischen Blick.

Um eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus zu beschreiben, wurden zunächst vor allem die beiden Hauptsymptome Fieber und trockener Husten erwähnt. Zwar wurde von Anfang an einschränkend hinzugefügt, dass die Diagnose alleine anhand dieser klinischen Symptome nicht hundertprozentig sicher und die Überschneidung mit Erkältungsleiden und anderen Erkrankungen womöglich groß sei. Hieß es zu Beginn, dass Husten und Fieber bei etwa drei Viertel der erfassten Fälle vorkämen, teilte RKI-Präsident Lothar Wieler kürzlich mit, dass diese Symptome in Deutschland nur bei 40 bis 50 Prozent der Infizierten festgestellt werden. Schweizer Notfallmediziner weisen jetzt darauf hin, dass die Symptome der Erkrankung Covid-19 oftmals unspezifisch seien und sie womöglich öfter als vermutet als medizinisches Chamäleon auftrete.

Ein 83-Jähriger kam mit Schmerzen im Brustkorb in die Klinik. Er wurde positiv getestet

Im Fachmagazin Swiss Medical Weekly von dieser Woche zeigen die Ärzte vom Universitätsspital Basel, dass gerade in der Risikogruppe der älteren Menschen untypische Symptome häufig zu vermuten sind. So berichten die Autoren um Christian Nickel von einem 83-jährigen Patienten, der nach einem Sturz in die Notaufnahme eingeliefert wurde. Er klagte über Schmerzen im Bereich des Brustkorbs und wurde daher mittels Computertomografie (CT) untersucht. Die Aufnahme zeigte die für Covid-19 typischen Veränderungen in beiden Lungenflügeln, der Test bestätigte die Infektion. Der Patient hatte allerdings weder Fieber noch Husten.

Die Autoren berichten, dass sie derzeit drei Patienten mit schwerem klinischen Verlauf behandelten, die alle keine Symptome aufgewiesen hätten, als sie in die Klinik kamen. "Wir stehen vor der Herausforderung, wie aussagekräftig die Symptome und andere klinische Anzeichen sind", so Nickel. "Das ist der Eckpfeiler für alle weiteren Überlegungen hinsichtlich Tests und Isolationsmaßnahmen." Gerade ältere Patienten hätten oft "alles und nichts", wie erfahrene Ärzte wissen: Für Beschwerden, über die sie klagen, lässt sich kein krankhafter Befund ermitteln - umgekehrt gehen Leiden, die bedrohlich sein können, manchmal kaum mit Symptomen einher. "Insbesondere bei älteren Patienten muss man wohl mit sehr unspezifischen Symptomen rechnen", sagt Michael Kochen, lange Jahre Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin.

In die Irre führen kann beispielsweise auch ein weiterer Fall, den die Notfallmediziner aus Basel schildern. Eine 80-Jährige aus einem Pflegeheim kam mit Atemnot und Husten in die Klinik. Da zwei Mitbewohner positiv auf eine Infektion mit Sars-CoV-2 getestet waren, vermutete der Hausarzt, dass sie sich ebenfalls angesteckt hatte. Die weitere Abklärung im Krankenhaus ergab allerdings, dass die Dame Luftnot bekam, weil sich ihre bereits bestehende Herzinsuffizienz akut verschlechtert hatte. Mehrmalige Tests auf das neuartige Coronavirus fielen bei ihr negativ aus.

Unter Japanern, die aus Wuhan heimkehrten, war jeder dritte Infizierte symptomfrei

Auch solche "Nachahmer-Erkrankungen" müssten bei Verdacht auf Covid-19 in Betracht gezogen werden. "Wir brauchen dringend Werkzeuge oder eine Art Protokoll, um Patienten mit unspezifischen wie auch mit spezifischen Beschwerden besser zu erkennen", fordert Nickel und betont, dass unklare Symptome keineswegs nur bei älteren Infizierten vorkommen.

Aus anderen Quellen kommen ähnliche Hinweise. So zeigt sich in mehreren Einzelfallberichten, dass manche Patienten zunächst kaum Symptome hatten, von denen sie beeinträchtigt waren. Die anschließend dominierenden - und manchmal einzigen - Beschwerden waren Gliederschmerzen, diese allerdings begrenzt auf den Brustkorb sowie Schultergürtel und Nacken. Lungenärzte wissen, dass diese Symptome bei einer untypischen Lungenentzündung vorkommen können.

Auch eine Analyse der Infektionen und Erkrankungen auf dem Kreuzfahrtschiff Diamond Princess, auf dem sich etwa 700 der 3711 Passagiere und Crew-Mitglieder angesteckt hatten, bestätigt den oftmals ungewöhnlichen klinischen Verlauf nach einer Infektion mit Sars-CoV-2. Fast alle Fahrgäste auf dem Schiff wurden getestet, manche mehrmals. Doch obwohl sich vor allem ältere Menschen an Bord befanden und in dieser Gruppe schwere Verläufe häufiger sind, wurden bei 18 Prozent der Infizierten keine Symptome festgestellt, wie das Fachmagazin Nature berichtet. "Das ist ein erheblicher Anteil", sagt der Epidemiologe Gerardo Chowell von der Universität Atlanta, der an der Studie beteiligt war. Werde die Altersverteilung auf dem Schiff berücksichtigt, könne dies bedeuten, dass der Prozentsatz der Infizierten ohne Symptome in der Allgemeinbevölkerung weitaus höher liegt.

Da das Schiff am 5. Februar für zwei Wochen im Hafen von Yokohama unter Quarantäne gestellt wurde, gilt die Analyse von Passagieren und Crew als unfreiwilliges Experiment unter nahezu geschlossenen Bedingungen und daher als sehr aussagekräftig. Es gab schließlich 14 Tage lang kaum Kontakt mit der Außenwelt, zudem wurden - anders als in der Bevölkerung - nahezu alle Menschen an Bord getestet.

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Eine Analyse von Japanern, die nach dem Corona-Ausbruch in Wuhan in ihr Land zurückgeholt wurden, ergab sogar einen Anteil von 33 Prozent Infizierten, die keine Symptome aufwiesen. Angesichts der Tatsache, dass sich die Virenmenge in den oberen Atemwegen offenbar kaum zwischen Infizierten mit Symptomen und solchen ohne unterscheidet, wie das New England Journal of Medicine zuletzt gemeldet hat, wäre es hilfreich, verstärkt auf untypische Verläufe zu achten. Die Suche nach dem medizinischen Chamäleon Covid-19 würde also nicht nur zu kuriosen Fallberichten führen - was früher meist die einzige Folge war, wenn Krankheiten exotisch verliefen - sondern zum besseren Schutz der Bevölkerung beitragen.

© SZ vom 27.03.2020
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