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Coronavirus:Warum ist die Todesrate in Deutschland bislang so niedrig?

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Intensivstation in Italien: Dort liegt die Letalität bei knapp unter zehn Prozent

(Foto: dpa)
  • Rein rechnerisch beträgt die Sterberate für Covid-19-Infizierte in Deutschland derzeit 0,5 Prozent.
  • Im internationalen Vergleich ist das relativ niedrig.
  • Das hat mit der vergleichsweise hohen Anzahl von Tests zu tun, sowie mit der Altersstruktur der Infizierten.
  • Auch Luftverschmutzung oder Antibiotika-Resistenzen könnten die Unterschiede zwischen den Staaten erklären.

Von Berit Uhlmann und Sören Müller-Hansen

Mehr als 220 Todesfälle verzeichnet die aktuelle Covid-19-Statistik für Deutschland. Das sind mehr als 220 Tragödien. Und doch ist diese Zahl gemessen an den rund 40 000 gemeldeten Infizierten erstaunlich klein. Rein rechnerisch ergibt dies eine Letalität - so der Fachbegriff für die Sterberate - von etwa 0,5 Prozent; der Wert ist deutlich kleiner als in vielen anderen Ländern. Mittlerweile fragt man sich auch außerhalb der Bundesrepublik: Was ist in Deutschland anders als beispielsweise im schwer betroffenen Italien?

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Tatsächlich kommt man auf enorme Unterschiede, wenn man die Zahl der Gestorbenen durch die Zahl der Fälle teilt. Bangladesch und San Marino weisen nach dieser Kalkulation eine Letalität von mehr als zehn Prozent auf, Italien liegt nur knapp unter zehn Prozent. Dagegen ergibt die Rechnung für Australien, Tschechien und Israel eine Sterberate von weniger als 0,4 Prozent.

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Ein Teil des Phänomens ist, dass die simple Division kein sehr zuverlässiges Verfahren ist. Zu berücksichtigen ist, wie lange der Ausbruch schon anhält, dass Erkrankung und Tod nicht gleichzeitig eintreten, und wie sicher die Todesfälle und Infizierten erfasst werden. Insbesondere bei der Registrierung der Infektionen gibt es große - und vor allem: unterschiedlich große - Dunkelziffern.

In Deutschland dürfte die Zahl der nicht entdeckten Fälle niedriger sein als in etlichen anderen Ländern. Hier werden vergleichsweise viele Menschen getestet, wie Lothar Wieler, Präsident der Robert-Koch-Instituts, regelmäßig betont. Auch viele Infizierte mit leichten oder gar keinen Symptomen würden erfasst. Italien dagegen testet zwar auch sehr viel, aber überwiegend in Kliniken, wo die schwer Erkrankten um Atem ringen. Leichte Fälle werden kaum mehr registriert, schrieben Wissenschaftler aus Rom vor wenigen Tagen im Fachblatt Jama.

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In Deutschland erkranken vor allem jüngere Menschen, in Italien und Spanien die älteren

Doch auch jenseits statistischer Verzerrungen gibt es Erklärungsansätze für die geografischen Unterschiede. Dazu gehört das Alter der Erkrankten. In Deutschland hat Sars-CoV-2 bisher eher jüngere Menschen getroffen, in Italien und Spanien dagegen die älteren, die ein größeres Sterberisiko haben.

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Als weiterer Faktor wird Rauchen vermutet. Die geschädigten Lungen der Zigarettenkonsumenten könnten schwere Verläufe von Covid-19 begünstigen. Dieser Zusammenhang könnte erklären, warum sich Männer, unter denen das Rauchen verbreiteter ist, öfter anstecken und auch häufiger versterben als Frauen. Unterschiede zwischen Italien und Deutschland lassen sich damit allerdings nicht pauschal erklären, die Raucherquoten in beiden Ländern sind ungefähr gleich hoch.

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Diskutiert wird außerdem der Einfluss der Luftverschmutzung. In Norditalien ist die Feinstaubkonzentration besonders hoch. Die Schmutzteilchen können chronische Lungenerkrankungen verschlimmern, so dass die Patienten Lungenentzündungen schwerer bekämpfen können, sagt Sara De Matteis, Umweltmedizinerin der Universität Cagliari: "Dies ist wahrscheinlich auch der Fall bei Covid-19".

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Auch ein gutes Gesundheitssystem ist nicht gefeit vor dramatischen Verläufen

Wissenschaftler der Universität Oxford werfen zudem die Hypothese auf, dass Antibiotika-Resistenzen einen Teil der Todesfälle in Italien erklären könnten. Antibiotika helfen zwar nicht gegen das Coronavirus, werden aber bei jenen Patienten eingesetzt, die zusätzlich noch eine bakterielle Begleitinfektion entwickeln. Italien aber kämpft schon seit Jahren in besonderem Maße mit resistent gewordenen Erregern.

Auch Unterschiede in der Kapazität und Qualität des Gesundheitssystems können ein Einflussfaktor sein. Er dürfte vor allem in ärmeren Ländern zum Tragen kommen. Welcher dieser Faktoren letztlich welchen Einfluss hat, ist derzeit überaus ungewiss. Sicher ist, dass Deutschland trotz seines guten Gesundheitssystems nicht gefeit vor dramatischeren Entwicklungen ist. "Wir stehen erst am Anfang der Epidemie", sagt Wieler.

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© SZ vom 27.03.2020
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