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Coronavirus:Wie Unterricht in Pandemiezeiten gelingen kann

Corona und Schule: Ein Luftfilter in einer Grundschule in Oberschleißheim

Raumluftfilter sind eine von vielen Maßnahmen, die für den Unterricht empfohlen werden.

(Foto: Florian Peljak)

Masken, Lüften, kleine Gruppen: Wissenschaftler haben erstmals einheitliche Empfehlungen vorgelegt, wie Ansteckungen in der Schule reduziert werden können.

Von Berit Uhlmann

Die brennendste Frage, die Schüler und Eltern derzeit umtreibt, blieb unbeantwortet: Wann geht es endlich wieder los mit dem Unterricht? "Die Öffnung von Schulen und Kitas hat hohe Priorität", sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU), als sie am Montag Empfehlungen zur Schule in Pandemiezeiten vorstellte. "Wir haben Ihnen viel zugemutet", fügte die Ministerin an Eltern und Lehrer gewandt hinzu. Dennoch mahnte sie angesichts des noch immer recht hohen Infektionszahlen und der neuen Virusvarianten zur Vorsicht vor übereilten Schritten. Alles weiter offen, also.

Eines aber war für Karliczek klar: Wenn die Schulen irgendwann wieder öffnen, dann werde weiter viel Disziplin, es werden noch immer Einschränkungen und Vorsichtsmaßnahmen nötig sein. Für diese immerhin gibt es nun erstmals einheitliche wissenschaftliche Empfehlungen. Am Montag wurde die erste S3-Leitlinie zu Maßnahmen vorgestellt, die Übertragungen von Sars-CoV-2 an Schulen verhindern sollen. S3 ist die höchste Klasse einer Leitlinie, sie setzt ein besonders umfangreiches und systematisches Vorgeheh voraus.

Für diese Empfehlungen haben die Autoren um Eva Rehfuess von der Pettenkofer School of Public Health an der LMU München neben Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen auch Vertreter der wichtigsten Betroffenen konsultiert: Schüler, Eltern, Lehrer und Mitarbeiter von Schul- und Gesundheitsämtern waren einbezogen.

Am Ende dieses Prozesses empfahlen die Beteiligten einstimmig, dass Schüler und Lehrer im Unterricht Alltagsmasken tragen sollten. Die Gesichtsbedeckung reduziert die Übertragung von Sars-CoV-2, schadet aber nach allem, was man weiß, nicht, heißt es in der Leitlinie. Sie gesteht allerdings Grundschülern Ausnahmen zu, wenn die Infektionszahlen niedrig sind. Skeptischer war die Expertenrunde, ob FFP2-Masken im Unterricht eine gute Idee seien. Sie verweist darauf, dass es derzeit keine speziell für Kinder angepassten Masken dieses Typs gibt und die Kosten deutlich höher sind als bei den simpleren Produkten. Dieser Schutz wird daher nur jenen Schülern und Lehrern empfohlen, die ein hohes Risiko für schwere Covid-Verläufe tragen. Für den Schulbus und andere öffentliche Verkehrsmittel auf dem Weg in die Bildungseinrichtung werden OP-Masken angeraten.

Die Leitlinienautoren sprechen sich zudem dafür aus, den Sportunterricht grundsätzlich beizubehalten. Voraussetzung ist, dass die Leibesübungen in kleinen, festen Gruppen im Freien stattfinden. Dann seien auch keine Masken nötig. In Innenräumen sollte Turnunterricht nur mit Abstand und guter Lüftung erfolgen. Ins Gewicht fiel bei dieser Entscheidung insbesondere, dass körperliche Aktivität grundsätzlich einen gesundheitlichen Nutzen hat.

Die Leitlinienautoren plädieren zugleich einhellig für den Musikunterricht. Sie empfehlen aber, auf Singen und den Einsatz von Blasinstrumenten zu verzichten. Große Ausbrüche in Chören sowie einige Studien hatten Hinweise darauf gegeben, dass diese Aktivitäten eine höhere Ansteckungsgefahr bergen, höchstwahrscheinlich weil dabei besonders viele potenziell infektiöse Aerosole in die Umgebungsluft gelangen und dort unter Umständen für längere Zeit verbleiben können. Berliner Forscher zeigten zum Beispiel, dass 13-Jährige beim Singen mehr Aerosole ausstoßen als beim Sprechen. Ein Kompromissvorschlag, Singen und Trompeten ins Freie zu verlegen oder lediglich im Rahmen von Einzelunterricht anzubieten, fiel bei den Entscheidern der Leitlinie knapp durch.

Mobile Luftreiniger halten die Autoren für erwägenswert, nicht zwingend

Dagegen sollte Lüften, obgleich gerade im Winter für manche Eltern ein Reizthema, beibehalten werden. Zwar gibt es keine umfangreichen Untersuchungen zu dieser Praxis in den Schulzimmern. Dennoch ist naheliegend, dass mit dem Durchzug - in der Fachsprache Querlüften genannt - auch die Aerosole mit ihrer potenziell infektiösen Fracht ins Freie befördert werden. Zudem ist diese Intervention sehr kostengünstig, sodass die Vorteile den Experten zufolge höher wiegen als eventuelle Akzeptanzprobleme. Die Leitlinie sieht vor, dass Fenster und Türen jeweils für 3 bis 5 Minuten offen stehen. Im Winter sollte alle 20 Minuten, im Sommer auch etwas öfter gelüftet werden. Zusätzlich auch mobile Luftreiniger im Klassenzimmer aufzustellen, halten die Leitlinienautoren für erwägenswert. Auch diese Geräte wirken Ansteckungen wahrscheinlich entgegen, verursachen auf der anderen Seite jedoch Lärm, hohe Kosten und einen ökologisch fragwürdig hohen Ressourcenverbrauch.

Wenn das Infektionsgeschehen hoch ist, sieht die Leitlinie weiterhin eingeschränkten Unterricht vor. Die Schulen sollten nur für bestimmte Jahrgänge oder für halbe Klassen geöffnet sein. Die Autoren bewerteten in diesem Fall den Infektionsschutz höher als die potenziellen Schäden, etwa Stress in den Familien und eingeschränkte Bildungschancen. Bei geringer Inzidenz sollte Präsenzunterricht jedoch eher im vollen Umfang erfolgen. Die Kohortierung - also die Beschränkung sozialer Kontakte innerhalb der Schule auf kleinere, feste Gruppen - kann auch unabhängig vom aktuellen Infektionsgeschehen beibehalten werden. Die Frage, wann und unter welchen Umständen Schulen überhaupt wieder öffnen sollten, war dagegen nicht Gegenstand der Leitlinie. Die Autorinnen und Autoren wollen sie auch nicht als Voraussetzung für Schulöffnungen verstanden wissen. Ihre Aussage sei lediglich, so Eva Rehfuess: "Wenn die Schulen aufmachen, dann mit diesem Konzept."

Man muss festhalten, dass für all diese Maßnahmen die wissenschaftliche Evidenz niedrig bis sehr niedrig ist. Die Erkenntnisse stammen oft nur aus Modellierungen, Einzelstudien und Erfahrungen. Das heißt allerdings nicht, dass die Interventionen nicht wirken. Bevölkerungsweite Maßnahmen haben in der Regel das Problem, dass sie nicht mit den gleichen strengen Methoden untersucht und bewertet werden können wie etwa ein neuer Fiebersenker. Das gilt umso mehr, wenn diese Maßnahmen im Bündel wirken - wie die Regelungen zum Nichtraucherschutz oder eben in der Pandemiebekämpfung.

Dennoch kann eine Leitlinie selbst bei geringer oder lückenhafter Evidenz Empfehlungen geben, sagen die Mitautorinnen Lisa Pfadenhauer und Brigitte Strahwald von der LMU. "Voraussetzung ist dabei stets, dass ein strukturierter, transparenter, nachvollziehbarer Prozess eingehalten wird." Wenn die Evidenz nicht ausreicht, wird ein Expertenkonsens angestrebt. Die Einbeziehung ganz unterschiedlicher Fachleute erlaubt zudem, neben den gesundheitlichen Wirkungen auch Kriterien wie Machbarkeit und Akzeptanz, gesundheitliche Chancengleichheit sowie soziale, wirtschaftliche und ökologische Folgen einzuschätzen. Sicher ist jetzt schon, dass diese Leitlinie nicht die letzte bleiben soll. Es ist vorgesehen, sie regelmäßig zu aktualisieren.

© SZ/weis
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