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Covid-19:Tod nach erneuter Corona-Infektion

Coronavirus - Spanien

Intensivstation in Spanien: Erneute Infektionen mit dem Coronavirus sind bisher selten.

(Foto: Felipe Dana/dpa)

Ein 73-Jähriger aus Baden-Württemberg hatte sich im April erstmals mit Sars-CoV-2 angesteckt und im Dezember zum zweiten Mal infiziert. Es ist der erste bestätigte Todesfall nach einer Re-Infektion in Deutschland.

Von Christina Berndt, Florian Flade, Markus Grill und Christina Kunkel

Erstmals ist in Deutschland offenbar ein Patient gestorben, nachdem er sich zum zweiten Mal mit dem Coronavirus infiziert hat. Der 73-jährige Mann aus Baden-Württemberg hatte sich nach Informationen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung im April vergangenen Jahres zum ersten Mal mit Sars-CoV-2 angesteckt und das Virus erfolgreich bekämpft. Im Dezember zog er sich den Erreger dann erneut zu, am 11. Januar starb er "an einer Covid-19-Lungenentzündung und Sepsis mit Multiorganversagen", wie das Regierungspräsidium Stuttgart auf Anfrage mitteilte.

Zwischen beiden Infektionen habe eine lange symptomfreie Phase gelegen, betont Christine Wagner-Wiening, die stellvertretende Leiterin der Infektionsüberwachung beim Landesgesundheitsamt in Stuttgart. Zudem sei während der zweiten Infektion auch seine Ehefrau infiziert gewesen - und es lag viel Virus-Erbgut in den Proben des Mannes vor. Das seien "starke Kritierien" für eine tatsächliche Reinfektion.

Ob sich der Mann, der an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung litt, beim zweiten Mal mit dem gleichen Virus oder einer mutierten Form infiziert hat, kann das Landesgesundheitsamt nicht sagen. Die Probe der Erstinfektion existiere nicht mehr. Zwar wurde im Landkreis Freudenstadt, wo der Mann lebte, erstmals in Deutschland die englische Virusvariante B.1.1.7 entdeckt, doch es gibt nach Ansicht des Landesgesundheitsamtes "keinen epidemiologischen Hinweis", dass der Verstorbene mit dieser Variante in Berührung kam. Deshalb wurde keine genaue Virusanalyse mittels Sequenzierung in Auftrag gegeben. "Nur bei den Fällen, bei denen eine Reiseverbindung nach Großbritannien, Südafrika oder Irland besteht, würden wir dem Gesundheitsamt Bescheid geben, eine Sequenzierung zu veranlassen", erläutert Wagner-Wiening.

Fachleute warnen immer wieder, dass eine durchgemachte Infektion nicht zwingend vor einer erneuten Infektion schützt

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Erneute Infektionen mit dem Coronavirus sind bisher selten. Den weltweit ersten bestätigten Fall gab es im August, als ein Mann aus Hongkong nach einem Aufenthalt in Spanien erneut positiv getestet wurde. Seither wurden immer wieder Reinfektionen aus aller Welt gemeldet - in Hongkong, Belgien, Ecuador, Indien und den USA. Als gesichert gelten mindestens 15 Fälle. Das Robert-Koch-Institut überprüft derzeit "eine Reihe solcher Meldungen" aus Deutschland, wie es auf Anfrage mitteilt.

Seit Beginn der Pandemie hatten Fachleute immer wieder davor gewarnt, dass eine durchgemachte Infektion mit Sars-CoV-2 nicht zwingend vor einer erneuten Infektion mit dem Virus schützt. Doch solche Reinfektionen verlaufen in der Regel eher milde, da der Körper nach durchgestandener Erstinfektion zumindest über eine Teilimmunität verfügt. Dass erneute Infektionen zum Tod führen, ist außergewöhnlich. Bekannt wurden jedoch bereits zwei weitere Fälle: Im Oktober war eine 89-jährige Niederländerin verstorben, die allerdings durch eine Krebserkrankung immungeschwächt war. Im Dezember verstarb einem Zeitungsbericht zufolge ein 74-jähriger Bewohner eines Altenheims in Israel an Covid-19, nachdem er sich im August erstmals infiziert hatte und zwischendurch dreimal negativ getestet worden war.

Für Aufsehen sorgten zuletzt auch Berichte aus Brasilien über eine Virus-Mutation, die erneute Infektionen ermöglichen könnte. In zwei Fallberichten schildern Wissenschaftler Reinfektionen bei zwei Mitarbeiterinnen im Gesundheitswesen. Besondere Aufmerksamkeit bekommen die beiden Fälle, da die brasilianischen Forscher jeweils bei der zweiten Covid-19-Episode eine Mutation namens E484K im Spike-Protein des Virus fanden. Diese Mutation liegt auch bei der Virusvariante aus Südafrika vor, die besonders ansteckend sein soll. Inwieweit diese Mutation die erneuten Infektionen begünstigt hat, ist jedoch noch unklar.

Hartmut Hengel, Virologe an der Universität Freiburg, geht davon aus, dass Reinfektionen in Brasilien sogar "verbreitet" sind. "Es gibt dort inzwischen eine gewisse Populationsimmunität, die dafür sorgt, dass das Virus sich jetzt mehr anstrengen muss." Der ehemalige Präsident der Gesellschaft für Virologie glaubt, dass deshalb immer mehr Varianten und Mutanten entstehen werden.

Grund für die mögliche Wiederansteckung könnte neben Mutationen auch eine nachlassende Immunantwort sein. So scheint die Zahl der Antikörper im Blut von Genesenen in den ersten Monaten nach einer natürlichen Infektion abzunehmen. Dies ist auch von anderen Coronaviren bekannt. Allerdings sind die Gedächtniszellen des Immunsystems offenbar auch nach einem halben Jahr noch aktiv, wie Wissenschaftler von der Rockefeller University gerade berichtet haben. Wie lang die Immunantwort anhält, scheint auch mit der Schwere des Verlaufs zu tun zu haben. Sie ist vor allem dann kurzlebig, wenn ein Patient nur milde oder gar keine Symptome zeigt.

Was solche Reinfektionen für Geimpfte bedeuten, ist noch unklar. Allerdings führt die Impfung zu einer um ein Vielfaches stärkeren Immunantwort als die Krankheit selbst. Deshalb hoffen Fachleute, dass der Schutz durch die Impfung länger anhält. Möglicherweise muss aber auch engmaschig nachgeimpft werden.

Fraglich ist auch, wie die bereits zugelassenen Impfstoffe auf die neuen Mutationen reagieren. "Ich glaube nicht, dass die Impfstoffe jetzt gar nicht mehr wirken", sagt der Virologe Hengel. Aber er fürchtet, dass sie an Effektivität verlieren könnten. "Ich denke, das jetzige Virus wird am Ende auch als saisonales Coronavirus enden", sagt Hengel. Man werde immer wieder auch schwere Corona-Infektionen sehen. Aber im Großen und Ganzen werde man die Sache in den Griff bekommen. Selbst wenn die Impfstoffe immer wieder an die neuen Virusvarianten angepasst werden müssten, sei dies schnell und einfach möglich: Die mRNA-Impfstoffe seien dazu bestens geeignet.

© SZ/cvei
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