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Coronavirus:Quarantäne und Isolierung sind nicht das Gleiche

Virologe Dr. Christian Drosten bei einer Pressekonferenz in Berlin

Charité-Virologe Christian Drosten geht mit seinem Vorschlag nach eigenen Angaben an die "Schmerzgrenze der Epidemiologie".

(Foto: Reiner Zensen via www.imago-images.de/imago images/Reiner Zensen)

Mit Vorschlägen zu einem neuen Umgang mit Corona-Infizierten und Verdachtsfällen hat der Virologe Christian Drosten für Verwirrung gesorgt. Was genau meinte er mit Abklingzeit, Quellcluster und Co?

Von Felix Hütten

Charité-Virologe Christian Drosten ist aus der Sommerpause zurück und hat mit einem Vorschlag für Verwirrung gesorgt. In einem Gastbeitrag für die Zeit sowie in seinem NDR-Podcast äußerte er sich zu der Frage, mit welchen Maßnahmen im Herbst harte Ausgangsbeschränkungen verhindert werden könnten. Zahlreiche Politiker griffen seine Ideen auf, wobei die Begriffe "Isolierung", "Quarantäne" und "Abklingzeit" in der Debatte zeitweise durcheinandergerieten.

Eine Isolierung ordnen die Gesundheitsämter für jene Menschen an, die sicher mit Sars-CoV-2 infiziert sind. Damit soll verhindert werden, dass sie das Virus an andere weitergeben. Drosten schlägt nun vor, dass der Patient ab dem Zeitpunkt der Diagnose noch fünf Tage in Heimisolierung gehe. "Dann erfolgt eine Testung und bei niedriger Viruslast eine Aufhebung der Isolierung", schrieb er der Deutschen Presse-Agentur. Dies gelte natürlich nur bei milden Fällen mit geringem Risiko der Verschlechterung.

Unter Quarantäne hingegen stehen Menschen mit bloßem Verdacht auf eine Infektion - etwa, weil sie engen Kontakt zu einem Infizierten hatten. Damit soll vermieden werden, dass auch Menschen, die zwar keine Symptome spüren, aber dennoch schon infektiös sein könnten, das Virus weitergeben.

"Hier macht man 14 Tage Quarantäne und wartet auf die Entwicklung von Symptomen", sagt Drosten. Gegenwärtig diskutierten Expertinnen und Experten, diesen Zeitraum auf zehn Tage zu reduzieren. "Ich denke, das geht. Ich kann mir auch vorstellen, dass man sogar noch ein paar Tage weiter reduzieren kann, zum Beispiel auf sieben Tage", sagt Drosten. Andere Wissenschaftler befürworten diese Idee. "Ich bin ebenfalls der Meinung, dass die Quarantänezeit deutlich kürzer als 14 Tage sein darf und sollte. Wie lange genau hängt davon ab, wie viel Sicherheits- bzw. Gewissheits-Bedürfnis die Behörden haben", sagt Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. Das gelte allerdings nur für asymptomatische Kontaktpersonen.

Der Begriff Cluster oder Quellcluster wiederum beschreibt eine definierte Gruppe, deren Mitglieder sich alle zur gleichen Zeit infiziert haben könnten, etwa während einer Hochzeitsfeier. Hier kommt der von Drosten etablierte Begriff der Abklingzeit ins Spiel - eine Art Mischung aus Isolierung und Quarantäne.

Er führe den Begriff ein, "weil in dieser Notfallsituation ein Quellcluster weitgehend unbestätigt isoliert wird und man einfach annimmt, dass die meisten Mitglieder infiziert sind", sagt Drosten. Als Kompromiss schlägt er vor, in diesem speziellen Fall dasselbe Vorgehen wie bei der Einzelisolierung anzuwenden: fünf Tage Isolierung, danach ein Test auf Restinfektiösität.

Damit soll ermöglicht werden, dass - kommt es etwa in einem Betrieb zu einem Ausbruch - ein großer Teil der Belegschaft früher als derzeit die Arbeit wieder aufnehmen und so ein "De-facto-Lockdown" verhindert werden kann. "Es nützt nichts, wenn man alle möglichen Schulklassen, alle möglichen Arbeitsstätten unter wochenlanger Quarantäne hat", sagt Drosten im Podcast. "Es muss kurz sein."

Der Vorschlag fußt auf der mittlerweile gereiften Annahme, dass Menschen wohl nur eine knappe Woche nach Beginn der - manchmal kaum spürbaren - Symptome besonders infektiös sind. Welche Virenmenge aber genau nötig ist, um einen anderen Menschen anzustecken, ist bislang nicht eindeutig geklärt. Drosten bezeichnet seine Idee daher selbst als "Schmerzgrenze der Epidemiologie".

© SZ/jsa
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