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Corona:Hilft Gurgeln gegen das Virus?

Gurgeln

Auch gegen den Erreger der Influenza wurde hin und wieder Gurgeln empfohlen.

(Foto: Fox Photos/Getty Images/Fox Photos/Getty Images)
  • Im Labor töten antiseptische Lösungen zuverlässig Viren und andere Erreger, in der Praxis ist das ungewiss
  • Schon nach einer Viertelstunde sind die Viren im Rachen in die Schleimhaut eingedrungen - dahin, wo sie keine Spülung mehr erreicht
  • Etliche Viren gelangen über die Nase in den Körper. Gurgeln hilft da wenig

Von Werner Bartens

Die alten Männer in den engen Gassen von Marrakesch saßen am Tisch und tranken gesüßten Tee. Es sei nun mal Schicksal, wenn sie von der Corona-Pandemie erwischt würden, Angst hätten sie keine. Einer der grauhaarigen Herren gab dem deutschen Fernsehteam eine Empfehlung mit auf den Weg: Er würde zweimal täglich mit Mundwasser gurgeln, deshalb könne er sich gar nicht mit Sars-CoV-2 infizieren. Der Beitrag ist zwar Monate alt, doch vergangene Woche verriet ein grauhaariger Herr in der Sendung von Maybrit Illner die brandheiße Neuigkeit, dass er ebenfalls auf dieses Hausmittel schwört. Klaus-Dieter Zastrow, streitbarer Hygiene-Experte, dem im Fernsehen kaum zu entkommen ist, betonte mehrmals, wie wichtig es sei, sich während der Corona-Pandemie den Mund-Rachenraum zu desinfizieren, "dann sind Sie auf der sicheren Seite".

Nun klingt es zwar einleuchtend, dass handelsübliche Spülungen, mit denen Mund und Rachen desinfiziert werden, auch gegen Coronaviren wirken. Der Sinn solcher Lösungen besteht schließlich darin, Bakterien, Viren und andere Erreger abzutöten und nicht nur unangenehmen Mundgeruch zu verhindern, sondern auch die Keimzahl in der Mundhöhle zu verringern. Gurgeln gegen die Seuche? Eine ebenso einfache wie kostengünstige Kur gegen die Pandemie? Komplikationen sind schließlich selten, nur wenige Menschen reagieren allergisch, auch wenn Schilddrüsenpatienten vorsichtig mit den zumeist jodhaltigen Mitteln sein sollten.

Doch so einfach ist es nicht, auch wenn der Forschungsstand auf den ersten Blick Hinweise für einen etwaigen Nutzen bereithält. Mehr als ein Dutzend Studien haben gezeigt, dass Mundspülungen die Virenzahl reduzieren, teilweise sogar deutlich. Wissenschaftler aus Rom behaupten im International Journal of Immunopathology and Pharmacology schon früh, dass Mundspülungen effektiv die Viruslast senken, wenn sie auf ein Flüssigkeitsgemisch gegeben werden, wie es ähnlich im Rachenraum vorkommt. In der Zeitschrift Autoimmunity Reviews plädieren Ärzte aus Österreich, Großbritannien und Korea ebenfalls für Gurgellösungen. "Wenn es nicht zu Nebenwirkungen führt, gibt es keinen Grund, sie nicht zu benutzen", schreiben die Mediziner in ihren sieben Empfehlungen im Umgang mit Covid-19. "Die Lösung kann angewendet werden, wenn jemand zu Beginn der Infektion einen rauen Hals verspürt."

Auch Virologen und Infektionsexperten der Universität Bochum haben kürzlich im Journal of Infectious Diseases gezeigt, dass Mundspülungen den Viren zusetzen. Dazu wurden die Lösungen im Labor für 30 Sekunden auf virushaltige Flüssigkeit gegeben, die den Sekreten in Mund und Rachen ähneln sollte. Allerdings räumen die Autoren ein, dass es zwar klinische Studien mit den älteren Sars- und Mers-Erregern gebe, die eine Wirksamkeit gegen die Infektion nahelegten, aber keine Untersuchung an Patienten, ob sie auch gegen Sars-CoV-2 helfen. Spanische Autoren folgern im Fachblatt Clinical Oral Investigations aus einer Analyse bisheriger Studien denn auch, dass "antiseptische Substanzen zwar verwendet werden können, die Belege für die Wirksamkeit allerdings indirekt und schwach sind".

Von Studien mit anderen Erregern oder aus dem Labor auf den tatsächlichen Nutzen der Mundspülungen gegen Sars-CoV-2 zu schließen, ist heikel. Das neuartige Coronavirus hält sich ja nicht auf Dauer in Nase, Mund und Rachen auf, sondern ist nach zehn bis 15 Minuten in die Schleimhaut eingedrungen. Dann ist die Wirksamkeit einer Mundspülung fraglich. Wer gerade angehustet wurde, hat vielleicht etwas davon, wenn er direkt danach seine oberen Atemwege durchspült, ansonsten ist der Nutzen jedoch ungewiss. Auch ein Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der Virenlast und der Schwere der Erkrankung ist zwar naheliegend, aber im Detail unklar.

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Ein weiterer Einwand gegen die flächendeckende Verwendung von Gurgellösungen: Keime gelangen nicht allein durch Mund und Rachen in den Körper, sondern auch durch die Nase. Deshalb ist es wichtig, dass Masken im Alltag nicht nur den Mund, sondern auch die Nase bedecken. Nasenspülungen sind zwar im Handel erhältlich, aber es ist weit weniger verbreitet - und unangenehmer -, sich neben dem Mund auch die Nase zu spülen. Für frischen Atem mag Gurgeln zwar hilfreich sein - dass es gegen Sars-CoV-2 hilft, ist jedoch längst nicht ausgemacht.

© SZ

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