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Covid-19:Das Coronavirus am Wendepunkt

Der Coronavirus sorgt für den Ausnahmezustand: Soldaten mit Mundschutz vor dem Mailänder Dom, medizinische Kontrolle an der iranisch-irakischen Grenze, Desinfektion des Vorplatzes der Nationalversammlung in Seoul.

  • Italien, Südkorea und Iran meldeten am vergangenen Wochenende die bislang stärksten Ausbrüche des Coronavirus außerhalb Chinas.
  • Die hohe Zahl an Infizierten und ihre weitläufige Verbreitung deutet darauf hin, dass das Virus bereits länger in den Ländern zirkuliert, als bislang angenommen.
  • Experten rechnen damit, dass die Zahl der Infizierten in den kommenden Tagen steigen und sich die Epidemie auch in Europa weiter ausbreiten wird.

Seit einigen Tagen kommen die schlechten Nachrichten Schlag auf Schlag. Das Faschingswochenende könnte sich im Nachhinein als der Wendepunkt erweisen, an dem die von China ausgehende Covid-19-Epidemie weltweit außer Kontrolle geriet. Drei Länder haben Ausbrüche gemeldet, die in ihrem Ausmaß alles übertreffen, was man bisher außerhalb Chinas gesehen hatte. In Südkorea sind mehr als 830 Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus registriert, eine Zahl, die selbst in vielen chinesischen Provinzen unerreicht ist. In Italien stieg die Fallzahl binnen Tagen auf mehr als 200, das sind fast fünf Mal so viele wie im restlichen Europa zusammengenommen. Iran meldete zwölf Tote, mehr als jeder andere Staat außerhalb Chinas.

So unterschiedlich die Bedingungen und Reaktionen in diesen Ländern auch sind, die Ausbrüche haben Gemeinsamkeiten, die viele Beobachter beunruhigen. Die Zahlen der Infizierten sind hoch, die Fälle verteilen sich auf verschiedene Orte innerhalb der Staaten und nicht immer ist eine Verbindung nach China erkennbar. Diese Fakten sprechen dafür, dass das Virus bereits regional zirkuliert, es also schon länger und weiter verbreitet ist, als man bislang dachte. Das bedeutet auch, dass der Erreger ebenso unbemerkt auch in andere Staaten gelangt sein könnte. Die europäische Seuchenschutzbehörde ECDC rechnet damit, dass in den kommenden Tagen mehr Fälle in Italien auftauchen, möglicherweise auch in anderen europäischen Ländern.

Der Direktor der Weltgesundheitsorganisation WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus, zeigte sich schon am Wochenende recht pessimistisch. Mantraartig hatte er in den vergangenen Wochen wiederholt, das Zeitfenster für die Eindämmung der Epidemie stehe offen, es sei noch nichts verloren. Nun warnte er, dass eben jenes Fenster sich schließe. Am Montag ergänzte er, die Welt müsse weiter auf eine Eindämmung hinarbeiten, sich aber gleichzeitig auf eine mögliche Pandemie vorbereiten. Er betonte aber, dass das Stadium der Pandemie noch nicht erreicht sei. Davon sprechen Experten, wenn auf mehreren Kontinenten anhaltende Mensch-zu-Mensch-Übertragungen auftreten. Devi Sridhar, Expertin für globale Gesundheit an der University of Edinburgh, mahnte, die Weltgemeinschaft müsse darüber nachdenken, ob sie nicht besser zu Maßnahmen der Schadensbegrenzung übergehe. Die Kräfte sollten dann nicht mehr darauf konzentriert werden, das Virus an den Landesgrenzen aufzuhalten, sondern seine Auswirkungen abzumildern. Sie sagte: "Was in Italien, Südkorea und Iran passiert, kann überall auf der Welt passieren." Ein Blick in die betroffenen Länder.

Italien

"Halb Italien in Quarantäne" titelte die Zeitung La Repubblica am Montag, tatsächlich wurden ein Dutzend Gemeinden in der Lombardei und im Veneto abgeriegelt. In mehreren Regionen im Norden bleiben nun Schulen und Universitäten geschlossen, teilweise bis zum 1. März. Auch manche Theater, Museen und Nachtclubs öffnen vorerst nicht mehr. Der Dom von Mailand ist am Montag und Dienstag nicht für Touristen zugänglich, nur ein begrenzter Bereich bleibe zum Beten geöffnet, wie es auf der offiziellen Webseite heißt.

Rasant verbreitet sich das Coronavirus im Land. Sechs Menschen sind an den Folgen gestorben, alle waren älter, einige hatten Vorerkrankungen. Mehr als 200 Infizierte sind den Behörden mittlerweile gemeldet. Am stärksten betroffen sind die Regionen Lombardei und Veneto im Norden.

Viele Italiener machten sich offenbar zu Hamsterkäufen auf: Auf sozialen Netzwerken verbreiteten sich Bilder von leer gekauften Supermarktregalen und langen Einkaufswagenschlangen, egal ob aus Mailand, Parma, Modena oder Venedig. Und auch die Finanzmärkte reagieren. Der Leitindex der Mailänder Börse rutschte um 4,3 Prozent ab, italienische Staatsanleihen verloren an Wert.

Karneval in Venedig

Der "dottore della peste" ist eine klassische Maske des venezianischen Karnevals. Mit Kräutern gefüllt sollte sie im 17. Jahrhundert vor der Ansteckung mit der Pest schützen. Derzeit wappnen sich die Venezianer erneut vor einer Epidemie. Der Karneval wurde in diesem Jahr vorzeitig beendet.

(Foto: Andrea Merola/dpa)

Der Karneval von Venedig ist früher vorbei dieses Jahr. Der Preis fürs schönste Kostüm wurde noch vergeben am Sonntag auf dem Markusplatz, begleitet von prächtigen Fotos auf dem offiziellen Twitter-Account. Wenige Stunden später gab die Karnevalsleitung über diesen Account bekannt, dass die restlichen Veranstaltungen gestrichen werden. Zwischenzeitlich hatte die Österreichische Bundesbahn (ÖBB) auch den Zugverkehr zwischen Italien und Österreich eingestellt. Zwei Eurocitys, die von Venedig nach München unterwegs waren, blieben am Sonntag stundenlang wegen eines Corona-Verdachtsfalls blockiert, die Passagiere mussten ausharren, bis sich das Ganze als Fehlalarm herausstellte.

Italien diskutiert nun, wie mit der Bedrohung umzugehen ist. Auch an der Entscheidung, den Karneval von Venedig abzusagen, gab es Kritik - sie sei viel zu spät gefallen, sagte ausgerechnet der Vorsitzende des venezianischen Hotelverbands. Daneben beschäftigt viele Italiener vor allem die Frage, warum ausgerechnet ihr Land so stark betroffen ist. Es läuft die Suche nach dem "Paziente zero", dem Patient Null, der die Infektion ins Land gebracht haben soll. Man hatte zuerst einen Manager in Verdacht, der geschäftlich in Shanghai war - doch Analysen ergaben später, dass er überhaupt nicht angesteckt war.

Unterdessen hat der italienische Fußballverband FIGC die Regierung in Rom um die Genehmigung gebeten, einige Spiele in norditalienischen Regionen unter Ausschluss der Öffentlichkeit austragen zu dürfen. Als Geisterspiele.

Südkorea

In Ostasien wächst der Zweifel, ob der Staat die Krise noch unter Kontrolle hat. Die Regierung von Südkorea meldete am Montag einen neuen Redordanstieg um 231 neue Covid-19-Infizierte. 833 Menschen im Tigerstaat sind mittlerweile erkrankt, acht Todesfälle hat es schon gegeben. Die höchste Alarmstufe ist ausgerufen für die Millionenstadt Daegu und die benachbarte Provinz Nord-Gyeongsang, aus der bisher die meisten Opfer kommen. Zur wöchentlichen Sitzung des Präsidenten Moon Jae-in mit seinen Staatssekretären in Seoul waren ausnahmsweise Experten eingeladen, deren Empfehlungen die Politik einbeziehen werde, wie Moon sagte. Aber tut die Regierung wirklich das Richtige?

Sehr viele Menschen in Südkorea folgen jedenfalls der Empfehlung, zu Hause zu bleiben, oder schützen sich mit Gesichtsmasken, wenn sie doch rausgehen. Währenddessen versuchen die Gesundheitsbehörden, das Virus an den wichtigsten Seuchenherden einzudämmen. Fast 700 Fälle stammen aus Daegu, eine örtliche Kirche der religiösen Bewegung Shincheonji gilt als wichtigster Infektionsherd. 129 der 231 neu gemeldeten Angesteckten sollen Gottesdienste der Glaubensgemeinschaft besucht haben.

Die Polizei hat 618 Beamte abgestellt, damit diese weitere Shincheonji-Kirchgänger finden, die sich angesteckt haben könnten. Vize-Gesundheitsminister Kim Gang-lip sagte: "Die Regierung tut ihr Möglichstes mit dem Ziel, dass sich das Virus nicht in der Daegu-Region ausbreitet." Aber in anderen Landesteilen ist es eben auch schon.

Vor dem Gebäude der Nationalversammlung in Seoul sprühen Arbeiter Desinfektionsspray auf den Boden, um die Ausbreitung von Covid-19 einzudämmen.

(Foto: AFP)

Und in der Korea Times kritisiert der US-Virologe Hakim Djaballah Koreas Seuchenbekämpfung. "Bürokratie lastet auf dem System. Das verhindert, dass das Vorgehen transparent wird." Djaballah empfiehlt eine unabhängige Kommission aus Ärzten und Virologen zur fachkundigeren Kontrolle.

Iran

In Iran ist die Lage besonders unübersichtlich. Mehr als 60 Menschen haben sich Regierungsangaben zufolge infiziert, zwölf von ihnen sind gestorben. Allerdings gibt es wachsende Zweifel an diesen Zahlen. Ahmad Amirabadi-Farahani, Abgeordneter aus der heiligen Stadt Qom, sagte laut der halbamtlichen Nachrichtenagentur Ilna, allein in seiner Stadt seien in den vergangenen Wochen 50 Menschen an der Infektion gestorben. Er forderte, die Stadt unter Quarantäne zu stellen und sagte, sie verfüge nicht über die nötigen Mittel, um mit der Krise umzugehen. Nach Amirabadis Angaben gab es bereits am 13. Februar die ersten Todesfälle, dies sei aber von der Regierung nicht bekannt gegeben worden.

Ähnlich hatte sich der Kanzler der Medizinischen Universität in Qom zuvor im Staatsfernsehen geäußert. Die Situation in der Stadt sei "kritisch", sagte Mohammad-Reza Ghadir. Höhere Regierungsstellen hätten die lokalen Behörden angewiesen, keine Zahlen öffentlich bekannt zu geben. Nach Ghadirs Darstellung hat sich auch Klinikpersonal infiziert.

Der stellvertretende Gesundheitsminister, Iraj Harirchi, bestritt die genannten Todeszahlen. Selbst wenn es nur ein Dutzend Tote in Qom gegeben hätte, werde er sofort zurücktreten, sagte er in einer vom Staatsfernsehen übertragenen Pressekonferenz.

Coronavirus im Iran

Zwei Frauen auf den Straßen Teherans tragen Atemschutzmasken, um sich vor einer Ansteckung durch das Coronavirus zu schützen.

(Foto: dpa)

Präsident Hassan Rohani hat derweil angeordnet, ein Krisenzentrum einzurichten. Schulen und Universitäten in 14 Provinzen sollen für zehn Tage geschlossen bleiben; die meisten öffentlichen Veranstaltungen wurden abgesagt.

Inzwischen sind in acht weiteren Ländern Reisende aus Iran positiv auf das Coronavirus getestet worden - darunter zwei iranische Touristen in den Vereinigten Arabischen Emiraten und eine Frau in Libanon, die zuvor Qom besucht hatte. In der irakischen Stadt Nadschaf wurde ein iranischer Student positiv getestet. Auch Kanada, Bahrain, Kuwait, Oman und Afghanistan haben aus Iran eingeschleppte Fälle gemeldet. Alle sieben Nachbarn Irans haben inzwischen die Landgrenzen geschlossen oder lassen nur noch ihre eigenen Staatsangehörigen durch.

Was kommt auf Deutschland zu?

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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sprach an diesem Montag von einer "geänderten Lage". Die Epidemie sei nun in Europa angekommen. Es sei auch möglich, dass sich das Virus in Deutschland ausbreiten werde, sagte der CDU-Politiker und fügte hinzu, Deutschland sei bestmöglich vorbereitet. Er ergänzte, jeder Bürger könne in der aktuellen Situation einen Beitrag leisten: mit regelmäßigem Hände waschen, der Grippeimpfung und dem Bemühen, sich weniger ins Gesicht zu fassen.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) legte am Montag eine neue Risikobewertung für Deutschland vor. Die Behörde schätzt die Gefahr durch das Virus weiterhin als gering ein, da es noch keine Hinweise darauf gebe, dass der Erreger anhaltend im Land zirkuliere. Zugleich hieß es: "Es ist aber davon auszugehen, dass es nicht mehr gelingen wird, die weltweite Ausbreitung des Erregers aufzuhalten." Daher empfiehlt das RKI, einzelne Infektionen in Deutschland so früh wie möglich zu erkennen und die weitere Ausbreitung des Virus dadurch zu verzögern. Gleichzeitig solle Deutschland sich vorbereiten. Dazu gehöre, mehr über die Eigenschaften des Virus zu erfahren, Risikogruppen zu identifizieren und Schutzmaßnahmen für diese vorzubereiten sowie die Behandlungskapazitäten in Kliniken zu erhöhen.

In Deutschland sind bisher 16 Patienten registriert worden, fast alle sind bereits als genesen aus dem Krankenhaus entlassen worden. Das Auswärtige Amt ergänzte unterdessen seine Reisehinweise für Italien: An italienischen Flughäfen würden Reisende aus aller Welt auf Fieber kontrolliert, eine Ausweitung dieser Maßnahme sei jederzeit möglich. Vereinzelt verschoben deutsche Firmen Geschäftsreisen und Schulen sagten Fahrten ab. Der Chef des italienischen Zivilschutzes Angelo Borrelli warnte jedoch vor Panikmache: "Unser Land ist sicher, und man kann beruhigt hierher kommen." BEU/EBRI

© SZ vom 25.02.2020
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