bedeckt München

Italien:Zirkulierte das Coronavirus bereits im November 2019?

Das Coronavirus kam früh nach Italien, aber wann genau, ist noch immer unklar.

(Foto: Andreas Solaro /AFP)

Das behaupten Hautärzte nach der Analyse alter Proben in Italien. Ihre Daten sind bislang allerdings eher dünn.

Von Hanno Charisius

In einer Probe, die im November 2019 aus der Haut einer damals 25-jährigen Italienerin geschnitten wurde, will ein Wissenschaftlerteam Spuren des Coronavirus Sars-CoV-2 gefunden haben. Das berichten Forscher um den Dermatologen Raffaele Gianotti von der Universität Mailand im Fachblatt British Journal of Dermatology. Demnach würde der Erreger deutlich länger in der Welt zirkulieren, als bislang angenommen wird.

Bislang wird der Beginn der Pandemie auf den 31. Dezember 2019 datiert. Damals wurden die ersten Fälle einer neuen Lungenentzündung in der chinesischen Stadt Wuhan bekannt. Es dauerte dann noch einige Tage, bis der Erreger als Sars-CoV-2 identifiziert war. Seither flackern immer wieder Berichte über einen früheren Seuchenstart auf. In Abwasserproben, die Mitte Dezember 2019 im italienischen Turin gezogen wurden, schlug ein PCR-Test positiv an, ebenso in Proben eines Fischhändlers aus Marseille, der im Dezember 2019 ärztlich behandelt werden musste. Doch wirklich überzeugende Belege, dass das Virus schon früh außerhalb Chinas zirkulierte, konnte bislang keiner dieser Berichte liefern.

So konnten französische Forscher bis zum 19. Februar 2020 in mehr als 4000 Speichelproben gar kein Sars-CoV-2 finden, obwohl der Erreger da bereits im Land nachgewiesen worden war. Der Fall des Fischhändlers aus Marseille und auch die coronapositiven Abwasserproben aus Italien ließen sich auch durch Verunreinigungen von Laborchemikalien erklären, die für den PCR-Test verwendet wurden. Mit solchen Kontaminationen gab es insbesondere zu Beginn der Pandemie Probleme.

In den italienischen Medien bewirkte die Meldung vom möglichen Sensationsfund in der alten Hautprobe bisher wenig Resonanz. Die Patientin hatte sich mit einem Hautleiden ihren Ärzten vorgestellt. Diese nahmen im November 2019 eine Biopsie für genauere Untersuchungen. Im April 2020 war die Patientin wieder gesund. Der Dermatologe Gianotti begann in der Zwischenzeit, sich für die Auswirkungen einer Covid-Erkrankung auf die Haut zu interessieren und konnte in zahlreichen Fällen Viren im Schweißdrüsengewebe von Corona-Patienten finden.

Schließlich prüften Gianotti und seine Kollegen auch ältere Proben auf das Virus und wurden im Falle der 25-jährigen Patientin fündig. Mit der Methode RNA-FISH spürten die Forscher Erbgutspuren der Viren im Gewebe auf und brachten diese zum Leuchten. Um zu demonstrieren, dass sie wirklich das Erbgut der Viren markiert hatten, gaben die Forscher ein Enzym auf die Hautprobe, das das Viruserbgut zerstört - das Leuchten verschwand. "Der Artikel liefert wenig Details, doch in einer der Abbildungen sieht man, wie sich die markierten Viren um eine entzündete Schweißdrüse verteilen - wenn das keine Verunreinigung ist", sagt der Biochemiker Thomas Carell von der Universität München, der selbst mit dem Nachweisverfahren arbeitet.

Im Juni zeigte zudem ein Antikörpertest mit einer Blutprobe der Frau an, dass diese bereits eine Sars-CoV-2-Infektion durchgemacht hat. Wann, das vermag dieser Test nicht zu klären. Kann sein, dass die Antikörper sich tatsächlich im November 2019 bildeten, kann aber auch sein, dass die Frau sich deutlich später infizierte. Bei den meisten Genesenen fällt die Menge der Antikörper allmählich ab, eine Antikörpermenge ist in der Studie jedoch nicht zu finden. Ein PCR-Test mit der alten Hautprobe fiel negativ aus. Doch das könnte auch an der Art der Konservierung des Hautstücks gelegen haben, das womöglich der bislang verlässlichste Hinweis auf eine frühere Verbreitung von Sars-CoV-2 ist.

© SZ
Zur SZ-Startseite
Kiteboarding Fun in ocean Extreme Sport Kitesurfing model released Symbolfoto PUBLICATIONxINxGER

SZ PlusSansibar
:Insel der Sorglosen

Partys, Festivals, volle Hotels: Während die Welt Abstand hält, macht Sansibar unbeirrt weiter. Hakuna Matata - alles kein Problem?

Von Andrea Tapper

Lesen Sie mehr zum Thema