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Corona-Vakzin:Studie zu Oxford-Impfstoff bereits zwei Mal unterbrochen

A test tube labelled with the Vaccine is seen in front of AstraZeneca logo in this illustration taken

Das Unternehmen macht bislang alles richtig. Doch am Impfstoff gibt es Zweifel.

(Foto: DADO RUVIC/REUTERS)

Astra Zeneca musste Tests mit einem Corona-Vakzin schon im Juli anhalten, nachdem ein Mann neurologische Symptome entwickelte - ähnlich wie jetzt. Das könnte auf Schwierigkeiten mit dem Impfstoff selbst hindeuten.

Von Kathrin Zinkant

Einen Tag nachdem der Impfstoffhersteller Astra Zeneca seine entscheidenden Phase-3-Studien zur Wirksamkeit eines neuartigen Covid-19-Impfstoffs weltweit angehalten hat, sind neue Informationen über die Hintergründe bekannt geworden. Der Geschäftsführer des Unternehmens, Pascal Soriot, erklärte am Mittwoch gegenüber Investoren, dass es sich in dem aktuellen Fall um eine Frau in Großbritannien handelt. Soriot bestätigte laut einem Bericht des Wissenschaftsportals Statnews, dass die Probandin an einer transversen Myelitis erkrankt war, einer Entzündung des Rückenmarks. Der Patientin gehe es aber wieder gut, sodass sie aus dem Krankenhaus entlassen werden könne. Die Frau hatte in der Studie den Impfstoff erhalten, nicht das zum Vergleich eingesetzte Placebo. Ob das Vakzin für die Erkrankung verantwortlich war, soll während der Studienpause nun untersucht werden.

Wie sich jedoch zeigte, ist die Frau nicht die erste Person, die im Verlauf der Impfstofftests erkrankte. Teilnehmerinformationen der britischen Studie aus dem Juli und August verweisen auf den Fall eines Mannes, der ebenfalls Symptome einer transversen Myelitis gezeigt hatte. Auch damals waren die Impfungen der Probanden unterbrochen worden. Das unabhängige Gremium zur Bewertung solcher unerwarteten Zwischenfälle kam jedoch offenbar zu dem Schluss, dass die Nervenentzündungen des Mannes nicht mit dem Vakzin zusammenhingen, sondern mit einer zuvor unentdeckten Multiplen Sklerose, einer ebenfalls neurologischen Erkrankung, die durch eine Fehlfunktion des Immunsystems ausgelöst wird.

Besteht ein Risiko für neurologische Erkrankungen?

Die neuen Informationen über diesen ersten Fall ändern zwar nichts daran, dass es sich bei vorübergehenden Pausen in großen Wirksamkeitsstudien um normale Vorgänge handelt. Das hatten verschiedene Experten sowohl der Süddeutschen Zeitung als auch dem britischen und deutschen Science Media Center am Mittwoch einstimmig bestätigt - und das Vorgehen von Astra Zeneca ausdrücklich gelobt. Allerdings sind sich die Experten noch nicht ganz einig darüber, ob der an der University of Oxford entwickelte Impfstoff nicht doch das Potenzial hat, neurologische Erkrankungen vom Typ der transversen Myelitis auszulösen.

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Immerhin handelt es sich um einen Impfstoff, der nicht nur Merkmale des neuen Coronavirus enthält, sondern auch ein sogenanntes Vektorvirus, und zwar ein Adenovirus aus Schimpansen, ChAdOx1 genannt. Bislang ist es in noch keinem zugelassenen Impfstoff enthalten. Das Affenvirus ist zwar nicht vermehrungsfähig, kann aber theoretisch ebenfalls eine Immunreaktion auslösen. Der Infektionsmediziner Clemens Wendtner vom München Klinikum Schwabing hält es für möglich, dass auch eine unspezifische Immunantwort gegen körpereigene Strukturen durch das Affenvirus ausgelöst werden könnte. "Auch eine überschießende Reaktion des Körpers gegenüber dem Corona-Protein ist vorstellbar", sagt Wendtner.

In ersten Testungen des ChAdOx1-Impfstoffs habe sich gezeigt, dass die Menge der gebildeten Antikörper gegen das Coronavirus um ein Mehrfaches über der von Covid-19-Erkrankten liege. "Die Immunreaktion könnte also zu stark sein und anderes gesundes Gewebe, wie eben Nervengewebe, attackieren und eine Rückenmarkentzündung auslösen", sagt Wendtner. Molekularbiologische und andere Tests müssten dem jetzt nachgehen, sagt der Covid-19-Experte. "Sollte sich ein ursächlicher Zusammenhang zum Impfstoff bestätigen, wäre dies ein herber Rückschlag, nicht nur für diesen konkreten Impfstoff, sondern auch für andere Impfstoffe auf der Basis von Adenovirus-Vektoren."

© SZ
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