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Impfstoff von Astra Zeneca:Schwacher Schutz bei Senioren?

In Kürze soll der Impfstoff von Astra Zeneca in der EU zugelassen werden. Medienberichte schüren Zweifel am Nutzen für ältere Menschen, stehen aber im Widerspruch zu den bekannten Studiendaten. Womöglich handelt es sich um einen simplen Interpretationsfehler.

Von Christina Kunkel

Am Freitag könnte der Impfstoff des britisch-schwedischen Pharmaherstellers Astra Zeneca in der EU zugelassen werden. Doch seit Montag gibt es Berichte, nach denen das Vakzin nicht in allen Altersgruppen in gleichem Maße vor einer Covid-19-Erkrankung schützt. Ausgerechnet bei den besonders gefährdeten Menschen über 65 Jahren sei nur eine Wirksamkeit von acht Prozent nachgewiesen worden, schreibt das Handelsblatt und bezieht sich dabei auf Koalitionskreise. Auch die Bild-Zeitung berichtete darüber. Dies könne dazu führen, dass der Impfstoff zwar zugelassen würde, allerdings nur für Menschen unter 65 Jahren. Damit würden die Personen, die aufgrund eines hohen Risikos eigentlich zuerst immunisiert werden sollten, vom Impfstoff nur unzureichend geschützt.

Was zunächst nach einem Rückschlag im Kampf gegen die Pandemie klingt, ist bislang allerdings nicht so eindeutig, wie es in den ersten Medienberichten schien. Im Gegenteil: Womöglich beruht das Gerücht einfach auf einem Interpretationsfehler. Zunächst meldete sich der Hersteller des Vakzins zu Wort: Astra Zeneca wies die Berichte über die niedrige Wirksamkeit bei Senioren als "komplett falsch" zurück. Der Pharmahersteller verwies unter anderem darauf, dass die Notfallzulassung der britischen Aufsichtsbehörde für Arzneimittel (MHRA) ältere Menschen mit einschließe. Eine Studie habe gezeigt, dass der Impfstoff auch bei Senioren eine starke Immunantwort auslöse. Auch ein Sprecher der Universität Oxford, die an der Entwicklung des Impfstoffs beteiligt ist, sagte, es gebe "keine Grundlage für die Behauptungen einer sehr geringen Wirksamkeit des Oxford-Astra-Zeneca-Impfstoffs, die in den Medien verbreitet wurden".

Am Dienstag zog auch das Bundesgesundheitsministerium nach. Aus der Behörde heißt es: "Auf den ersten Blick scheint es so, dass in den Berichten zwei Dinge verwechselt wurden: Rund acht Prozent der Probanden der Astra Zeneca Wirksamkeitsstudie waren zwischen 56 und 69 Jahren, nur 3 bis 4 Prozent über 70 Jahre. Daraus lässt sich aber nicht eine Wirksamkeit von nur acht Prozent bei Älteren ableiten." Liegen nicht irgendwo bislang unbekannte Wirksamkeitsdaten verschlossen, die die Gerüchte bestätigen, wäre die ganze Aufregung schlicht auf die falsche Interpretation einer monatealten Studie zurückzuführen.

Ob das Vakzin von Astra Zeneca in allen Altersgruppen gleich gut schützt, ist wie bei allen Impfstoffen eine wichtige Frage. Tatsächlich zeigen die ersten Daten, die im Dezember im Fachmagazin The Lancet veröffentlicht wurden, dass der Impfstoff bis dato nur an wenigen älteren Menschen getestet worden war. Dort heißt es, nur vier Prozent der Studienteilnehmer, die in die Auswertung einflossen, waren älter als 70 Jahre. Zudem gab es bereits damals Verwirrung um die tatsächliche Wirksamkeit des Vakzins: Eine Teilnehmergruppe hatte - zunächst versehentlich - nur eine halbe Dosis Impfstoff bei der ersten Impfung bekommen und erst bei der zweiten Impfung dann die volle Dosis. Bei den Auswertungen stellte sich jedoch heraus, dass dieses Impfschema für einen deutlich höheren Schutz sorgte als die der Gruppe, die zweimal die volle Dosis erhielt. Auch darauf wurde bereits im Lancet Bezug genommen: Kein Proband über 55 Jahre hatte überhaupt das wirksamere "gemischte" Impfschema erhalten.

Bisher wurden keine neuen Auswertungen zur Wirksamkeit des Vakzins veröffentlicht. Auf welche Datenbasis sich die Aussagen zum schwachen Impfschutz bei Älteren stützen könnten, ist bislang völlig unklar. Stephen Evans, Epidemiologe an der London School of Hygiene & Tropical Medicine, sagt dagegen: "Die randomisierten Daten deuten nicht darauf hin, dass der Astra-Zeneca-Impfstoff im Alter deutlich weniger wirksam sein wird." Auch er verweist auf die Lancet-Veröffentlichung: "Da ältere Altersgruppen später als jüngere Altersgruppen rekrutiert wurden, blieb weniger Zeit, um Fälle zu erfassen."

Ähnlich äußerte sich auch Adam Finn, Professor für Pädiatrie an der Universität von Bristol: "Ältere Menschen wurden relativ spät für die Phase 3 in Großbritannien rekrutiert und waren relativ gut abgeschirmt. Daher gab es zum Zeitpunkt der Übermittlung von Daten an die MHRA zur Genehmigung nur wenige Fälle von Covid." Es könne jedoch sein, dass sich dies bis zur Zulassung bei der Europäischen Arzneimittelagentur EMA geändert habe - also dass es mittlerweile mehr Informationen dazu gibt, wie gut der Impfstoff auch bei älteren Menschen wirkt. Ob es neue Daten gibt, die die Behörde dazu veranlassen, den Impfstoff nur mit Einschränkungen zuzulassen - was auch der Fall sein könnte, wenn weiterhin zu wenige ältere Menschen an den Studien beteiligt waren - wird sich vermutlich am Freitag zeigen.

In den Impfstoff von Astra Zeneca werden große Hoffnungen gesetzt, weil er anders als die bereits in der EU zugelassenen Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna nicht gekühlt werden muss und deshalb einfacher zu transportieren und zu lagern ist. Damit würde sich der Impfstoff auch gut eignen, um etwa in Hausarztpraxen verabreicht zu werden. Astra Zeneca nutzt für sein Vakzin ein Verfahren, das bereits aus anderen Impfungen bekannt ist: Ein ungefährliches Virus - in diesem Fall ein Schnupfenvirus aus Schimpansen - dient als Fähre in das Körperinnere, im Fachjargon Vektor genannt. Das Transportvirus wird genetisch so verändert, dass es dem Immunsystem einen wichtigen Bestandteil von Sars-CoV-2 präsentieren kann und dann eine Immunreaktion auslöst.

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