Süddeutsche Zeitung

Coronavirus:Kann das Blut geheilter Patienten andere retten?

  • Patienten, die derzeit gegen Sars-CoV-2 kämpfen, könnten vom Blut Geheilter profitieren.
  • Mehrere Kliniken planen nun eine solche "passive Immunisierung" von Covid-19-Kranken.
  • Ein Geheilter erklärte sich schon zu einer Blutspende bereit: Friedrich Merz.

Von Christina Berndt

Eine Spende von Friedrich Merz? Wer denkt, er könne in diesen Tagen von den Millionen des reich gewordenen CDU-Politikers profitieren, der irrt. Wenn Merz jetzt auf Twitter schreibt, er sei bereit zu spenden, dann meint er Blut statt Geld. Friedrich Merz gehört zu den Menschen in Deutschland, die sich mit dem neuen Coronavirus Sars-CoV-2 angesteckt haben. Und weil Merz nun wieder gesund ist, hat er dem Universitätsklinikum Münster seine Hilfe angeboten.

Tatsächlich suchen die dortigen Ärzte gerade gesundete Corona-Infizierte für eine Blutspende. Denn Patienten, die derzeit gegen Sars-CoV-2 kämpfen, könnten vom Blut derjenigen profitieren, die das schon erfolgreich hinter sich gebracht haben - vor allem, solange es noch keine anderen wirksamen Medikamente gegen die neuen Viren gibt. Im Blut der Gesundeten dürften sich nämlich Antikörper gegen die Viren finden, und diese lassen sich mit dem Blutplasma (also dem von Zellen befreiten Blut) auf andere Menschen übertragen, um deren Immunsystem zusätzlichen Schub zu geben.

Neben dem Uniklinikum Münster planen mehrere Kliniken eine solche "passive Immunisierung" von Covid-19-Patienten. An der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) haben sich bereits fast tausend Gesundete gemeldet, die bereit sind zu spenden. "Wir freuen uns sehr über diesen großen Zulauf", sagt Rainer Blasczyk, der Leiter des Instituts für Transfusionsmedizin an der MHH und einer der Initiatoren des Plasmaprojekts. Nach und nach würden jetzt die Blutproben dieser Freiwilligen untersucht. Die wichtigste Frage: Sind überhaupt genügend Antikörper darin enthalten, die in der Lage sind, die Coronaviren aktiv zu bekämpfen?

Die Idee für eine solche Therapie ist so alt wie die immunologische Forschung, die Ende des 19. Jahrhunderts begann. Die ersten großen Erfolge mit einer solchen Immunisierung feierte der deutsche Arzt Emil von Behring, der Diphtherie-Patienten heilen konnte, indem er Antikörper aus Pferdeblut übertrug und dadurch als "Retter der Kinder" in die Geschichte einging. Als das gleiche Prinzip auch gegen den vor allem im Krieg gefürchteten Wundstarrkrampf funktionierte, bekam Behring noch den Titel "Retter der Soldaten" dazu.

Es muss nicht immer das neueste Verfahren sein. Manchmal sind die Klassiker auch gut

Ob die Ärzte in Münster und Hannover angesichts der Altersverteilung der Corona-Toten nun als "Retter der Rentner" in die Medizingeschichte eingehen werden? Rainer Blasczyk ist jedenfalls von seinem Ansatz überzeugt. "Ich wäre am Ende nicht überrascht, wenn sich das Rekonvaleszentenplasma in der jetzigen Phase als die beste Therapie erweist", sagt er. Vor allem habe die Gabe von Blutplasma im Gegensatz zu den anderen derzeit diskutierten Medikamenten wie Avigan und Chloroquin kaum Nebenwirkungen. "Wir halten uns oft daran fest, immer das neueste, aktuellste, größte Ding zu tun. Manchmal sind die Klassiker auch gut", sagte der Infektiologe Jeffrey Henderson von der Washington University in St. Louis der Washington Post.

Auch bei Atemwegserkrankungen hat sich die passive Immunisierung schon bewährt: Bei der Spanischen Grippe etwa, die zwischen 1918 und 1920 weltweit rund 50 Millionen Menschen das Leben kostete, konnte die Gabe von Blutseren Gesundeter die Sterblichkeit um ein Fünftel reduzieren. Und bei den Krankheiten Sars und Mers, die wie Covid-19 durch Coronaviren verursacht wurden, hat sich die Strategie ebenfalls als hilfreich erwiesen. Sogar zu Covid-19 gibt es schon erste gute Nachrichten: Ärzteteams aus China berichten in zwei wissenschaftlichen Publikationen, dass sie erfolgreich Schwerstkranke mittels passiver Immunisierung behandelt haben. Die insgesamt 15 Patienten waren so krank, dass sie künstlich beatmet werden mussten. Während ihnen Medikamente nicht halfen, besserte sich ihr Zustand nach der Antikörpergabe.

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Die Spender dürfen keine gefährlichen Erreger im Blut haben

Eine wichtige Voraussetzung für die Behandlung von Covid-19-Patienten mit Plasma ist allerdings, dass die Spender keine Krankheitserreger in ihrem Blut haben - das Aids-Virus HIV etwa oder Hepatitisviren. Deshalb werden Spender von Blutprodukten üblicherweise zum Zeitpunkt ihrer Spende und noch einmal vier Monate später untersucht, denn manche Erreger lassen sich erst viele Wochen nach einer Infektion im Blut nachweisen, in der Zwischenzeit wird die Blutspende aufbewahrt. "So lange können wir in der jetzigen Situation aber natürlich nicht warten", sagt Blasczyk. Er plädiert daher für eine Ausnahmeregelung, wie sie schon heute für manche anderen Blutprodukte wie Monozytenpräparate gilt, die gar nicht monatelang haltbar sind. Das zuständige Paul-Ehrlich-Institut arbeitet derzeit an einer für alle Kliniken einheitlichen Regelung.

Dabei wird auch zu klären sein, wann das Blut der Gesundeten am besten gewonnen wird. Wie lange sollten die Patienten schon wieder gesund sein? Die US-Arzneimittelaufsicht FDA hat sich angesichts ähnlicher Projekte an US-Kliniken gerade für einen Zeitraum von 14 Tagen entschieden, Blasczyk hält 28 Tage für sinnvoller: "Ich vermute, dass man dann mehr Antikörper ernten kann", sagt er. Aber sicher sei bei dem neuen Virus gar nichts.

Interessant ist schon jetzt, dass nicht alle Freiwilligen gleich gute Spender sind. "Bei manchen finden sich viele Antikörper, bei anderen wenige", sagt Rainer Blasczyk. Ob das an der Kraft ihres Immunsystems liegt oder vielleicht nur daran, wie schwer sie erkrankt waren? Womöglich produzieren Menschen, die nur leichte Symptome entwickeln, auch keine besonders starke Immunantwort gegen das Virus, weil ihr Körper nicht so stark mit ihm zu kämpfen hatte. Falls das so ist, wäre Friedrich Merz jedenfalls kein guter Spender. Er war nach eigenen Angaben nur leicht erkrankt.

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Quelle:
SZ vom 03.04.2020/hmw
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