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Pandemie:Was Forscher noch nicht über das Coronavirus wissen

Elektronenmikroskopische Aufnahme von Coronaviren auf der Oberfläche von Zellen, die im Labor gezüchtet wurden.

(Foto: AP/AP)

Noch nie wurde so schnell so viel Wissen über einen neuen Erreger zusammengetragen. Doch noch bleiben drängende Fragen offen. Ein Überblick.

Von Kathrin Zinkant

Sieben Monate sind für manche Menschen eine Ewigkeit. Für die Forschung ist das praktisch nichts, denn wissenschaftliche Studien brauchen Zeit - und noch mehr Zeit, um neue Fährten zu verfolgen, falls die ersten Spuren ins Leere geführt haben oder Erkenntnisse durch neue Resultate überholt wurden. Es ist deshalb kein Wunder, dass ein gutes halbes Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie noch immer Fragen offen sind. Ein Überblick über die wichtigsten von ihnen - und warum sie so schwierig zu beantworten sind.

Wie viele Menschen sind immun?

Nicht jeder Infizierte lässt sich testen. Fachleute gingen deshalb schon früh von einer hohen Dunkelziffer an Infektionen aus - und davon, dass weit mehr Menschen die Attacke des Virus überstanden haben, als offiziell bekannt. Diese Menschen, so lag tatsächlich nahe, würden wie bei anderen Erregern wie Masern oder Windpocken durch das körpereigene Abwehrsystem fortan immun gegen Sars-CoV-2. Man hoffte, sie mithilfe von Antikörpertests ausfindig machen zu können. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn plante sogar einen Immunitätsausweis, der den betreffenden Personen uneingeschränkte Bewegungsfreiheit ermöglichen sollte. Inzwischen haben Studien an ehemaligen Patienten jedoch gezeigt, dass die Sache komplizierter ist. Zwar bildet der Körper beim Kontakt mit dem neuen Virus Antikörper. Allerdings sinkt der Spiegel dieser Antikörper zumindest bei einem Teil der Genesenen wieder. Das heißt, es lässt sich mithilfe von Tests nicht sicher feststellen, wer immun ist. Und es ist auch nicht klar, ob eine Immunität dauerhaft ist oder nur vorübergehend.

Ab welcher Durchseuchung gibt es Herdenimmunität?

Siebzig Prozent - diese Zahl wurde in der frühen Phase der Pandemie als der Anteil Infizierter in der Bevölkerung genannt, der für einen sogenannten Herden- oder Gemeinschaftsschutz nötig wäre. Ein solcher Schutz hieße, dass sich zwar Einzelne noch anstecken könnten, aber das Virus sich dennoch nicht mehr in der ganzen Bevölkerung verbreitet. Inzwischen gibt es ausgefeilte Kalkulationen, die zum Beispiel die ungleichmäßige Bevölkerungsdichte in den Ländern und auch die unterschiedliche Kontakthäufigkeit mancher Gruppen berücksichtigen. Die rote Linie wäre demnach bei knapp 50 Prozent zu ziehen. Noch radikalere Berechnungen sehen die Schwelle sogar bei 20 Prozent oder weniger. Doch das sind alles Modellierungen mit verschiedenen Annahmen - und letztlich weiß niemand, ob und wie lange überhaupt einzelne Personen immun sein können. Möglicherweise wird erst ein wirksamer Impfschutz zeigen, ob oder ab wann es einen Gemeinschaftsschutz gibt. In Deutschland ist man aber in jedem Fall noch weit von der Herdenimmunität entfernt. Selbst wenn die Dunkelziffer das Zehnfache der bekannten Infektionen betragen würde, läge die Durchseuchung bei weniger als drei Prozent.

Wie ansteckend sind Kinder?

Über kaum ein Thema wurde in den vergangenen Monaten so heftig diskutiert, wie über die Infektiosität von Kita- und Schulkindern. Wie ansteckend der Nachwuchs ist, ist dennoch schlicht unklar. Einerseits legen Studien nahe, dass infizierte Kinder ohne Symptome eine ähnlich hohe Viruslast im Rachen haben wie erkrankte Erwachsene mit Covid-19. Andererseits gibt es Untersuchungen, die darauf hinweisen, dass Kinder sich selbst weniger leicht anstecken. Und wieder andere Beobachtungen zu Ausbrüchen in Schulen oder auch Jugendcamps zeigen mal eine größere, mal eine geringe Verbreitung des Virus - wobei die Einrichtungen vielerorts über Monate nicht normal geöffnet waren. Womöglich werden erst Studien im Regelbetrieb der wiedereröffneten Schulen und Kitas tiefere Einblicke ermöglichen. Bis dahin gilt es, vorsichtig zu bleiben, denn eines steht fest: Kinder bleiben trotz Infektion oft asymptomatisch.

Warum werden manche schwer krank, andere nicht?

Wie bei anderen Krankheiten wie etwa der Grippe erwischt das Virus manche schwer, andere dagegen spüren fast nichts von ihrer Infektion. Vorerkrankungen, Alter und Immunstatus eines Menschen spielen eine Rolle. Sie können aber nicht erklären, warum auch fitte Mittdreißiger von dem Virus derart in Mitleidenschaft gezogen werden, dass die Betreffenden hinterher nicht mehr ohne Gehhilfe laufen können. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass die Genetik einen Einfluss auf das Verlaufsbild von Covid-19 hat. Doch obwohl zeitweise sogar Blutgruppengene im Verdacht standen, die Krankheit zu verschlimmern, ist ein regelrechtes Covid-Gen bisher noch nicht gefunden. Vermutlich gibt es so ein Gen auch gar nicht, sondern eher einen Covid-Genotyp, bei dem eine ungünstige Konstellation vieler verschiedener Gene einen Menschen besonders heftig erkranken lässt. Um einen solchen Genotyp besser einkreisen zu können, bedarf es allerdings Studien an sehr vielen Infizierten und Erkrankten.

Wie viel Virus braucht es, um sich anzustecken?

Die Dosis macht die Ansteckung - darin sind sich die Experten einig. Wie viel Sars-CoV-2 allerdings nötig ist, um eine Infektion zu verursachen, ist bislang nicht geklärt. Vermutet wird, dass schon sehr geringe Mengen Virus ausreichen können, um einen Menschen anzustecken. Andererseits legt der große Unterschied zwischen dem hohen Ansteckungsrisiko in geschlossenen und schlecht belüfteten Räumen einerseits und dem eher geringen Ansteckungsrisiko an der verdünnenden Frischluft andererseits nahe, dass das Virus nicht in so geringen Dosen ansteckend ist wie etwa die Masern.

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Wird ein Impfstoff das Corona-Problem lösen?

Alles wird gut, wenn erst einmal ein Impfstoff da ist. So lautet jedenfalls die Hoffnung, seit das neue Coronavirus sich auf Weltreise gemacht hat. Entsprechend zügig bemühen sich mehr als 160 Forschergruppen weltweit, ein solches Corona-Vakzin zu entwickeln und herzustellen. Acht dieser Impfstoffe befinden sich dank der rasanten Beschleunigung aller Prozesse nun kurz vor oder schon in der Prüfung auf Wirksamkeit. Und tatsächlich erwarten Experten, dass die meisten dieser Kandidaten in einem gewissen Maß vor dem Virus oder einer schweren Erkrankung schützen. Die Frage ist allerdings, ob die Wirkung ausreicht, um eine Infektion zu verhindern, oder ob die Infektion lediglich klein gehalten wird - und damit auch die Erkrankung weniger schwer ausfällt. Offen ist zudem, wie lange der Schutz anhält; und ob die Zahl der wirksamen Kandidaten groß genug sein wird, um in kurzer Zeit genug Impfstoff für viele Menschen herzustellen, die sich dann auch bereitwillig impfen lassen. Nur so könnte ein Gemeinschaftsschutz entstehen.

© SZ
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