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Covid-19:Das unheimliche Rätsel um das Coronavirus

Krakow Airport Screens Arrivals From Italy Over Coronavirus Concerns

Reisende aus Mailand bei einer Gesundheitsuntersuchung am Krakauer Flughafen.

(Foto: Getty Images)
  • Das Risiko einer Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland hat nach Ansicht des Bundesgesundheitsministers klar zugenommen.
  • Das könnte zum gegenwärtigen Zeitpunkt doppelt heikel sein. Zum einen, weil das Land noch immer mitten in einer Grippewelle steckt.
  • Zum anderen gibt der Erreger Virologen auch nach zwei Monaten sehr viele Rätsel auf.

Plötzlich scheint das Virus allgegenwärtig zu sein: In Italien gibt es einen Ausbruch mit Hunderten Fällen, fünf Menschen sind in Nordrhein-Westfalen erkrankt, auch aus Göppingen werden drei Infizierte gemeldet, auf Teneriffa steht ein Urlauber-Hotel unter Quarantäne. Das Coronavirus ist in Europa angekommen. Was, wenn es bleibt?

Bereit sein, darum geht es für die europäischen Behörden jetzt. Wobei sich am Mittwoch durchaus die Frage stellt, wie gut ein Land wie Deutschland wirklich präpariert ist, wenn die Website seiner obersten Seuchenschutzbehörde, des Robert-Koch-Instituts in Berlin, zeitweise nicht erreicht werden kann, die Behörde Fragen nur lückenhaft beantwortet oder an die Länder verweist. Und das im Angesicht von akuten Infektionen unter anderem einer Kindergärtnerin aus Heinsberg in Nordrhein-Westfalen, deren Einrichtung nun geschlossen ist, und eines Patienten, der noch vor Kurzem auf einer Karnevalssitzung mitgeschunkelt hat. 14 Pfleger und Ärzte des kleinen Krankenhauses im Städtchen Erkelenz bei Köln wurden für 14 Tage nach Hause geschickt, nur zur Sicherheit, wie es heißt.

Wie wird die Information der Öffentlichkeit aussehen, wenn sich das Virus mit dem umständlichen Namen Sars-CoV-2 in Europa weiter ausbreitet und Hunderte oder gar Tausende an der vom Virus ausgelösten Krankheit Covid-19 erkranken, auch in Deutschland?

Verlaufen Infektionen symptomlos - und wie viele? Keiner kennt die Antwort

Das Risiko einer solche Ausbreitung hat nach Ansicht des Bundesgesundheitsministers klar zugenommen. In Rom hieß es auf einer Pressekonferenz der Weltgesundheitsorganisation WHO, der EU und des italienischen Gesundheitsministeriums, Europa befinde sich noch in der "Containment-Phase". Man ist also damit befasst, das Virus doch noch zu stoppen, indem Patienten isoliert und deren Kontakte beobachtet werden. Gleichwohl könne sich die Situation "sehr plötzlich ändern", sagte die EU-Kommissarin für Gesundheit und Verbraucherpolitik, Stella Kyriakides. Ein Containment würde dann unmöglich. Auch in Deutschland wäre mit einer wachsenden Zahl von Covid-19-Fällen zu rechnen.

Das könnte zum gegenwärtigen Zeitpunkt doppelt heikel sein. Zum einen, weil das Land noch immer mitten in einer Grippewelle steckt und es zu besonders bedrohlichen Doppelinfektionen kommen kann. Das Robert-Koch-Institut drängt nicht zuletzt deshalb seit Wochen darauf, dass sich bislang Ungeimpfte gegen den diesjährigen Grippeerreger immunisieren lassen. Wobei schon die normale Grippe bereits einen großen Teil der medizinischen Ressourcen in Deutschland für sich vereinnahmt. "In der Grippesaison sind unsere Kapazitäten zu 85 Prozent belegt", hat Heyo Kroemer kürzlich auf einer Pressekonferenz gesagt. Kroemer ist Vorstandsvorsitzender der Berliner Charité, einer der größten Universitätskliniken Europas. Zwar müssen Coronavirus-Infizierte nicht zwingend in Sonderisolierstationen untergebracht werden, in denen selbst die Charité nur 20 Plätze bereithielte. Dennoch benötigen gerade schwere Fälle von Covid-19 intensive medizinische Betreuung. Für wie viele Patienten diese Betreuung während einer Grippewelle möglich sein kann, ist nach wie vor unklar. Man wird es vermutlich erst wissen, wenn es so weit ist.

Zum anderen ist da dieser Erreger, der so plötzlich aus einer noch immer unbekannten, tierischen Quelle auf die Weltbühne trat und Virologen auch nach zwei Monaten sehr viele Rätsel aufgibt. "Wir erleben eine Situation, in der immer noch wenig über das Virus bekannt ist", sagte Kyriakides am Mittwoch in Rom. Wie viele Menschen steckt ein Infizierter an, wie lange hält sich das Virus auf Oberflächen, wie viele Infektionen verlaufen symptomlos, sind sogar Symptomlose bisweilen ansteckend? Auf viele Fragen gibt es noch immer keine gesicherten Antworten, auf manche wird es Antworten ohnehin erst geben, wenn alles vorbei ist. Fest steht, dass etwa vier von fünf der bisher beobachteten Infektionen mild verlaufen sind und derzeit zwischen zwei und vier Prozent der nachweislich Erkrankten an Covid-19 sterben.

Im Vergleich zur Grippe ist die Sterblichkeit hoch. Oder ist das nur ein Irrtum?

Diese Zahlen gelten allerdings nur in Bezug auf das, was bekannt ist. Ob sich unter den sichtbaren Spitzen an bekannten Infektionen sozusagen ein Eisberg verbirgt, es also viele unerkannte milde Infektionen gibt, die für eine sehr hohe Infektiosität des Erregers sprächen, aber auch für eine eher geringe Sterblichkeit - diese Frage ist unter Fachleuten heftig umstritten. Der WHO-Experte Bruce Aylward hatte auf einer Pressekonferenz in Genf zuletzt auf Daten verwiesen, die gegen einen Eisberg sprechen und damit für die beobachtete, im Vergleich zur Grippe hohe Sterblichkeit. Andere Experten wie der kanadische Infektionsforscher Gary Kobinger sind weiter überzeugt davon, dass viele Infektionen in den Statistiken fehlen.

Was das alles nun aber für den einzelnen Bürger bedeutet, ist am schwierigsten zu beantworten. Die Kenntnislücken und das plötzliche Auftauchen des Erregers in Italien und im eigenen Land rechtfertigen die hohe Alarmbereitschaft der deutschen Behörden. Und es ist zugleich klar, dass diese Alarmbereitschaft starke Nervosität in der Bevölkerung auslöst. Doch selbst in China sind bisher weniger als 0,01 Prozent der Bevölkerung von der Epidemie betroffen, in Deutschland entspräche das einer Zahl von etwa 4000 Infektionen, wohlgemerkt: nach dem derzeitigen Stand, der sich jederzeit ändern kann.

Experten weisen unermüdlich darauf hin, dass jeder selbst etwas für seinen Schutz tun kann - und damit auch für den Schutz anderer: Hände oft und gründlich waschen, mit warmem Wasser, mit Seife. Abstand halten, Menschenansammlungen vermeiden, im Fall eines lokalen Ausbruchs zu Hause arbeiten und sich stetig informieren. Die Vernunft gebietet es, internationale Festivals, Messen und andere Großveranstaltungen auszulassen. Zugleich sollten Bürger wie Länder einander helfen, anstatt einander auszugrenzen.

In Rom wies auch Stella Kyriakides darauf hin, dass Grenzschließungen und ähnliche Beschränkungen in Europa unter allen Umständen vermieden werden sollten. "Wir dürfen nicht in Panik geraten", sagte die EU-Kommissarin. Auch wenn das zugegebenermaßen nicht ganz leicht ist.

© SZ vom 27.02.2020
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