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Coronavirus:Anstieg ins Ungewisse

Corona in Deutschland: Plakat in Bayern

Ein Banner im oberbayerischen Planegg mahnt im April 2020 dazu, zu Hause zu bleiben.

(Foto: Sachelle Babbar/imago images)

Die Zunahme der Zahl der Neuinfektionen in Deutschland muss nicht zwingend ein Alarmzeichen sein. Das Leben mit dem Virus stellt sich inzwischen anders dar als im Frühjahr.

Kommentar von Werner Bartens

Die Grenze von 2000 Neuinfektionen pro Tag ist überschritten. Nach einem Rückgang im Mai und Juni steigen die entsprechenden Werte seit Mitte Juli wieder. Bereits in der zweiten Augusthälfte waren die Infektionszahlen kurzfristig über die 2000er-Marke geklettert. Auf den ersten Blick ist der aktuelle Anstieg ein beunruhigendes Zeichen. Doch so sehr sich die Menschen an die täglichen Meldungen und Grafiken gewöhnt haben, die Fixierung auf bestimmte Zahlen und Schwellenwerte ist nicht immer hilfreich.

Schließlich hat sich das Infektionsgeschehen seit März und April stark verändert. Mittlerweile stecken sich vermehrt die mittleren und jüngeren Jahrgänge an, noch immer sind die schweren oder gar tödlichen Verläufe im Vergleich zum Frühjahr seltener und es müssen weniger Patienten auf der Intensivstation behandelt werden. Auch deshalb darf die Bundesliga am Wochenende unter bestimmten Voraussetzungen vor Zuschauern starten, was paradox anmuten kann, da die Infektionszahlen ja derzeit steigen. Zur Erinnerung: Im März kam es zu weitreichenden Kontaktbeschränkungen, als die Gesamtzahl an Infektionen gerade die Tausendermarke überschritten hatte.

Das muss kein Widerspruch sein, denn das Leben mit dem Virus stellt sich inzwischen anders dar als im Frühjahr. Ob das so bleibt, ist ungewiss, in vier Wochen kann die Lage anders aussehen. Es spricht bisher aber genauso wenig dafür wie dagegen, dass die Pandemie in Deutschland neuerlich an Dramatik gewinnt. Allerdings ist jede Vorhersage vorläufig. Zu schnell verändern sich die Erkenntnisse und altes Wissen wird obsolet. Sich fast täglich auf neue Einsichten und veränderte Situationen einstellen zu müssen, gehört zu den Zumutungen der Pandemie.

Die gegenwärtigen Sprünge in der Fieberkurve der Neuinfektionen sollten nicht überbewertet werden. Noch immer werden gelegentlich Daten mit Verzögerung gemeldet und ein lokaler Ausbruch suggeriert womöglich irrtümlicherweise Gefahren für das ganze Land. Auch den Meldeverzug von zehn bis 14 Tagen gilt es weiterhin zu berücksichtigen. Entwarnung ist fehl am Platze, Panik aber genauso. Bleibt die Zahl der Neuinfektionen mit Sars-CoV-2 in den nächsten Tagen jedoch weiterhin hoch oder steigt weiter, tut eine Neubewertung not. Weitreichende Planungen bleiben schwierig. Das Leben mit der Seuche gestaltet sich von Tag zu Tag neu.

© SZ vom 18.09.2020/mkoh
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