Süddeutsche Zeitung

Coronavirus:Wer wird zuerst geimpft?

Schwangere zuerst, Kinder zuletzt: Sobald es einen Impfstoff gegen das Coronavirus gibt, müssen die Behörden entscheiden, wer ihn bekommt. Denn er wird nicht für alle reichen.

Von Kathrin Zinkant

Die Zukunft ist bekanntlich ungewiss. In diesen Tagen könnte man als normaler Bürger allerdings den Eindruck gewinnen, dass es sich mit einem Impfstoff gegen das neue Coronavirus anders verhält. Das liegt nicht nur am US-Präsidenten Donald Trump, der passend zum Wahltermin im November angekündigt hat, der amerikanischen Bevölkerung noch im Oktober ein wirksames Vakzin zu präsentieren. Auch Russland behauptet, mit einem Impfstoff kurz vor der Ziellinie zu sein. Moskau will im Oktober mit Impfungen in der Fläche beginnen. Und selbst Bundesforschungsministerin Anja Karliczek hat sich bereits mehrfach zu der Aussage hinreißen lassen, dass sich jeder Bürger impfen lassen könne, der es wolle. Wenn auch erst Mitte kommenden Jahres, sobald es einen zugelassenen Impfstoff gebe.

Es stellt sich allerdings die Frage, ob die Zukunft wirklich so hoffnungsvoll aussehen kann - und wer am Ende wirklich einen Impfstoff bekommt. Wird sich tatsächlich jeder, der es will, impfen lassen können? Oder steht ein Impfschutz nur für jene im Raum, die am stärksten gefährdet sind? Zwar hat auch die Europäische Union inzwischen mehrere Verträge mit Impfstoffherstellern abgeschlossen: Neben einem Vertrag mit Sanofi und Glaxo Smith Kline über ein noch vollständig experimentelles Vakzin existiert bereits ein Übereinkommen mit dem Pharmahersteller Astra Zeneca über 300 Millionen Dosen eines Impfstoffs der University of Oxford. Das Mittel ist bereits in der letzten Phase der klinischen Überprüfung angekommen.

300 Millionen Impfdosen - das reicht höchstens für jeden dritten EU-Bürger

Doch wie das Bundesgesundheitsministerium (BMG) auf Nachfrage der Süddeutschen Zeitung mitteilte, werden diese 300 Millionen Dosen "relativ zur Bevölkerungsgröße an alle Mitgliedsstaaten, die dabei sein wollen, aufgeteilt werden". Da vermutlich zweimal geimpft werden muss, reicht dieser Impfstoff voraussichtlich für 150 Millionen Menschen - und die Europäische Union hat dreimal so viele Einwohner. Es sei daher sehr unwahrscheinlich, heißt es aus dem Ministerium, dass schon unmittelbar nach der Zulassung ausreichend Impfstoff für die gesamte Bevölkerung zur Verfügung stehen werde.

Dabei ist nicht einmal die Zulassung für die bereits bestellten Impfstoffe ausgemacht. Jeder der sechs derzeit am weitesten gediehenen Kandidaten kann kurz vor der Ziellinie, also in den Tests auf Wirksamkeit, noch scheitern. Das ist bei neuartigen Impfstoffen sogar eher die Regel als die Ausnahme - und gilt sowohl für den Impfstoff der University of Oxford, der von Astra Zeneca produziert werden soll, als auch für die ebenfalls weit entwickelten neuartigen Vakzine der Hersteller Moderna und Biontech, die auf der sogenannten mRNA-Technologie beruhen. Es handelt sich um völlig neuartige Impfstoffe aus kurzen Erbgutkopien, die vom Körper zu Eiweißfragmenten des Coronavirus umgesetzt werden und das Immunsystem so auf den Erreger prägen sollen.

Die Impfstoffe von Biontech und Moderna haben nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) immerhin ein paar Vorzüge gegenüber klassischen Impfkonzepten mit abgeschwächten oder als Vehikel genutzten Viren. "Die Vorteile der neuen mRNA-Impfstoffe sind unter anderem die Herstellung unter geringeren Sicherheitsbedingungen und die Möglichkeit, in wenigen Wochen viele Millionen Impfdosen herzustellen", sagt PEI-Präsident Klaus Cichutek. Einige Hersteller hätten angekündigt, bereits jetzt - noch bevor Wirksamkeitsnachweise oder gar eine Zulassung vorliegen - mit der Produktion zu beginnen, bis Jahresende könnten 100 Millionen Dosen hergestellt werden. "Damit ist jedoch das Risiko verbunden, die produzierten Impfstoffe verwerfen zu müssen, sollte es nicht zu einer Zulassung kommen", sagt Cichutek.

Risikogruppen und medizinisches Personal können sich wohl als Erste impfen lassen

Falls es aber eine Zulassung gibt, bleibt immer noch das Problem der Verteilung. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch in Deutschland priorisiert werden muss, wer als Erstes geimpft werden kann", heißt es dazu aus dem BMG. Gemeinsam mit dem PEI und der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut wird demnach bereits an einem Konzept gearbeitet, das den Bundesländern später als Richtlinie dienen kann. Auch die Weltgesundheitsorganisation entwickelt derzeit Impfkonzepte, unter anderem unter Beteiligung des PEI. Details dieser Empfehlungen stehen bislang allerdings noch nicht fest.

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Es zeichnet sich jedoch ab, dass vor allem Risikogruppen und medizinisches Personal die Ersten sein werden, die sich impfen lassen können, um die Gesundheitssysteme und die -versorgung zu stabilisieren. Das bestätigt etwa der Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums. Speziell in der aktuellen Pandemie hätten vermutlich ältere Menschen mit Vorerkrankungen, aber auch Schwangere zudem Priorität. Kinder, die äußerst selten schwer an Covid-19 erkranken, kämen dagegen eher erst am Schluss für eine Impfung infrage. Allerdings verweist PEI-Präsident Cichutek auch auf andere Faktoren, die für die Priorisierung eine Rolle spielen könnten - etwa, ob ein möglicher Impfstoff bei jüngeren Erwachsenen besser wirkt als bei älteren Menschen, und ob nur die Erkrankung gemildert würde oder auch eine Ansteckung verhindert.

Damit bleibt, wie so oft in dieser Krise, vieles offen. Sicher ist hingegen: Auf einen Impfstoff zu warten ist in der aktuellen Lage keinesfalls das Einzige, was gegen die Pandemie getan werden kann. Auch Abstandhalten, Maskenpflicht, Versammlungsverbote und gegebenenfalls Schulschließungen bremsen die Ausbreitung des Erregers. Für viele ärmere Länder, etwa in Afrika oder Asien, bleibt ein Impfstoff dagegen womöglich lange unerreichbar. Es sei denn, die künftigen Verteilungsstrategien westlicher Industrienationen reichen über das eigene nationale Interesse hinaus - und sind auch erfolgreich.

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