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Intensivstationen:Zu früh für Entwarnung

Coronavirus - Berlin

In deutschen Kliniken gibt es etwas mehr als 30000 Intensivbetten.

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Momentan füllen sich die Intensivstationen nicht ganz so schnell wie befürchtet mit Covid-19-Patienten. Woran das liegen könnte und warum Experten noch nicht von einer Trendwende sprechen wollen.

Von Werner Bartens

Derzeit werden etwa 3000 Patienten mit Covid-19 auf einer Intensivstation behandelt und damit mehr als auf dem Höhepunkt der ersten Welle im Frühjahr. Noch sind etwa 7000 der mehr als 30000 Intensivbetten in Deutschland frei. Die gegenwärtigen Einschränkungen dienen dazu, den Anstieg der Neuinfektionen und damit auch der schweren Verläufe zu bremsen. Gleichzeitig soll verhindert werden, dass die Kapazitäten im Gesundheitswesen überlastet sind. Bei einem weiteren exponentiellen Wachstum der Neuinfektionen wäre das bald der Fall.

Doch es gibt dezenten Anlass zur Hoffnung, denn die deutschen Intensivstationen füllen sich weniger schnell mit Covid-19-Patienten als befürchtet. Seit der Woche ab dem 26. Oktober nimmt der Anstieg der täglichen Neuaufnahmen von infizierten Patienten im Vergleich zur Vorwoche in der Tendenz ab, wie das Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) zeigt. Das Gleiche gilt vom 2. November an auch für das Wachstum der Gesamtzahl von Patienten auf den Intensivstationen. So betrug der wöchentliche Anstieg bei der Zahl der belegten Intensivbetten durch Covid-19-Patienten am 26. Oktober noch rund 65 Prozent. Am 10. November waren es noch 30 Prozent - Tendenz fallend.

Das bedeutet, dass sich die Intensivstationen zwar weiterhin füllen, aber langsamer als vor zwei Wochen befürchtet. Trotz dieser guten Nachrichten ist jedoch weiterhin Skepsis angebracht. "Es bleibt abzuwarten, inwieweit sich der Trend der steigenden Infektionszahlen mit einer zehn- bis 14-tägigen Verzögerung auf den Intensivstationen widerspiegelt", sagt DIVI-Präsident Uwe Janssens. "Wir beobachten zurzeit, dass das mittlere Erkrankungsalter seit Anfang September wieder merklich ansteigt. Somit muss befürchtet werden, dass auch der Anteil der stationären und damit auch der intensivstationären Behandlungsfälle zunehmen wird." Auch wenn der Trend derzeit einen leichten Rückgang zeigt, könne sich die Situation jederzeit wieder ändern. "Wir dürfen keinesfalls vergessen, dass die Behandlung eines Covid-19-Patienten auf der Intensivstation langwierig sein kann - in einigen Studien im Mittel bis zu 24 Tage", sagt Janssens.

Auf Normalstationen ist keine Trendwende zu beobachten, die Zahl der Patienten steigt weiter

In einigen Regionen haben Krankenhäuser schon auf Notfallbetrieb umgeschaltet und Aufnahmen sowie operative Eingriffe verschoben. "Wir müssen dringend festlegen, welche Krankenhäuser welcher Versorgungsstufe im Pandemiegeschehen welche Aufgaben übernehmen sollen", fordert der Intensivmediziner. Um einen Puffer auf den Intensivstationen zu haben, sei tatsächlich eine Reservekapazität nötig, die unmittelbar verfügbar sein muss - und nicht erst innerhalb von sieben Tagen. Allgemeine Notfälle und die tatsächliche Anzahl der schwer erkrankten Covid-19-Patienten lassen sich nicht exakt im Voraus planen.

Auch Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie an der München Klinik Schwabing hält es für verfrüht, Schlüsse aus den rückläufigen Intensivbelegungszahlen für Covid-19-Patienten zu ziehen. "Die Zuwachsrate an intensivpflichtigen Patienten nimmt ein wenig ab, wir registrieren aber immer noch absolut betrachtet einen Anstieg der Patienten auf Intensivstationen", sagt der Mediziner. "Auf dem Niveau der Normalstationen gibt es zudem noch keine Trendwende, das heißt, dort steigen die Zahlen der Patienten kontinuierlich an."

Die Versorgung hat sich so verbessert, dass Patienten kürzer intensiv betreut werden müssen

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Allerdings kommen mehr Patienten mit früh diagnostizierten Symptomen in die Klinik, sodass bei entsprechender Behandlung ein Intensivaufenthalt verhindert werden kann. Auch scheint die Zeit auf Intensivstationen aufgrund einer besseren medizinischen Versorgung kürzer auszufallen, wozu verfeinerte Beatmungstechniken, aber auch die Gabe von Dexamethason beitragen, vermutet Wendtner.

Die leicht rückläufigen Wachstumszahlen der Intensivbelegung jetzt schon auf die Kontaktbeschränkungen im November zurückzuführen, hält Wendtner für zu früh: "Wir müssen bei Covid-19 damit rechnen, dass es vom Erkrankungsbeginn etwa drei bis vier Wochen bis zur intensivmedizinischen Betreuung dauert." Zudem sollten europäische Nachbarländer eine Warnung sein: Dort kam es auch zu Beginn nur zu einer langsamen Belegung der Intensivkapazitäten im Spätsommer, bevor das System nunmehr überlastet ist. Patienten müssen derzeit innerhalb dieser Länder oder ins europäische Ausland verlegt werden. "Für Entwarnung - egal ob in Bayern oder Deutschland - ist es noch zu früh", sagt Wendtner.

"Ich habe den Eindruck, dass wir im Gegensatz zur ersten Welle deutlich mehr Fälle auf der Normalstation haben", sagt Matthias Kochanek, Leiter der Intensivmedizin an der Uniklinik Köln. "Mein Eindruck ist auch, dass die Zeit von der Infektion bis zur Intensivstation etwas kürzer ist als im Frühjahr. Mit dem Wirkstoff Dexamethason ist zudem die Zeit auf der Intensivstation etwas verkürzt."

Schwankungen der Belegung auf den Intensivstationen gab es in den vergangenen Wochen immer wieder. Insofern sind sich die Experten einig, dass man noch ein bis zwei Wochen abwarten sollte, bevor belastbare Rückschlüsse gezogen werden. Genauere Daten zur Altersverteilungen der Patienten wären ebenfalls wünschenswert, um die Lage besser abschätzen zu können.

© SZ
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