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Coronavirus:Ein ziemlich schmaler Silberstreif

Corona-Impfstoff: Labor des Mainzer Unternehmens Biontech

Das Mainzer Unternehmen Biontech forscht zusammen mit dem US-Konzern Pfizer an einem Impfstoff gegen das Coronavirus.

(Foto: Stefan Albrecht/Biontech/dpa)

Erste Ergebnisse zu einem Impfstoff von Biontech und Pfizer schüren Hoffnung. Warum die Begeisterung unter Experten jedoch verhalten bleibt.

Von Kathrin Zinkant

Es hatte zunächst der September sein sollen. Dann verlegte man sich auf den Oktober. Bis dahin, so hofften die Verantwortlichen der Unternehmen Biontech und Pfizer, könne man erste Daten aus den entscheidenden Wirksamkeitsstudien an einem neuartigen, binnen Monaten entwickelten Impfstoff gegen den Covid-19-Erreger vorstellen. Im Oktober hieß es schließlich, dass man erst Mitte November mit ersten Ergebnissen rechne. Erste Medien warnten schon davor, sich im Kampf gegen Corona allzu sehr auf einen bald verfügbaren Impfstoff zu verlassen.

Doch nun ist der große Moment gekommen, ein paar Tage früher sogar als in der Monatsmitte - und er schürt nicht ganz zu Unrecht neue Hoffnungen. Am Montag gaben das deutsche Biotechunternehmen Biontech und der US-amerikanische Pharmahersteller Pfizer bekannt, dass der Impfstoff mit dem sperrigen Namen "BNT162 b2" alle bisherigen Erwartungen an die Wirksamkeit eines möglichen Corona-Vakzins übertrifft. Demnach schützt er nach zweimaliger Injektion offenbar zu mehr als 90 Prozent vor einer Covid-19-Erkrankung. Als effektiv gelten Vorgaben der US-Arzneimittelbehörde FDA zufolge Impfstoffe, die 50 Prozent der Erkrankungen verhindern. Die Zwischenanalyse fand statt, nachdem ein Teil der Probanden geimpft und anschließend Covid-Erkrankungen unter allen 40000 Teilnehmern der Studie verfolgt wurden. Insgesamt kam es zu 94 bestätigten Covid-19-Fällen, die zu mehr als 90 Prozent unter den nicht geimpften Teilnehmern auftraten.

Die nun vorgestellten Zwischenergebnisse könnten noch vor dem Jahreswechsel eine Notzulassung des Impfstoffs in den USA ermöglichen. Zwar müssen Biontech und Pfizer zuvor noch Zwei-Monats-Daten zu Nebeneffekten der Immunisierung abwarten, sie werden in der dritten Novemberwoche erwartet und sind eine Voraussetzung dafür, dass eine vorzeitige Zulassung in Betracht gezogen werden kann. Doch der Antrag ist Biontech zufolge fest geplant. Und bislang kam es im Gegensatz zu einigen Zwischenfällen in anderen Studien beim Biontech-Vakzin offenbar wenn überhaupt, dann nur zu üblichen Impfreaktionen wie Fieber und Schmerzen. Nach Aussage von Pfizers Senior-Vizepräsident William Gruber auf dem Wissenschaftsportal Statnews sind diese Reaktionen voraussichtlich etwas gravierender als etwa nach der jährlichen Grippeimpfung. Gruber, der seit 35 Jahren in der Impfstoffforschung tätig ist, bezeichnete die rasche Entwicklung eines solchen wirksamen Vakzins gleichwohl als "außergewöhnlich".

"Ich halte die vorgestellten Ergebnisse für sehr ermutigend"

Unterdessen haben sich Immunologen und Virologen auf der ganzen Welt verhalten optimistisch über die Nachrichten von Biontech und Pfizer geäußert. "Ich halte die vorgestellten Ergebnisse für sehr ermutigend", sagt Stephan Becker, der an der Universität in Marburg das Institut für Virologie leitet. Zwar sei die Zahl der in der Studie aufgetretenen Fälle mit 94 relativ gering und man müsse sicherlich noch die Gesamtdaten abwarten. "Aber für mich ist das ein sehr erfreuliches Ergebnis", sagt der Virologe. Eine genauere Einschätzung ist laut Becker und vielen seiner Kolleginnen und Kollegen derzeit aber noch nicht möglich. "Die primären Daten liegen uns noch nicht vor", sagt Leif-Erik Sanders von der Berliner Charité mit Verweis auf die bislang spärlichen Informationen der zwei Unternehmen. Nach Angaben der Firmen zeigten sich zwar keine sicherheitsrelevanten Nebenwirkungen. "Allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass der Beobachtungszeitraum für relevante Impfnebenwirkungen noch zu kurz ist." Die WHO empfiehlt mindestens drei Monate Beobachtung, bislang beträgt er in der noch laufenden Studie knapp die Hälfte. Auch die Effektivitätsdaten stammen aus einem nur einwöchigen Zeitraum.

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Der Immunologe und Impfstoffexperte Sanders vermisst zudem noch eine weitere, in der aktuellen Krise entscheidende Information: "Es muss sich noch zeigen, ob der Impfstoff auch in verschiedenen Bevölkerungsgruppen, insbesondere in Risikogruppen wie älteren Menschen, so effektiv ist." Diese Lücke in den Informationen sehen auch viele andere Fachleute. Tatsächlich wirken viele Impfstoffe nicht in allen Altersgruppen gleich gut, insbesondere bei alten Menschen fällt die Immunantwort auf ein Vakzin oft deutlich schwächer aus als bei jüngeren Impflingen. Hinzu kommt bei aller berechtigten Freude die Tatsache, dass im Fall einer Notzulassung laut Pfizer und Biontech bis Jahresende lediglich 50 Millionen Impfdosen verfügbar sein werden. Erst im kommenden Jahr lässt sich die Produktion auf Mengen skalieren, die Impfungen in größeren Bevölkerungsgruppen möglich machen. Die EU steht derweil noch in Verhandlungen mit Biontech und Pfizer, einen Vertrag für eine Lieferung von Impfstoffdosen gibt es derzeit noch nicht. Und nicht zuletzt sind da die logistischen Probleme - der Impfstoff von Biontech ist ein neuartiger RNA-Impfstoff, der bis zur Anwendung bei minus 70 Grad Celsius gelagert werden muss.

Und so sieht auch der erfahrene Covid-19-Mediziner Clemens Wendtner vom München Klinikum Schwabing zwar Anlass zum Optimismus, aber keinen Grund zur Euphorie: "Diese ersten Daten sind Silberstreifen an dem sonst so düsteren Horizont", sagte Wendtner am Montag. Bis aus dem Silberstreif echte Hoffnung wird, werden dennoch Monate vergehen, in denen es zu den bisherigen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie keine Alternative gibt.

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