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Covid-19:Forscher sehen Wende im Infektionsgeschehen

Coronavirus - Frankfurt/Main

Ein Wachpolizist überprüft die Einhaltung der Kontaktsperre in Frankfurt am Main.

(Foto: dpa)

Während sich immer mehr Menschen mit dem Coronavirus infizieren, beginnen Wissenschaftler, mehr über den neuen Erreger und seine Auswirkungen zu verstehen. Viele Erkenntnisse sind vorläufig und werden im Laufe der Zeit bestätigt, ergänzt oder korrigiert werden.

Forscher empfehlen weitere zwei Wochen Kontaktsperre

Nach Berechnungen Göttinger Forscher zeigen die Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 Wirkung. Um die Epidemie in den Griff zu bekommen, müssten sie aber noch etwa zwei Wochen lang andauern, schreiben die Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation. Sie haben simuliert, wie sich die Infektionen in Deutschland unter verschiedenen Szenarien entwickeln würden.

Auf dieser Basis kommen die Forscher zu dem Schluss, dass die jetzt geltende massive Einschränkung des öffentlichen Lebens eine Wende im Infektionsgeschehen ermöglicht hat. Mit den Maßnahmen sei es gelungen, die exponentielle Ausbreitung von Covid-19 zu brechen. Erst die weitreichenden Kontaktverbote führen demnach dazu, dass sich immer weniger Menschen neu mit dem Coronavirus anstecken. Weniger drastische Maßnahmen würden die Zahl der Neuinfektionen weiter wachsen lassen - wenngleich langsamer als ohne jede Einschränkung.

Die Zahl der Neuinfektionen könnte dank der Kontaktsperre vom 22. März von nun an kontinuierlich abnehmen (grüne Linie).

(Foto: MPI für Dynamik und Selbstorganisation)

Aus ihrem Modell leiten die Forscher auch ab, dass die Kontaktsperren noch einige Zeit notwendig sind. "Wenn jetzt die Beschränkungen aufgehoben werden, sind wir wieder ganz am Anfang", sagt Studienautorin Viola Priesemann. Würden dagegen die Regeln in den kommenden zwei Wochen weiter sehr sorgfältig eingehalten, könnte es im besten Szenario bald nur noch einige Hundert neue Fälle pro Tag geben. Unter Umständen könnte man die Infizierten und ihre Kontaktpersonen dann sehr schnell identifizieren und isolieren.

Die Forscher haben auch modelliert, wie sich die Gesamtzahl aller Infizierten entwickeln würde. Wären gar keine Maßnahmen ergriffen worden, hätte die Zahl der bestätigten Fälle bereits Ende März die Marke von 200 000 überschritten und wäre danach weiter steil angestiegen. Wäre es allein bei den ersten Einschränkungen geblieben, die vor allem ein Verbot von Großveranstaltungen und Stadionbesuchen beinhalteten, würde man ungefähr zum jetzigen Zeitpunkt 200 000 bestätigte Infektionen zählen. Rechnet man die Effekte der anschließend verfügten Kita-, Schul- und Ladenschließungen hinzu, würde der Verlauf weiter verlangsamt. Die Zahl von 200 000 Fällen wäre erst um den 19. April herum überschritten.

Mit den jetzt geltenden weitreichenden Kontaktverboten aber wird die Marke vorerst gar nicht erreicht, prognostizieren die MPG-Forscher. Derzeit haben sich laut Robert-Koch-Institut fast 110 000 Menschen in Deutschland mit dem Coronavirus infiziert. Die Studie ist auf einem Preprint-Server veröffentlicht und noch nicht umfangreich von unbeteiligten Wissenschaftlern begutachtet worden.(Stand:09.04.2020/Berit Uhlmann)

Tests von Ebola-Medikament erlaubt

Besonders schwer erkrankte Corona-Patienten dürfen künftig mit dem noch nicht zugelassenen Wirkstoff Remdesivir behandelt werden, wenn alle anderen Mittel versagt haben. Das hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn genehmigt. Der Wirkstoff wurde von einem US-Pharmaunternehmen ursprünglich gegen Ebola-Infektionen entwickelt. Es gebe erste Anzeichen für eine Wirksamkeit auch gegen das Coronavirus, hatte die europäische Arzneimittelbehörde EMA vergangenen Freitag festgestellt und einen Einsatz des Mittels für Schwerkranke ohne Behandlungsalternative ("Compassionate use") empfohlen.

Dem folgte die deutsche Behörde nun. Aktuell ließen sich zu einer Wirksamkeit aber keine Aussagen machen, betonte ein. Es gebe nur Anzeichen. "Die Ergebnisse laufender klinischer Prüfungen bleiben abzuwarten." Bundesweit seien im März drei klinische Prüfverfahren für den Wirkstoff als Mittel gegen die Corona-Infektion genehmigt worden, sagte der Sprecher. Wie lange sie dauern würden, lasse sich nicht prognostizieren.

Übertragungswege genauer untersucht

Wie lange hält sich der Erreger auf Oberflächen? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, sich bei Infizierten anzustecken? Forscher finden immer mehr über die Übertragungswege des Coronavirus heraus. In einer Übersicht erfahren Sie, wie sich Sars-CoV-2 nach aktuellem Forschungsstand verbreitet und wie Menschen sich am besten schützen können.

Forscher kritisieren Medikament-Empfehlung

US-Präsident Trump empfiehlt zu Behandlung des Coronavirus das Mittel Hydroxychloroquin gegen Covid-19. Das Medikament wurde in den 1950er-Jahren zugelassen und ist seitdem zur Prophylaxe gegen Malaria und in der Behandlung diverser rheumatischer Erkrankungen im Einsatz. Das Mittel hat viele Nebenwirkungen, unter anderem bedrohliche Rhythmusstörungen bis hin zum Herz- oder Organversagen. Experten auf der ganzen Welt sind erzürnt wegen Trumps Empfehlung. Denn ob es gegen das Coronavirus hilft, ist völlig unklar.

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Tiger in New Yorker Zoo mit Coronavirus infiziert

Tigerin "Nadia" ist das erste Tier, das in den USA positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Auch weitere Tiger und drei Löwen zeigen nach Angaben des Zoos Symptome. Die Tiere haben sich offenbar bei einem infizierten Tierpfleger angesteckt.

Katze steckt sich bei Menschen mit dem Coronavirus an

Eine Katze hat sich in Belgien bei einem Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Von dem Fall berichtet die belgische Behörde für Lebensmittelsicherheit AFSCA auf ihrer Webseite. Bisher gebe es aber keine Hinweise, dass sich das Virus von Haustieren auf Menschen oder auf andere Tiere übertrage.

Die Katze in Belgien und zwei Hunde in Hongkong seien die einzige bekannten Fälle, bei denen sich Haustiere bei infizierten Menschen angesteckt hätten. Die Hunde hätten keine Symptome gezeigt, die Katze aber habe vorübergehend Atem- und Verdauungsbeschwerden gehabt. Am Freitag hatten die Gesundheitsbehörden unter Berufung auf die veterinärmedizinische Fakultät der Universität Lüttich über den Fall informiert.

Die AFSCA betonte: "Das Risiko einer Übertragung des Virus von Haustieren auf den Menschen ist im Vergleich zum Übertragsrisiko durch direkten Kontakt von Menschen untereinander zu vernachlässigen." Trotzdem werde dringend empfohlen, die üblichen Hygieneregeln zu befolgen. Dazu gehöre, allzu engen Kontakt zum Tier zu vermeiden, vor allem, wenn man selbst krank sei. Nach jedem Streicheln sollte man sich die Hände waschen und sich nicht vom Haustier im Gesicht lecken lassen, schreibt die AFSCA.

Unikliniken gemeinsam gegen Covid-19

Ein neues Bündnis der deutschen Universitätskliniken soll im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie die Patientenversorgung optimieren und sowohl die Entwicklung der Diagnostik, als auch Studien an Medikamenten gegen Covid-19 vorantreiben. Auf Initiative des Charité-Vorstandsvorsitzenden Hajo Kroemer und Christian Drosten, der an der Charité die Virologie leitet, hat Kanzlerin Angela Merkel das Bundesministerium für Bildung und Forschung dazu veranlasst, noch in diesem Jahr 100 Millionen Euro für die nötigen Strukturen eines solchen Bündnisses zur Verfügung zu stellen. 2021 werden weitere 50 Millionen in das geplante Netzwerk fließen. Das gab Bundesforschungsministerin Anja Karliczek am Donnerstag in Berlin bekannt.

Nach Aussage von Drosten und Kroemer spielen die 38 großen Universitätskliniken in Deutschland in der Bewältigung der Covid-19-Krise bereits eine Schlüsselrolle, da sie einerseits der spezialisierten Forschung, andererseits aber auch den Patienten nahe stünden. Außerdem würden an den Krankenhäusern der Universitäten substanzielle Kapazitäten für die Behandlung von Erkrankten geschaffen. Man stehe zudem im engen Austausch mit den nichtuniversitären Kliniken der jeweiligen Region.

Als ein zentrales wissenschaftliches Ziel nannte Drosten das sogenannte Repurposing von bereits für andere Erkrankungen zugelassenen Medikamenten, die möglicherweise gegen das neue Virus wirksam sein könnten. Diese Arzneien sollen auch innerhalb des Netzwerks gezielt geprüft werden. "Es gibt keine andere Rettung aus dieser Situation als diese pragmatische Forschung", sagte Drosten. Wann ein Impfstoff verfügbar sein werde, ist Drosten zufolge derzeit noch nicht vorherzusagen. Auch die deutschen Forschungsorganisationen sollen sich mit ihren spezialisierten Instituten dem Bündnis anschließen. "Es könnte das erste Mal sein, dass wir alle Kräfte in der Biomedizin hinter ein Thema bekommen", sagte Kroemer. (Stand: 26.03.2020/ZINT)

Vorsicht vor gefälschten Arzneien gegen Covid-19

Die Europäische Medikamenten-Aufsicht EMA warnt vor dem Kauf angeblich verfügbarer Arzneimittel für die Behandlung von - oder den Schutz vor - Infektionen mit dem neuen Coronavirus Sars-CoV-2. Nach Aussage der Behörde zielten unregistrierte Online-Apotheken und andere Verkäufer derzeit darauf ab, die "Ängste und Sorgen während der laufenden Pandemie mit dem neuen Erreger auszunutzen". Dabei werde oft versprochen, den Kunden Zugang zu ansonsten nicht oder nur schwer zugänglichen Medikamenten zu verschaffen, die derzeit auch im Zusammenhang mit geplanten Studien zu Covid-19 genannt werden. Dazu gehört zum Beispiel das Malariamittel Chloroquin.

Derzeit ist jedoch kein Medikament für die Behandlung einer Infektion mit dem neuen Coronavirus zugelassen, geschweige denn zum Schutz vor einer solchen. Es gibt derzeit auch noch keine wissenschaftlich belastbaren Hinweise darauf, dass verfügbare Arzneien wie Chloroquin, die für andere Erkrankungen entwickelt wurden und deshalb verfügbar sind, gegen den Erreger wirken. Zwar sind zahlreiche Patientenstudien geplant oder begonnen worden, um baldmöglichst einen effektiven Wirkstoff zu finden. Er könnte dann unter ärztlicher Aufsicht in der klinischen Therapie eingesetzt werden. Zu den Kandidaten zählen neben dem wenig aussichtsreichen Chloroquin etwa das Ebola-Medikament Remdesivir oder Mittel, die in der Behandlung von HIV-Infektionen genutzt werden. Es wird jedoch Wochen bis Monate dauern, bis Erkenntnisse aus den Studien vorliegen. Für die Bevölkerung bleibt es unterdessen bei den inzwischen oft kommunizierten Schutzmaßnahmen wie Handhygiene und einem weitestgehenden Verzicht auf persönliche Kontakte mit Menschen außerhalb des eigenen Haushalts.

Die EMA weist darauf hin, dass legale Online-Apotheken anhand eines europaweit einheitlichen Logos erkennbar sind. Das weiße Kreuz auf einem grau-grün gestreiften Hintergrund muss auf der Website der Apotheke zu sehen sein. Es ist anklickbar und führt auf die Liste registrierter Online-Apotheken in den jeweiligen Ländern. Es wird empfohlen, auch bei Käufen anderer Medikamente im Internet zu prüfen, ob die Seite registriert ist. Laut EMA ist die Wahrscheinlichkeit sonst sehr hoch, an gefälschte Arzneien zu geraten, die bestenfalls wirkungslos, oft aber sogar schädlich sein können.(Stand: 25.03.2020/ZINT)

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