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Coronavirus:Warum das Testverfahren auf Covid-19 Lücken hat

Coronavirus - Corona-Testzentrum

Aktuelle Straßenbeschilderung in Baden-Württemberg.

(Foto: dpa)
  • Die Zahl der Infizierten und Todesfälle ist von Land zu Land unterschiedlich.
  • Ein Grund könnten die unterschiedlichen Testverfahren sein.
  • Um abzusehen, wie sich die Pandemie entwickelt, braucht es Zeit. Das liegt auch am Verzug zwischen Infektion, Diagnose und Meldung.

Eine ewige Regel der Medizin stammt aus dem legendären Buch "The House of God": "Wenn du keine Temperatur misst, findest du auch kein Fieber." In Zeiten von Corona bedeutet das: Wo nicht getestet wird, findet sich auch keine Infektion. Die Intensität, mit der die Diagnostik auf Sars-CoV-2 betrieben wird, dürfte ein Grund sein, warum das Verhältnis zwischen der Zahl der Infizierten und den Todesfällen von Land zu Land so unterschiedlich ist. So liegt diese Quote, die Letalität, in Italien zwischen sieben und acht Prozent, bei derzeit 25 000 Infizierten und fast 2000 Todesfällen. In Südkorea ergibt sich hingegen eine Letalität von knapp einem Prozent, in Deutschland zwischen 0,2 und 0,3 Prozent.

Vermutlich ist das Virus nicht unterschiedlich bedrohlich, aber die Testhäufigkeit schwankt enorm. Dabei ist der Test auf Corona keine Zauberei. Der Virennachweis erfolgt mittels Polymerase-Kettenreaktion (PCR), einem wichtigen Verfahren der Molekularbiologie. 1983 wurde die Methode von Kary Mullis entwickelt. Sars-CoV-2 nachzuweisen, dauert ungefähr fünf Stunden, ein Testergebnis kann also innerhalb eines Tages vorliegen.

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Viele Hausärzte sind mit Anfragen überlastet und Hotlines besetzt

Hieß es zu Anfang der Epidemie noch, dass nicht genügend Test-Kits zur Verfügung stünden, ist das zumindest in Deutschland kein Problem mehr. Der Engpass liegt eher in der Organisation. Auf die Frage, an wen sich besorgte Bürger für einen Test wenden sollen, empfiehlt eine Sprecherin des Referats für Umwelt und Gesundheit München, den Hausarzt oder den Kassenärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117 anzurufen. Fragen Patienten beispielsweise Orthopäden oder Frauenärzte in der Praxis nach einem Test, gilt diese Maxime auch. "Es gibt keine Stelle, wo man direkt jemanden hinschicken kann", sagt die Sprecherin.

Allerdings sind viele Hausärzte mit Anfragen überlastet und Hotlines besetzt. "Ja, es gibt derzeit ein hohes Aufkommen", sagt ein Sprecher des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in Erlangen. "Da muss man Wartezeiten einkalkulieren." Ob Patienten mit starken Symptomen Priorität hätten oder nach Kontakt mit Infizierten? Das würde im "individualmedizinischen Telefonat" mit dem Hausarzt geklärt, so der Sprecher. Vor dem Besuch eines "Drive-in" sollten erst Hausarzt oder Gesundheitsamt kontaktiert werden.

"Das ist Schwachsinn", empört sich Michael Kochen, langjähriger Präsident der Deutschen Allgemeinmediziner. "Mancherorts gibt es Testzelte vor Krankenhäusern oder Drive-ins. Die sollten frei zugänglich sein und bald mehr Testzentren angeboten werden." Zudem seien formal Gesundheitsämter für die Testung zuständig. "Hausärzte sind kein Testzentrum", sagt Kochen. "Wir fühlen uns alleine gelassen." Es gebe kaum Informationen, zudem sei es "unübertroffen, wie unübersichtlich das Robert-Koch-Institut Fachinformationen für uns Ärzte auf seiner Homepage gestaltet", sagt Kochen.

Immer wieder gibt es Berichte, dass Tests auf Corona fehlen. Regional sei das "ein bisschen unterschiedlich", sagt Lars Schaade, Vizepräsident des Robert-Koch-Instituts (RKI). "Wo es derzeit viele Fälle gibt, kann es zu Engpässen kommen." Labore seien jedoch dabei, Testkapazitäten auszubauen. Dem steht gegenüber, dass sich offenbar auch Menschen einen Abstrich nehmen lassen, obwohl sie keine Beschwerden haben. "Das sollte man nicht tun, sondern nur symptomatische Patienten testen" sagt Schaade. Habe man sich in einem Raum mit einem Infizierten aufgehalten, sei ihm aber nicht nahegekommen, wird das Risiko als gering eingeschätzt.

Erst in zwei Wochen ist klar, ob die aktuellen Maßnahmen greifen

Um abzusehen, wie sich die Pandemie entwickelt und ob die aktuellen Einschränkungen den gewünschten Erfolg bringen, braucht es Zeit. Das Robert-Koch-Institut ist auf Zahlen angewiesen, die von lokalen Gesundheitsämtern gemeldet werden. Bis Anfang dieser Woche lief das mehrgleisig: Zusätzlich zum elektronischen Meldesystem wurden dem RKI Infektionen per Fax übermittelt oder der Homepage der Landesgesundheitsbehörden entnommen. "Die Zahlen, die bei uns ankommen, brauchen ein bisschen", sagt Schaade. "Das ist der Meldeverzug." Ein, zwei Tage Verspätung in der Dokumentation müssten einkalkuliert werden. Ab sofort werde nur noch elektronisch übermittelt.

Dass die Fallzahlen in Deutschland in den nächsten Tagen "weiter rasch ansteigen", wie RKI-Vize Schaade prophezeit, liegt am doppelten Verzug. Zum Meldeverzug käme dann noch der "Diagnoseverzug" von ein, zwei Tagen hinzu: Nicht jeder, der symptomatisch ist, wird sofort diagnostiziert. Zudem beträgt die Inkubationszeit, bis Covid-19 gegebenenfalls ausbricht, im Mittel fünf bis sechs Tage. Drei, vier Tage doppelter Verzug plus die durchschnittliche Inkubationszeit ergeben zehn bis zwölf Tage. Erst nach knapp zwei Wochen sei daher abzuschätzen, was die jetzigen Einschränkungen des öffentlichen Lebens bringen.

© SZ vom 17.03.2020/hmw
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