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Coronavirus: Jung gegen Alt:Kein Leben ist weniger wert

Coronavirus - Dresden

Symbol der Pandemie: Deutschlandweit ist der Mundschutz in vielen Geschäften, Bussen und Bahnen Pflicht - für Alt und Jung gleichermaßen.

(Foto: dpa)

Opfern die Jungen ihren Wohlstand, nur damit die Alten und Kranken ein kleines bisschen länger leben? Diese Debatte ist moralisch unerträglich - und wissenschaftlich haltlos.

Nun ist sie wieder da, die Diskussion, welche die Gesellschaft spaltet. Die wie ein ätzendes Agens den Zusammenhalt zwischen den Generationen und zwischen den Gesunden und Kranken zersetzt. Seit Wochen schon - nicht erst seit den jüngsten Provokationen des überzeugten Provokateurs Boris Palmer (Grüne) - wird die Gesundheit der Alten und Schwachen gegen die wirtschaftlichen und sozialen Interessen der Jungen und Gesunden ausgespielt. So droht die Corona-Epidemie der Gesellschaft noch nachhaltiger zu schaden, als sie es ohnehin schon tut. Dabei ist die Debatte "Jung gegen Alt" und "Gesund gegen Krank" nicht nur aus moralischer, sondern auch aus wissenschaftlicher Sicht unerträglich.

Es ist schon so, dass die Jungen die enormen wirtschaftlichen Kosten der Anti-Corona-Maßnahmen noch lange zu tragen haben. Auch stimmt es, dass die Alten in der Corona-Krise gesundheitlich besonders gefährdet sind, im Durchschnitt sterben Corona-Patienten hierzulande mit 81 Jahren. Und doch greift die Überlegung zu kurz, es würden junge Menschen allein für jene, die wegen ihres Alters und ihrer Vorerkrankung "in einem halben Jahr sowieso tot wären", ihr Glück und ihren Wohlstand opfern. Denn ohne die strengen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus würden auch mehr Junge sterben. In Ländern, in denen Ärzte, Kliniken und Bestatter an ihre Grenzen und darüber hinaus gerieten, war das Durchschnittsalter der Toten zeitweise erschreckend niedrig. Das wäre ohne effektive Maßnahmen auch hierzulande der Fall.

Noch dazu ist es falsch, dass der durchschnittliche betagte und vorerkrankte Corona-Tote nur ein paar Monate oder gar Wochen verliert. Statistiker gehen vielmehr von einem Verlust zwischen fünf und 13 Lebensjahren aus. Das mag überraschen, aber Fakt ist: Auch mit Krankheit lässt es sich in einem reichen Land gut leben, wenn kein Virus dazwischenkommt.

In Deutschland gibt es allein 20 bis 30 Millionen Menschen mit Bluthochdruck; von denen, die 70 und älter sind, gehören drei Viertel dazu. Es ist also kein Wunder, dass sich unter den Corona-Toten viele Hochdruck-Patienten finden. Doch auch mit Hypertonie kann man 90 Jahre und älter werden, wenn man einen guten Arzt hat. Das Gleiche gilt für Menschen mit anderen chronischen Leiden - von Diabetes über Aids bis Krebs. Abgesehen davon, dass ab einem gewissen Alter fast jeder "vorerkrankt" ist, gibt es sie eben auch, die Zwanzigjährige mit der Autoimmunkrankheit und den Mittdreißiger mit Blutkrebs. Der Verweis auf Vorerkrankungen ist daher zynisch - und man gerät in Gefahr, ein Leben mit Krankheit als weniger lebenswert zu betrachten.

Selbstverständlich muss trotz allem jetzt über Lockerungen nachgedacht werden, um die negativen Auswirkungen der Krise in vielen Lebensbereichen zu minimieren. Und dabei darf nicht alles auf Kosten der Jüngeren gehen. Es ist richtig, kluge Pläne für die Wirtschaft zu erarbeiten und den Kleinsten wieder Raum für Begegnung, Spiel und Bildung zu geben. Aber bei alldem sollte im Bewusstsein bleiben: Die Krise trifft alle. Am Ende sind die Interessen der Alten und der Jungen, der noch Gesunden und der schon Kranken gar nicht so unterschiedlich. Es geht für alle um Gesundheit, um Geld - und um ein möglichst langes Leben in einer Gesellschaft, die in der Krise zusammensteht.

© SZ vom 02.05.2020/berk
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