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Stopp von Astra-Zeneca-Impfungen in Dänemark:"Keine Häufung thrombotischer Ereignisse"

Corona-Impfung in Finnland mit dem Astra-Zeneca-Vakzin

Corona-Impfung in Finnland mit dem Astra-Zeneca-Vakzin.

(Foto: Markku Ulander/AFP)

Zufällige zeitliche Nähe oder Ursache? Was über Blutgerinnsel nach Gabe des Astra-Zeneca-Vakzins bekannt ist.

Von Werner Bartens

Einzelfall - das klingt für Betroffene und ihre Angehörigen wenig tröstlich. Für die Bevölkerung ist diese Einordnung aber wichtig, wenn es um Zwischenfälle geht, die im zeitlichen Zusammenhang mit einer Therapie oder wie jetzt mit der Impfung gegen das Coronavirus stehen. Lassen sich also Erkrankungen oder gar Todesfälle kausal auf das Vakzin von Astra Zeneca zurückführen - oder wären sie unabhängig von den Impfungen sowieso zu erwarten gewesen? Denn Krankheit und Tod machen keine Pause, auch wenn die Welt gerade nur auf Sars-CoV-2 und den Kampf dagegen blickt.

Länder wie Dänemark und Norwegen pausieren seit Donnerstag damit, das Vakzin von Astra Zeneca zu verimpfen, nachdem vereinzelt Blutgerinnsel aufgetreten waren, einige davon in zeitlicher Nähe zur Impfung und mit Todesfolge. Es gebe "keinen Hinweis auf einen ursächlichen Zusammenhang", teilte das für die Sicherheit von Arzneimitteln zuständige Pharmacovigilance Risk Assessment Committee (PRAC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) mit. Laut EMA wurden bis Mittwoch 30 Fälle von thromboembolischen Ereignissen bei fast fünf Millionen Menschen im Europäischen Wirtschaftsraum gemeldet, die mit dem Astra-Zeneca-Vakzin geimpft waren. Diese Anzahl sei nicht höher als die Zahl der Thrombosen und Embolien, die statistisch zufällig auch ohne Impfung vorkommen würden. Eine WHO-Sprecherin schloss sich der Einschätzung der EMA an, eine ursächliche Verbindung zwischen Blutgerinnseln und dem Vakzin sei nicht zu erkennen.

"Der Nutzen der Impfung überwiegt die bekannten Risiken"

Auch das in Deutschland für die Sicherheit von Impfstoffen zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) fand "bislang keine Hinweise, dass der Todesfall in Dänemark mit der Impfung mit dem Impfstoff von Astra Zeneca in kausaler Verbindung steht". In Deutschland waren bis Donnerstag elf Meldungen über "unterschiedliche thromboembolische Ereignisse" bei etwa 1,2 Millionen Impfungen berichtet worden; vier Menschen starben. Eine geimpfte Person starb zehn Tage nach der Impfung an multiplen Thrombosen. Nach den verfügbaren Informationen zu Thrombosen und Embolien nach Gabe des Vakzins von Astra Zeneca können die Prüfstellen nicht erkennen, dass die Impfung die Erkrankungen verursacht hat. EMA und Paul-Ehrlich-Institut betonen, dass "der Nutzen der Impfung die bekannten Risiken überwiegt". Die aufgetretenen Ereignisse würden aber intensiv untersucht, dazu gehört auch die Möglichkeit, dass Chargen verunreinigt waren.

Werden Verdachtsfälle zu möglichen Nebenwirkungen einer Impfung bekannt, gerät oft in Vergessenheit, dass in zeitlichem Kontext auftretende Krankheiten besondere Aufmerksamkeit erfahren. Zumeist haben sie kausal nichts mit den Impfstoffen zu tun, dennoch sind Zulassungsbehörden verpflichtet, allen Verdachtsfällen nachzugehen.

"Die ergriffenen Maßnahmen sind als Vorsichtsmaßnahmen zu verstehen" sagt Leif-Erik Sander, Infektionsimmunologe an der Berliner Charité. "Allerdings zeigte sich bislang auch nach Gabe von vielen Millionen Impfdosen des Astra-Zeneca-Impfstoffs zum Beispiel in Großbritannien keine Häufung thrombotischer Ereignisse. Daher ist ein kausaler Zusammenhang zwischen Impfung und Thrombosen eher nicht zu erwarten." Natürlich müsse allen Ereignissen nachgegangen werden, was ja auch geschehe. "Ich sehe aber aktuell keinen Grund zur Sorge." Deshalb sei es derzeit auch wenig hilfreich, über Pathomechanismen - Ursachen bestimmter Krankheitsverläufe - zu spekulieren.

Venöse Thrombosen kommen jährlich bei einem von 1000 Erwachsenen vor

Clemens Wendtner, Chef der Infektiologie an der München Klinik Schwabing, mahnt dazu, die Vorkommnisse in das übliche Krankheitsgeschehen einzuordnen. Schließlich kommen venöse Thrombosen unabhängig von Covid-19 jährlich bei einem von 1000 Erwachsenen vor. "In Deutschland gibt es jährlich 100 000 Todesfälle aufgrund von thromboembolischen Ereignissen, sie stellen derzeit die dritthäufigste Todesursache dar", sagt Wendtner. "Insofern ist die Zahl der Thromboembolien nach Impfung in keinem Fall höher als jene, die auch ohne Impfung vorkommen würden", sagt der Arzt.

Zudem geht es um die individuelle Risikoabwägung. "Auch Covid-19 geht mit einem starken Risiko für Thrombosen einher", so Wendtner. In einer aktuellen Studie aus den USA mit mehr als 3300 Covid-Patienten litten 16 Prozent an Thrombosen oder Embolien. "Das Risiko, an einer Covid-19-assoziierten Thrombose Schaden zu nehmen, wäre also um ein Vielfaches höher." Statt von einer Kausalität sei von einer Koinzidenz auszugehen, also von Zufall statt Ursache.

Ein Schaden ist allerdings bereits angerichtet - denn nun ist eine weitere vermeintlich negative Nachricht in der Welt, die dem Image des Impfstoffs und der Impfkampagne schadet. Der vorläufige Stopp der Impfung in einigen europäischen Ländern verstärkt den schlechten Eindruck. "Und das, nachdem das Vakzin von Astra Zeneca erst im Nachrückverfahren in Deutschland für ältere Patienten über 65 Jahre durch die Stiko empfohlen wurde und die fast 100-prozentige Schutzwirkung vor schweren Verläufen und Mutanten nur latent kommuniziert wurde", bedauert Wendtner.

Dabei gebe es aus Großbritannien, wo bereits mehr als 22 Millionen Menschen geimpft wurden, und zwar größtenteils mit dem Vakzin von Astra Zeneca, bisher keinerlei relevante Sicherheitsbedenken. "Dank dieses Impfstoffs sind dort inzwischen weniger Neuinfektionen und hospitalisierte Patienten registriert", sagt Wendtner, "und das Land wird hoffentlich bald aus der Pandemie herausfinden."

© SZ.de/nguy/cvei
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